Neustadt
Aus Eritrea geflohen: Kidane Ande lebt seinen Traum als Friseur
Auf seinem Handy hat Kidane Ande ein Foto gespeichert. Es zeigt einen Herrn, dem er die Koteletten frisiert hat. Mit einer Klinge hat er die Härchen zu einem Spiralmuster geschnitten. Für den 33-jährigen Friseur aus Eritrea eine leichte Übung. Solche Muster bereiten ihm Freude. Dass diese Aufnahme einmal seine Laufbahn in Deutschland beeinflussen sollte, hätte er vermutlich selbst nicht gedacht. Ande erzählt, dass er die Aufnahme einer engagierten Flüchtlingshelferin im Schöntal zeigte. Die wohnte gleich gegenüber seiner Flüchtlingsunterkunft, in der Ande innerhalb einer Wohngemeinschaft lebte. Heißt: Sieben Flüchtlinge teilten sich mehrere Zimmer und eine Küche.
Die Flüchtlingshelferin und ihr Mann halfen den Neuankömmlingen beispielsweise beim Spracherwerb oder beim Ausfüllen von Formularen. Andes’ Bild soll ihr gefallen haben. Laut dem Eritreer fragte sie ihn, ob er das weitermachen möchte. Also: Haare schneiden, frisieren. Ande bejahte. Und er hatte Glück: Denn die Flüchtlingshelferin ging in die gleiche Chorgruppe wie die Ehefrau des Neustadter Friseurmeisters Helmut Braun, dem der gleichnamige Salon in der Hauptstraße gehört. „Dadurch kam der Kontakt zustande“, sagt Ande. Seit 2016 ist er nun schon Teil des Braun'schen Friseurteams. Spezialisiert hat er sich auf Herrenfrisuren.
Dienstpflicht, die nicht endet
Aufgewachsen ist Kidane Ande in Eritrea. Das 3,8-Millionen-Einwohner-Land liegt im östlichen Teil Afrikas, direkt am Roten Meer. Pro Jahr haben die Menschen dort im Schnitt nicht mehr als 530 Euro zur Verfügung – das Land gehört zu den ärmsten der Welt. Dass der Staat autoritär geführt wird, verschärft die Lebensbedingungen. Viele Bürger werden zum Militärdienst gezwungen. Dieser ist eigentlich auf 18 Monate ausgelegt. Hintergrund dafür sind Reibungen mit dem Nachbarland Äthiopien. Bis 2018 standen die beiden Nationen im Krieg.
Ande berichtet, dass sich die Regierung nicht an die 18 Monate Dienstpflicht halte. Menschen könnten nach dieser Zeit also nicht aussteigen: Die Dienstpflicht werde auf unbestimmte Zeit verlängert. Betroffene leisteten dann nicht nur militärische Aufgaben – sie müssten auch Straßen renovieren oder in der Landschaftwirtschaft arbeiten. Die Bezahlung sei miserabel und die Überwachung fürchterlich: „Sie kommen zu dir nach Hause und verhören dich“, erzählt Ande. So sei es ihm mehrere Male ergangen. Grund dafür soll ein falscher Verdacht gegen ihn sein: Er hätte als Fluchthelfer gearbeitet. Verließ er das Land und kam zurück, hätten sie ihn neuen Verhören unterzogen. Für Ande unerträglich. Er beschließt, sein Heimatland zu verlassen.
Leidenschaft für das Handwerk
Seine Reise führt ihn durch Libyen ans Mittelmeer. Anfang 2014 war das. Per Boot kommt er in Italien an und zieht weiter nach Deutschland. Dort wird er in München erstmals auf deutschem Boden registriert. Über den Umweg Trier kommt er in Neustadt an – in eben jene Wohngemeinschaft im Schöntal.
Ande möchte in Deutschland arbeiten. In Eritrea hat er seine Schullaufbahn (bis zur zwölften Klasse) beim Militär gemacht. So etwas wie einen Friseurberuf gebe es in seiner alten Heimat nicht, sagt er. „Wer einen Haarschnitt braucht, geht zu denen, die Haare schneiden können.“ So habe er das bei seinen Bekannten gemacht. Eine Berufsausbildung auf deutschem Niveau besaß er damals natürlich nicht. Doch er hatte etwas anderes: Talent – und die Leidenschaft für das Friseurhandwerk.
Das brauchte er auch, denn sein Berufsstart in Neustadt war nicht leicht. Helmut Braun erinnert sich: „Wir haben ihn vorschneiden lassen und mit ihm geübt. Wichtig war, dass er zuerst die Sprache lernt.“ Für Ande bedeutete das: Sprachkurse besuchen. Ein Jahr lang. Erst danach begann er 2016 mit einem Praktikum im Friseursalon. Ein Jahr konnte er sich auf diese Weise beweisen.
Danach besuchte er für weitere dreieinhalb Jahre eine Berufsschule, um seine Friseurausbildung zu machen. Zwischendurch nahm er an den Sprachkursen teil – und sammelte praktische Erfahrung im Salon. Was neu für ihn war: ein paar Handgriffe beim Schneiden. Wenn man beispielsweise die Haarsträhnen zwischen Mittel- und Zeigefinger hält. Auch das Schneiden mit der Schere musste er üben. Mit der Haarschneidemaschine habe er hingegen keine Probleme gehabt, so Ande. Seinem Vorgesetzten Braun ist eine Situation in Erinnerung geblieben: „Einmal hat er einen Kunden mit einer bloßen Rasierklinge rasiert, da hatte ich fast ein bisschen Angst“, sagt Braun mit einem Lächeln. Doch es ging alles gut. Andes Beobachtung: Die Menschen in Europa haben eine andere Haardichte als die in Eritrea: „Es ist sehr viel leichter und weniger hart“, sagt er. Die Haare von Eritreern seien fester und nicht so leicht zu kämmen.
Hoher Besuch aus Mainz
Nach wie vor fällt Ande die deutsche Sprache schwer: „Es gibt so viele Bedeutungen für die gleichen Wörter“, erzählt er. Braun hebt den Schweregrad der deutschen Grammatik hervor. Hinzu kommt, dass der Friseurberuf ein eher kommunikativer ist, wie Braun mit seiner jahrzehntelange Erfahrung bestätigen kann: „Man kennt sich, und man redet miteinander“, fasst es der Haarexperte zusammen. Das sei Ande anfangs schwergefallen, aber mittlerweile habe er sich entwickelt: „Er hat seine eigenen Stammkunden“, betont der Friseurmeister. „Ich gehöre auch dazu.“
Die Wohngemeinschaft hat der 33-Jährige mittlerweile verlassen. In einer Neustadter Wohnung lebt er mit seinem Neffen zusammen. Seine Integrationsgeschichte hat die Runde gemacht: Anfang Juni kam die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) nach Neustadt und unterhielt sich mit Ande. „Fast eine Stunde haben sie miteinander gesprochen“, sagt Braun stolz. „Und er hat das sehr gut gemacht.“ Darüber hinaus hat der gebürtige Eritreer den Führerschein gemacht, geheiratet und ist Vater geworden. Einer seiner Wünsche: Seine Familie zu sich nach Deutschland zu holen – die lebt derzeit in Äthiopien. Auch dabei möchte Helmut Braun seinem Schützling zur Seite stehen: „Wenn was ist, sind wir jederzeit für ihn da.“