Ludwigshafen
Was die Impflotsen in Ludwigshafen erleben
Eines sagt Ayse Öztas direkt vorweg, und sie weiß, dass Außenstehende vielleicht anderes erwartet hätten: „Wir erleben keine feindlichen Reaktionen.“ Erst vor vier Jahren ist die junge Frau selbst nach Deutschland geflüchtet – jetzt sucht sie Ludwigshafener Flüchtlingsunterkünfte auf und informiert Menschen, die wegen Sprachbarrieren bisher keinen Zugang zum Thema Covid-19-Impfung gefunden haben.
„Die meisten Fragen werden mir zur Booster-Impfung gestellt“, berichtet Öztas. Große Verunsicherung gebe es etwa zur Frage, in welchem Abstand diese zur Zweitimpfung erfolgen soll. Aber auch die Themen Impfen und Schwangerschaft oder die Immunisierung von Kindern und Jugendlichen würden oft angesprochen.
Etliche Analphabeten
Peter Dotzauer, städtischer Mitarbeiter im Bürgerbüro West und ebenfalls als ehrenamtlicher Impflotse im Einsatz, berichtet allerdings noch von einem weiteren Problem: „Ich kenne den Stadtteil West sehr gut, und hier gibt es viele, die nicht lesen und schreiben können“, erzählt er. „Die Leute wollen das aber nicht gerne preisgeben, weshalb wir sie dann durchaus auch zu einem Impftermin begleiten.“ Am erfolgreichsten seien die Impflotsen nach seiner Erfahrung dann, wenn nicht viel Zeit zwischen dem Informationsgespräch und der Impfung liegt.
„Es ist immer am besten, wenn wir den Leuten direkt am nächsten Tag einen Impftermin anbieten können“, sagt Dotzauer. Er schätzt, dass schon 500 bis 600 Menschen von den Ludwigshafener Lotsen angesprochen wurden. Ganz sicher seien darunter auch welche gewesen, die einfach behauptet hätten, schon dreimal geimpft zu sein – nur um einem Gespräch aus dem Weg zu gehen. Rund 100 Personen habe man aber mindestens zum Nachdenken angeregt, ist Dotzauers Eindruck.
Hürden überwinden
Gemeinsam mit im Boot beim Projekt Impflotsen sind in Ludwigshafen die Stadtverwaltung, das Mehrgenerationenhaus im Haus der Diakonie, das Diakonische Werk Pfalz und die Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz (LZG). „Unser Ziel ist es, sprachliche, kulturelle und organisatorische Hürden, die die Nutzung eines Impfangebotes bislang verhindert haben, aus dem Weg zu räumen“, sagt Susanne Herbel-Hilgert von der LZG.
Ihrer Erfahrung nach sind viele Menschen aus einem ganz bestimmten Grund nach wie vor nicht ausreichend über die Impfung gegen Covid-19 informiert: „Weil sie sich die Informationen nicht bei verlässlichen Quellen wie dem Robert Koch-Institut holen, sondern in den sozialen Netzwerken, wo etliche Falschinformationen ungeprüft stehenbleiben.“ Landesweit sei Ludwigshafen eine von bisher fünf Kommunen, in denen das Projekt Impflotsen umgesetzt werde und voraussichtlich bis Juli laufen soll.
Zusammenarbeit mit Moscheevereinen
Der tatsächliche Erfolg der Impflotsen sei schwierig zu messen, sagt Sozialdezernentin Beate Steeg (SPD). Jede erreichte Person, die sich impfen lasse und in ihrem Umfeld davon berichte, sei aber als Multiplikator zu sehen. Steeg: „Wir dürfen nicht nachlassen mit dieser Arbeit, gerade bei den jetzigen und sehr hohen Infektionszahlen.“
Im Einsatz sind die vier ehrenamtlichen Impflotsen in Ludwigshafen in verschiedenen Stadtteilen. „Wenn der Landesimpfbus Halt in der Stadt macht, positionieren sie sich zum Beispiel auch an Bushaltestellen in der direkten Umgebung, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen“, erzählt Stephanie Harder. Sie ist die verantwortliche Projektleiterin des Mehrgenerationenhauses, das das Impflotsenprojekt in Ludwigshafen koordiniert. In Zukunft wolle man noch stärker auf Moscheevereine zugehen, rund um VHS-Sprachkurse präsent sein, oder auch mit der Selbsthilfegruppe Analphabeten Ludwigshafen-Mannheim (Saluma) zusammenarbeiten.
Impflotsen gesucht
Derzeit werden in Ludwigshafen sechs weitere ehrenamtliche Impflotsen gesucht – insbesondere Personen, die über Sprachkenntnisse in Bulgarisch, Rumänisch, Farsi und Arabisch verfügen. Kontakt per E-Mail an Stephanie.Harder@diakonie-pfalz.de.
