Ludwigshafen
Wenn Männer Opfer häuslicher Gewalt werden
Nach Stuttgart müsste ein Mann auf der Suche nach einer vorübergehenden Bleibe fahren, wenn er seine eigenen vier Wände überstürzt verlassen müsste, um sich vor seiner aggressiven Partnerin in Sicherheit zu bringen. Wenn in der einzigen Schutzwohnung für Männer im Südwesten einer der beiden Plätze frei ist. Alternativ fallen Sozialpädagoge Norbert Ries zwei Männerhäuser in Köln und Düsseldorf ein, falls die auch belegt wären, würde die Reise bis nach Sachsen führen. Während das Netz an Frauenhäusern auch in der Vorderpfalz engmaschig geknüpft ist, sind Männerhäuser in Deutschland dünn gesät. Ries kommt auf neun, mit 29 Plätzen.
Allein für Rheinland-Pfalz brauche es für die bekannten Fälle von Männern, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, fünf Standorte, fordert der Verein Schutzraum, der eine Beratungsstelle für Männer und junge Väter aus der Region im „Nukleus“ in der Bismarckstraße betreut. Die Dunkelziffer nicht eingerechnet: Schätzungen gehen nicht von einem Fünftel, sondern von einem Drittel aus.
Selbst wenn Männer einen geheimen Unterschlupf finden, stellt sich jenseits der geografischen Distanz mitunter die nächste Problematik, weiß Ries aus zig Beratungsgesprächen: Wohin mit den Kindern, wenn diese zur eigenen Sicherheit ebenfalls aus der häuslichen Umgebung entfernt werden müssen? Ultimativ schreitet das Jugendamt ein, aber dann wären die Geflüchteten nicht nur von der Frau und Mutter getrennt, sondern in dieser belastenden Ausnahmesituation auch noch voneinander. Alternativ bliebe nur noch ein sogenanntes Einweisungsgebiet, also eine städtische Unterkunft in einem sozialen Brennpunkt.
Einzige Beratungsstelle in Region
Kindern Leid durch eine dauerhafte Trennung der Eltern zu ersparen ist ein bekanntes Motiv, warum häusliche Gewalt ertragen wird, in den meisten Fällen von Frauen, aber auch von Männern. Schutzraum wendet sich an Männer als Opfer wie als Täter. Letztere wenden sich an den Verein, weil sie die Gewaltspirale entweder selbst durchbrechen wollen oder weil ihnen eine Verhaltensbesserung zur Auflage gemacht worden ist. Der Umgang mit Gewalt ist einer der Schwerpunkte in der Beratungsstelle. Dort können Männer und junge Väter aber auch Probleme in der Partnerschaft, mit der eigenen Identität oder seelische Leiden ansprechen.
Die Nachfrage aus der gesamten Vorderpfalz und der rechtsrheinischen Region Mannheim/Heidelberg ist groß, berichten Ries und Vereinsvorsitzender Ulli Baumann. Gut die Hälfte der männlichen Klientel vereinbart einen Termin, weil es mit dem Thema Gewalt in der Beziehung nicht zurechtkommt, weiß Ries. Männer zwischen Mitte 20 und Mitte 30 würden plötzlich mit Anforderungen und Erwartungen konfrontiert, die sie überfordern können. Aus Angst, eine Schwäche einzugestehen, als Jammerlappen dazustehen oder lächerlich gemacht zu werden, ließen sie ihre Aggression unkontrolliert aus. Frauen würden in vergleichbaren Situationen aufgrund ihrer physischen Unterlegenheit eher mit Worten überreagieren, Männer tendierten eher zu körperlicher Gewalt.
Ehrenamtliche Beratung
Aber keine Regel ohne Ausnahme – für die Schutzraum seine Hilfe anbietet. Denn zur Polizei trauen sich misshandelte Männer aus Scham oder Überforderung eher nicht. „Aus gutem Grund gibt es eine Reihe von Angeboten für Frauen und Mütter“, stellen Ries und Baumann klar. Die gesellschaftliche Realität verdeutliche den Bedarf, dass sich Gleichstellungsbeauftragte auch Männer im Blick haben. Als einziger Verein dieser Art in der Region macht sich Schutzraum seit 2018 auch für eine solche Forderung stark, berät Mittwoch für Mittwoch Männer in heiklen Lebenslagen und lädt in eine Selbsthilfegruppe ein.
Staatliche Unterstützung erhalten die 25 Ehrenamtlichen im Verein dafür nicht, ihr Engagement ist ein „enormes Zuschussgeschäft“. Mit Norbert Ries hat er zumindest einen leidenschaftlichen und geduldigen Fachmann. Bis zu seiner Pensionierung in einem Jahr arbeitet der Sozialpädagoge im Interventionszentrum gegen häusliche Gewalt in Landau.
Im Gegensatz zum verordneten Trainingsprogramm dort setzt das Schutzraum-Angebot ausschließlich darauf, dass verunsicherte Männer den ersten Schritt auf den Berater zu gehen. Drei betreut Ries an einem Nachmittag und meist über einen längeren Zeitraum, dazu kommen Telefongespräche, im vergangenen Jahr allein 25. Von Mann zu Mann über das Rollenbild, die Eigenwahrnehmung, die gesellschaftlichen Erwartungen, Respekt und Toleranz reden zu können – das macht das Wesen von Schutzraum aus. Und die Tatsache, dass es solch ein spezifisches Angebot für eine kaum beachtete Minderheit überhaupt gibt.
Noch Fragen?
- Die Schutzraum-Beratungsstelle, Bismarckstraße 75, ist mittwochs von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Eine telefonische Terminvereinbarung wird empfohlen unter 0621 18065224. Nähere Infos auch per E-Mail an maennerberatung@schutzraum-ev.de
- Die Selbsthilfegruppe „Männer stärken“ trifft sich mittwochs von 18.15 bis 20 Uhr in der Bismarckstraße. Kontakt: Frank Mendel, Telefon 0157 50645226 oder E-Mail maennerberatung@schutzraum-ev.de
- Spendenkonto: Sparkasse Vorderpfalz, IBAN DE14 5455 0010 0193 0738 89, Verwendungszweck: Männerberatung