Mannheim
Bundestagskandidaten: Wer darf nach Berlin?
Der Bundestagswahlkreis Mannheim galt jahrzehntelang als sichere Bank für die Genossen. Doch seit zwölf Jahren hatte ein Direktkandidat der Mannheimer CDU beste Aussichten auf den lukrativen Posten. Dreimal Egon Jüttner und einmal sein Nachfolger Nikolas Löbel profitierten von der Schwäche des jeweiligen SPD-Bewerbers. Doch der Wind hat sich gedreht, die Maskenaffäre um Löbel kratzte am Image der CDU. Weil der bereits für die Bundestagswahl wiedernominierte Löbel im März unter öffentlichem Druck seinen Hut nahm, musste flugs Ersatz gefunden werden. Der ist allerdings kaum bekannt und kämpft gegen die Altlasten seines Vorgängers. Für den aktuellen Unionskandidaten Roland Hörner, Mannheims ehemaligen Hafendirektor, hängen deshalb die Trauben höher als für seine Vorgänger. Auf der Landesliste seiner Partei rangiert der 67-Jährige chancenlos auf Platz 40.
Drei Kandidatinnen liegen inzwischen eher im Trend. Und sie vereint eines: Sie sind jung und stammen aus Einwandererfamilien, darunter die momentan einzige Bundestagsabgeordnete aus Mannheim: Gökay Akbulut. Die 38-jährige Tochter kurdischer Einwanderer sitzt seit 2017 für Die Linke in Berlin und tritt nun erneut an. Akbulut ist auf Listenplatz 2 ihrer Partei die Wiederwahl fast sicher. Sie hatte vor vier Jahren Gerhart Schick beerbt. Akbulut und der MLPD-Kandidat Josef Buck sind die einzigen der Direktkandidaten von 2017, die erneut auf dem Stimmzettel stehen.
Drei Frauen, drei Männer
Vom momentanen Aufwärtstrend der Genossen könnte auch die Wirtschaftspädagogin Isabel Cademartori profitieren. Die 33-jährige SPD-Kandidatin hat auf der Landesliste den aussichtsreichen Platz 17 bekommen und durchaus noch Chancen, falls sie das Direktmandat verpassen sollte. Die Jüngste im Bunde heißt Melis Sekmen. Die 28-jährige Studentin kommt aus einer klassischen Gastarbeiterfamilie und geht für die Grünen ins Rennen. Alle drei Bundestagskandidatinnen sind in der Mannheimer Kommunalpolitik groß geworden, haben sich im Gemeinderat erste Sporen verdient. Alle haben in der Region studiert, berufliche Erfahrung gesammelt und treten im Wahlkampf selbstbewusst auf.
Neben den drei Frauen gehen für die anderen drei großen Parteien Männer ins Rennen. Neben Roland Hörner stehen der 48-jährige Polizeibeamte Jörg Finkler von der AfD, der auch im Gemeinderat sitzt, und der 44-jährige Volkswirt Konrad Stockmeier von der Freien Demokraten auf dem Wahlzettel. Stockmeier ist auch Kreisvorsitzender der FDP.
Beim AfD-Kandidaten ist die Ausgangslage wie beim Christdemokraten Hörner. Er steht gar nicht auf der Landesliste und müsste das Direktmandat holen, um in den Bundestag zu kommen. Auf Listenplatz 13 hat FDP-Mann Stockmeier mehr Chancen, sofern die Liberalen erneut mit einem zweistelligen Ergebnis so gut abschneiden wie beim letzten Mal.
70.000 Bürger fordern Briefwahl an
Folgende Direktbewerber machen sich in Mannheim ebenfalls Hoffnungen auf ein gutes Abschneiden: Simon Matheis (Die Partei), Johanna Legnar (KlimalisteBW), Stephan Frauenkron (Freie Wählervereinigung), Joachim Förster (ÖDP) und Lars Ebert (Die Basis).
Bei der Bundestagswahl vor vier Jahren holte die Union auch die meisten Zweitstimmen im Wahlkreis 275, der identisch mit dem Stadtkreis Mannheim ist. Im Rennen um das Direktmandat (Erstimmen) setzte sich Nikolas Löbel (29,3 Prozent) gegen Stefan Rebmann von der SPD durch, der auf 27,9 Prozent kam – rund 2000 Stimmen lagen zwischen den Konkurrenten. Damals waren 73 Prozent von rund 197.000 Wahlberechtigten zur Urne gegangen. Für die Wahl am Sonntag, 26. September, zeichnet sich bereits ein weiterer Rekord ab: Fast 70.000 Bürger haben bislang Briefwahlunterlagen angefordert.