Interview
Abschaffung der Weinkönigin: Für Neustadts OB ein „historischer Fehler“
Herr Weigel, ich könnte mir vorstellen, dass Sie gerade nicht so glücklich sind. Neustadt identifiziert sich als Krönungsstätte der Deutschen und der Pfälzischen Weinkönigin – von Botschaftern ist da nicht die Rede …
Nicht glücklich ist untertrieben. Ich halte die Entscheidung der Pfalzwein für einen historischen Fehler und ich ärgere mich sehr darüber. Gegenüber der Stadt Neustadt an der Weinstraße als traditioneller Wahl- und Krönungsstätte und als jahrzehntelangem Mitveranstalter sind die Entscheidungsfindung und auch die Kommunikation instinkt- und respektlos.
Die Wahl findet immer im Saalbau und damit mitten in Neustadt statt. Zudem bieten Sie mit dem Winzerfestumzug den Hoheiten eine tolle Plattform. Waren Sie denn in alle Überlegungen der Pfalzwein eingebunden?
Nein. Ich habe vor einigen Wochen erfahren, dass die Ausschreibung der Weinkönigin geschlechterneutral erfolgt ist, man aber nicht daran glaube, Männer im Finale zu sehen. Ich habe damals schon sehr deutlich gemacht, dass ich damit nicht einverstanden bin. Ich äußerte meine Befürchtung, die Weinkönigin geschlechterneutral auszuschreiben, werde früher oder später zur Abwertung dieses Amtes führen und zur Zerstörung einer fast 93 Jahre alten Tradition. Ich konnte aber davon ausgehen, dass wir noch Zeit haben, die Dinge fürs nächste Jahr in Ruhe zu diskutieren und in Ordnung zu bringen. Am Montag hat man mir stattdessen in einer Videokonferenz mitgeteilt, dass man sich nun bereits zu einem radikaleren Schritt entschlossen habe und schon in diesem Jahr keine Weinhoheit mehr krönen wolle. Diese sei nicht mehr zeitgemäß. Die Pfalz wolle an der Spitze der Reformbewegung stehen. Stattdessen suche man jetzt einen „Weinbotschafter/-in m/w/d“, der oder die dann eine Anstecknadel statt der Krone erhalten soll.
Wie erklären Sie sich das?
Scheinbar war es der unbedingte Wille der Pfalzwein-Verantwortlichen, ihr Konzept durchzudrücken und sich mit potenziellen Kritikern nicht unnötig lange auseinanderzusetzen. Auf unsere Meinung als jahrzehntelangem Partner legte man dabei ebenso wenig Wert, wie auf die anderer Pfälzer Gemeinden und ihrer vielen Weinprinzessinnen, die vielleicht auch einmal Weinkönigin werden wollten.
Hinter den Pfalzwein-Entscheidungen stecken ja offensichtlich Modernisierungsüberlegungen. Können Sie diese teilen?
So jedenfalls nicht. Über Weiterentwicklung kann und muss man immer reden. Hier geht es aber um die Aufgabe des Markenkerns. Die Pfälzische Weinkönigin war eine Idee des Neustadter Verlegers Daniel Meininger aus den 1920er-Jahren. Sie dient seit 1931 der Weinwerbung und Identitätsstiftung und lenkt national und international Aufmerksamkeit auf den Pfälzer und den Deutschen Wein. Sie war und ist eine Erfolgsgeschichte und das Vorbild für viele weitere Produktköniginnen geworden. Mit dem gesellschaftlichen Wandel des Frauenbildes entwickelte sich gleichzeitig auch die Wahrnehmung des Amtes. Ich kenne nur selbstbewusste, eloquente und sehr fachkundige Frauen, die es anstreben. Sie ziehen Sympathien auf sich und damit auf Region und Produkt. Jeder spürt, die Qualitätsansprüche sind hoch. Nach 93 Jahren ist die Weinkönigin ebenso wie die vielen örtlichen Weinprinzessinnen landauf, landab vom Neustadter Saalbau aus zum lebendigen Bestandteil der deutschen Weinkultur geworden. Auch deshalb ist diese seit 2021 immaterielles Unesco-Kulturerbe. Das ist doch ein Wert an sich und sollte nicht einem angeblichen Zeitgeist geopfert werden.
Warum kann das ein Weinbotschafter nicht leisten?
Sicher kann der Botschafter etwas leisten. Die Symbolik der Weinprinzessin oder Weinkönigin entsteht aber durch das, was die Menschen in ihr sehen, durch Emotionen und Assoziationen. Im Unterschied zum Mann steht eine weibliche Weinhoheit mit dem Glanz ihrer Krone, der schicken, festlichen Kleidung und einem stilvollen Glas für die menschliche Faszination fürs Glamouröse, Elegante, Schillernde, vielleicht auch das etwas Märchenhafte einer Prinzessin. Die selbstbewussten Weinköniginnen der vergangenen Jahrzehnte haben eine anerkennende und wertige Sicht auf dieses Amt geprägt. Es sind junge Frauen, die sich für ihre Heimat einsetzen, anderen stolz davon erzählen und sich auch persönlich weiterentwickeln wollen.
Und das kann ein Weinkönig nicht?
Mit einem König verbindet man einen Herrscher. Ein Weinkönig erscheint doch eher wie eine Karikatur à la Bierkönig. Die Attribute für einen Mann sind eben nicht dieselben wie für eine Frau. Und das ist doch bitteschön auch nicht schlimm. Es gibt sicher gute männliche Weinhoheiten, die werden aber nicht als König, sondern beispielsweise als launiger Weingott Bacchus dargestellt. Beim Haardter Herzog handelt es sich um eine charmante Anspielung auf die Bezeichnung der örtlichen Weinlage „Haardter Herzog“. Alles hat seine besondere Geschichte und ist vor allem auch Tradition, die einen kulturellen und gesellschaftlichen Wert an sich darstellt.
Sie sehen darin kein Klischee – jemanden zum Vorzeigen mit Krone statt Fachwissen?
Alle Weinhoheiten, die ich hier erlebt habe, egal ob Pfälzische oder Deutsche, verfügten über profundes Fachwissen. Die amtierende Pfälzische Weinkönigin Charlotte Weihl ist der lebende Beweis, dass die Weinkönigin kein Klischee, sondern eine gute, wertschätzende Tradition ist, die von modernen, intelligenten Frauen selbstbewusst gelebt und so auch dauerhaft bewahrt werden kann.
In der Eingangsfrage habe ich es schon angedeutet. Für die Stadt Neustadt ist das Thema gleich aus mehreren Punkten wichtig. Es gibt zudem beispielsweise die Sandsteintafel am Saalbau, und es gibt ja die Weinköniginnen-Ampeln …
Die Krönungsveranstaltung war als Mitveranstalter bisher unser finanzielles Risiko. Das Ticketing läuft über unsere TKS, der Pfalzwein-Beitrag war fix. Das Risiko, dass die Weinbotschafter-Veranstaltung nicht in gleicher Weise Besucher zieht, sollen offensichtlich wir tragen, ohne in die Entscheidung einbezogen worden zu sein. Wir gestalten jedes Jahr einen eigenen städtischen Prunkwagen der Königinnen für den Winzerumzug. Den sollen wir dann wohl einmotten. Letztlich fehlt für viele Anlässe eine repräsentative Akteurin und Aufwertung jeder Veranstaltung, zum Beispiel der Großen Pfalzweinprobe. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Haben Sie schon Reaktionen aus der Stadt bekommen? Jedes Weindorf hat Weinprinzessinnen, Gimmeldingen die Mandelblütenkönigin und Haardt zudem den Herzog. Die könnten ja jetzt sagen: Oh, wir sind wohl das altbackene Fußvolk und oben gibt’s nur noch „moderne Botschafter“. Das passt irgendwie nicht.
Ich habe viele Reaktionen erfahren. Zustimmung zur Entscheidung war nicht dabei. Allerdings teilte man mir seitens Pfalzwein mit, der Berufsstand der Winzer stehe hinter dieser Entscheidung und man sei überzeugt, die Pfalz hier in einer erstrebenswerten Vorreiterrolle zu sehen. Ich bezweifle beides.
Mit dem Deutschen Weininstitut werde ich darüber nächste Woche sprechen.
Wie geht’s aus Ihrer Sicht weiter? Gewöhnt man sich an den Titel „PfalzWeinBotschafter“ oder muss noch mal über alles gesprochen werden? Oder denkt die Stadt gar über Konsequenzen nach und will nicht mehr Gastgeber sein?
Die Neustadter Politik, gerade auch unsere Ortsvorsteher und die Weinprinzessinnen, befrage ich gerade und hole ein Stimmungsbild ein. Dann entscheiden wir, wie wir mit der Situation weiter umgehen. Ich werde auf potenzielle Partner zugehen und kläre gerade, ob wir es als Stadt Neustadt an der Weinstraße gemeinsam mit anderen schaffen können, die „Symbolfigur Pfälzische Weinkönigin“ für die Zukunft zu bewahren. Ob daraus etwas wird, kann ich noch nicht sagen. Aber einen Versuch ist es allemal wert. Ich hoffe dabei auf Unterstützung aus der Region.



