Deidesheim
Annes Welt: Der Ball hat immer recht!
Und während sich die Nation zwischen Euphorie und Existenzkrise einpendelt, beginnt für andere ein vierwöchiger Roadtrip durch Amerika: 48 Teams, 104 Spiele und 16 Austragungsstädte – ein Mix aus Wanderzirkus und Völkerwanderung, dessen verkehrsbedingte CO 2 -Emissionen nicht tonnengenau vorhersehbar sind. Spieler, Fans, Funktionäre ziehen scharenweise durchs Land und lassen Klimaaktivisten den Spielplan mit ähnlicher Begeisterung studieren wie Veganer die Speisekarte in einem texanischen Steak-Restaurant.
Zum Glück steht ja schon einen Super-Hero aus Deutschland fest: Trionda, der Ball aus Herzogenaurach. Er kann dank neuester Connected Ball Technology Antizipation, Taktik und Spielintelligenz. Wenn 84 Millionen Bundestrainer dem Schiedsrichter konzentriertes Weggucken attestieren und in den Fernseher brüllen: „Ey, pfeifst du heute nach Gefühl, oder würfelst du noch …“, checkt der Chip in Trionda alle Balldaten in Echtzeit und funkt dem Schiri „Ey Bruder, geh VAR checken.“ Ignoriert er’s, ploppt auf der Stadionanzeige auf: Parkplatz Schiri, Block C, Reihe 3, Nr. 4711. Viel Spaß nach dem Abpfiff.
Trionda ist überall: Torlinie überquert? Bam! Und Insta postet das Bild des Torschützen – noch bevor der überhaupt jubelt. Verletzung? Alle Daten gehen sofort an die elektronische Patientenakte. Auf dem Rasen: rennen, rutschen, rotzen? Welcher Move dran ist, sagt dir Trionda und zwar bei jedem Ballkontakt. Vorsätzliches Handspiel wie damals im Viertelfinale bei der EM 24 gegen Spanien? Trionda hätte schon gepfiffen, als in Marc Cucurellas Hirn der Gedanke „War die Schulter!“ noch im Vorzimmer der Abteilung für alternative Fakten auf seine Freigabe wartete.
Und da Fußball auch Kopfsache ist, steckt er dem Spieler auch, wenn sein neuer Undercut scheiße aussieht. Bei apothekenpflichtigen Spielen, die als Einschlafhilfe taugen, triggert Trionda die Stürmer: „Ey Bro, zieh durch, noch 7 Minuten ackern, dann ist deine 20 Millionen-Villa am Tegernsee abbezahlt.“ Interviews nach dem Spiel? Macht jetzt der Ball – wenigstens einer hat dann die Übersicht.
Er liefert die perfekten Antworten – ja. Aber leider keine legendären. Trionda kann kein „Ich habe fertig“. Dafür ist er zu sachlich, zu vernünftig, zu intelligent. Und genau da liegt das Problem. Denn wer immer passgenaue Antworten gibt, wird niemals diese wunderbare Welt der Fußballfloskeln bedienen. Und sie ist wunderbar … Was würde ich drum geben, nach einem ganz normalen Arbeitstag auch mal mit einem Statement wie diesem vor die Presse treten zu können: „Wir haben heute bei den Mails über weite Strecken gut dagegengehalten, müssen uns aber vorwerfen lassen, dass wir die Excel-Tabelle in der Schlussphase aus den Augen verloren haben. Am Ende hat das nahende Wochenende das Momentum gekillt. Jetzt richten wir den Blick nach vorne und konzentrieren uns auf die nächste Woche. Danke.“
Die Kolumne
Die Deidesheimerin Anne Vogd stieg 2016 aus der Textilbranche aus und in die Comedy ein. In der Rubrik „Annes Welt“ veröffentlichen wir regelmäßig, was der 60-Jährigen durch den Kopf geht. Noch mehr Humor von Anne Vogd finden Sie auf Instagram: @annevogd.