Für Flaneure
Welt aus den Fugen: Ein Kunstwerk polarisiert
Rostige Stufen führen ein paar Schritte nach oben, dann kippt die Treppe ab. Das Metall scheint in großer Hitze geschmolzen zu sein. Auf der rechten Seite hängt ein Zaun in seinen Angeln, der vor nichts mehr schützt. Man könnte auch an eine Häuserfassade mit leeren Fensterhöhlen denken. Eine halbierte Kugel mit ausgefransten Rändern bildet die Mitte des Kunstwerks, flankiert von zwei bunten Tafeln mit Löchern. An die Zerstörung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg kann man sich erinnert fühlen.
Den Zweiten Weltkrieg erlebte Margot Stempel-Lebert, die in Landau geboren ist und dort auch starb, von 1942 an in München. An der Akademie der bildenden Künste studierte sie, bei Philosophie-Professor Kurt Huber, Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, wohnte sie. Nachdem die Gestapo Huber und die Geschwister Scholl, die nur wenig älter waren als Stempel-Lebert, verhaftet hatte, verhörte sie auch die junge Kunststudentin. Sie versicherte, von der „Weißen Rose“ nichts gewusst zu haben, und blieb unbehelligt. Doch vom Schicksal der hingerichteten Mitglieder der Widerstandsgruppe war sie tief betroffen.
Zerstörung und Vergänglichkeit
Vielleicht war diese Erfahrung mit der Gestapo in der NS-Diktatur der Grund für Margot Stempel-Leberts kritische Einstellung gegenüber der Polizei in der Bundesrepublik. Immerhin durfte sie ihre Kritik im Auftrag des Ludwigshafener Polizeipräsidiums zum Ausdruck bringen. Nachdem das Gebäude zwei Neubauten erhalten hatte, erhielt Stempel-Lebert über den Weg einer begrenzten Ausschreibung den Auftrag. Sie wählte raues, rohes Material. Man erkennt Spuren der Bearbeitung: Schweißnähte und ungeglättete Schnittstellen sind zu sehen. Mit der geplatzten Kugel scheint die Ordnung der Welt aufgebrochen, ins Wanken geraten. Auch die stützenden Pfeiler, Gerüste und Wände können nicht mehr tragen, sind nur noch Fragmente ihrer selbst. Zerstörung und Vergänglichkeit sind das Thema. Ein pessimistisches Weltbild kommt in dem Kunstwerk zum Ausdruck.
Bei manchen Ludwigshafenern kam die „Gestörte Ordnung“ nicht gut an. „In der Bevölkerung ein sehr umstrittenes Kunstwerk: Allein der Titel sei eine unpassende Herausforderung vor einer Ordnungsbehörde, dazu auch der Aufbau, der an Schrott erinnern würde – gemeinhin eine Provokation für die deutsche Ordnung“, ist auf Norbert Huflers Website „Kunst in Lu“ zu lesen. Lockerer sieht das die Polizei. „Die Polizei hat den gesetzlichen Auftrag, für Recht und Ordnung zu sorgen. Das Kunstwerk mit dem Titel ,Gestörte Ordnung’ vor unserem Präsidium fordert uns natürlich heraus. Wir verstehen es aber als Ansporn, die alltäglichen Herausforderungen des Polizeiberufs zu meistern und dadurch die Ordnung wiederherzustellen, sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen“, sagt Polizeipräsident Georg Litz dazu.
„Sonnenspirale“ im Gefängnishof
Wenn die Polizei und die Justiz ihre Arbeit getan haben und sich die Verbrecher hinter Schloss und Riegel befinden, können sie beispielsweise in Frankenthal im Gefängnis über ein weiteres Werk von Stempel-Lebert nachdenken. „Sonnenspirale“ heißt die Arbeit, die in einem Hof der Vollzugsanstalt steht. Zahlreiche Kunstwerke aus Stempel-Leberts Werkstatt schmücken öffentliche Gebäude wie Schulen und Gotteshäuser. Dazu gehört eine Eisenplastik in der Ludwigshafener Staatsphilharmonie. Eine rostige Figur im Foyer spielt hier ein ebenso rostiges Cello. Weitere wichtige Werke sind die Johannisfigur an der Johanniskirche in Pirmasens, der Mennoniten-Gedenkstein in Landau sowie das Landauer Synagogen-Mahnmal.
Wie bei vielen Künstlern entwickelte sich Margot Stempel-Leberts Formensprache. Ihre Plastiken aus Stein, Holz, Keramik, Bronzeguss und Eisen waren anfangs meist figürlich, später wurden sie abstrakter. Dass die „Gestörte Ordnung“ vielen Menschen nicht gefällt, war Margot Stempel-Leberts Absicht. Es ist von ihr überliefert, dass sie irritieren und zum Nachdenken anregen wollte. Und eine heile Welt haben wir in Deutschland nicht. Die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs, die Folgen des rechten Terrors und eine braune Gesinnung belasten die Gesellschaft wie auch die Polizei.
Die Serie
Auf diese Kunst trifft man unvermittelt: Sie schmückt den Park, sie konkurriert auf der Straße um Aufmerksamkeit der Passanten. Kunst im öffentlichen Raum hat sich über die Epochen gewandelt, und in der Serie „Für Flaneure“ erzählen wir Wissenswertes zu Werken in der Umgebung.