Ludwigshafen „Weil die Verfolgung nie zu Ende geht“
Solidarität mit politisch verfolgten Schriftstellern bekundete das Mannheimer Literaturfestival „lesen.hören“ in einer besonderen Veranstaltung. In deren Mittelpunkt stand der deutsch-türkische Autor Dogan Akhanli. Es kamen aber auch andere, weniger bekannte Dissidenten zu Wort, indem Auszüge aus ihrem Werk oder ihre Briefbotschaften verlesen wurden.
Dogan Akhanli wurde bekannt, als sein Fall im vergangenen Jahr diplomatische Verwicklungen zwischen Deutschland und der Türkei auslöste. Der türkischstämmige Schriftsteller mit deutscher Staatsbürgerschaft wurde am 19. August im Urlaub von der spanischen Polizei verhaftet. Die türkische Regierung hatte einen internationalen Haftbefehl für den missliebigen Kritiker erwirkt. Es war nicht das erste Mal, dass Akhanli der staatlichen Willkür seines Geburtslandes ausgesetzt war. In der Türkei selbst hatte er auch schon wesentlich schlimmere Haftbedingungen kennengelernt. Dennoch traf ihn die Verhaftung in Spanien wie ein Keulenschlag. „Ich war genervt, weil sie so überraschend kam“, erzählte er in der Alten Feuerwache im Gespräch mit Festivalleiterin Insa Wilke. „Weil die Verfolgung nie zu Ende geht.“ Nach zwei Monaten durfte er auf Betreiben der Bundesregierung nach Köln zurückkehren. Hier schrieb er über seine Erfahrungen in Spanien das Buch „Verhaftung in Granada“. Laut Insa Wilke ist es das zugänglichste seiner Bücher. In anderen wie „Die Richter des Jüngsten Gerichts“ über den in der Türkei tabuisierten Völkermord an den Armeniern wechselt er Perspektiven und Zeitebenen. „Verhaftung in Granada“ dagegen ist realistisch geschrieben. Darin erinnert sich Akhanli auch an Folterungen, denen er in der Türkei ausgesetzt war, bevor er 1992 nach Deutschland emigrierte und 2001 die deutsche Staatsbürgerschaft annahm. 1975 saß der 18-Jährige erstmals in der Türkei in Untersuchungshaft, weil er an einem Kiosk aus Neugier eine Zeitung mit einem Roten Stern gekauft hatte und das Zufallsopfer eines Polizisten wurde. Tagelang wurde er vernommen, sein Kopf dabei immer wieder gegen die Wand geschmettert. Die Zelle in der Dunkelhaft war „finster, schimmelig, roch nach Blut und Exkrementen und Angst“, erinnert er sich. Diese erste Erfahrung von Haft und Folter sei für ihn von allen die schlimmste gewesen, sagte er in der Feuerwache. „Ich war ein unschuldiger junger Mann und konnte nicht verstehen, warum man mir diese Gewalt antat.“ Nach dem Militärputsch 1980 ging Akhanli als Widerstandskämpfer in den Untergrund, war von 1985 bis 1987 im berüchtigten Militärgefängnis von Istanbul inhaftiert und wurde erneut gefoltert. 2010 wurde er während eines Türkei-Aufenthalts wieder inhaftiert und der angeblichen Beteiligung an einem Raubüberfall beschuldigt. „Ich war sehr verletzt und deprimiert und wollte mit der Türkei nichts mehr zu tun haben“, sagte er. Desto heftiger traf ihn dann die unerwartete Verhaftung in Spanien. In seinen Büchern ist Dogan Akhanli bemüht, selbst den Tätern, den Folterern und Mördern, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der sehr sanft wirkende Schriftsteller bedauerte es, dass er mit dem Deutschtürken, der ihn nach seiner Rückkehr aus Spanien auf dem Düsseldorfer Flughafen als „Landesverräter“ beschimpft hat, nicht über dessen Beweggründe sprechen konnte. Für ihn spricht auch, dass er mit der Veranstaltung an andere verfolgte Schriftsteller erinnern wollte. So lasen die Schauspieler Birgitta Assheuer und Isaak Dentler auch Texte von Narges Mohammadi aus Iran, Jessie Johannes aus Eritrea, Nelson Aguilera aus Paraguay und von Liu Xia, der Frau des 2017 in der Haft gestorbenen chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo. Es sprach aber auch für die Veranstalter, dass sie nicht nur Verfolgte in Staaten, von denen allgemein bekannt ist, dass sie die Menschenrechte mit Füßen treten, in die Veranstaltung aufnahmen. Auch die USA, der erste Staat in der Geschichte, der in einer Verfassung die Menschenrechte garantiert hat, fand unrühmliche Erwähnung. Seine Foltererlebnisse in einem CIA-Gefängnis in Afghanistan und in Guantanamo hat Mohamedou Ould Slahis festgehalten. Es waren an diesem Abend mit vielen Grausamkeiten die erschütterndsten.