Ludwigshafen
Warum das Ludwigshafener Stadtarchiv ein neues Quartier braucht
Seit Jahren wird das „Haus der Stadtgeschichte“ geplant – passiert ist bisher nichts. Die frühere Rhenus-Lagerhalle am Becken des Luitpoldhafens soll dafür umgebaut werden. Darin sollen das aus dem Rathaus-Center ausgezogene Stadtmuseum sowie das Stadtarchiv eine angemessene neue Bleibe finden.
Warum das nötig ist, zeigt ein Besuch des Archivs, das seit 1955 in der nahegelegenen Rottstraße residiert. Der Altbau ist in die Jahre gekommen und sanierungsbedürftig. Die Fenster sind alt. Die Elektrik ebenfalls, es gab Kurzschlüsse und Lampen, die in Flammen aufgingen. Die Rohre der Sanitäranlagen haben Probleme bereitet. Fäkalien traten aus und tropften in Büros und auf Archivalien. In einem Raum hat sich Schimmel breitgemacht. Wände sind feucht. Bei Starkregen gab es zusätzliche Probleme mit Nässe. Und dann gibt es noch die Angst der Archivare vor einem schlimmen Hochwasser, das Relikte aus der Vergangenheit im Keller des Gebäudes zerstören könnte. Immerhin beherbergt das Gebäude „national wertvolles Archivgut“.
Über 300 Jahre alte Stücke
Im Untergeschoss sind alle Archivmaterialen zu den Ludwigshafener Stadtteilen eingelagert: Dort finden sich beispielsweise das Maudacher Steuerregister aus dem Jahre 1765 oder eine Übersicht über die Güter des Deutschen Ordens in Oppau von 1786. Die älteste Urkunde stammt aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Das Oggersheimer Gemeindearchiv reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück.
In dieser Unterwelt ruht das „Gedächtnis der Stadt“. Sechs Kilometer Aktenregale mit Millionen Blatt Papier sind hier eingelagert. In einem alten Panzerschrank lagern alte Dienstsiegel – darunter auch das Siegel des Bayernkönigs Ludwig II.. Einen Raum weiter lagern alle Stadtratsprotokolle. Auf der anderen Seite des Flurs sind Ludwigshafener Zeitungen archiviert worden. Videokassetten sind ebenfalls aufgehoben worden, sie zeigen BASF-Unglücke oder das Projekt Anschluss 2000, den Bau des S-Bahnhofs Mitte und die Umgestaltung des Berliner Platzes.
Es riecht muffig im Keller. An einigen Stellen bröckelt der Putz von der Wand. Ideale Bedingungen zur Aufbewahrung alter Dokumente sehen anders aus. „Aber wir können nichts machen“, sagt Stadtarchivleiter Stefan Mörz (65). Der promovierte Historiker und Archivar hat mehr als sein halbes Leben in dem Gebäude zugebracht und bewegt sich mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen den Regalen. Mit dem Umzug in die sanierte und umgebaute Lagerhalle würde für Mörz ein Traum in Erfüllung gehen. Endlich wären alle Archivmaterialen angemessen gelagert.
Platz für Museum und Bauarchiv
Auch das Stadtmuseum braucht eine neue Bleibe: Das Museum ist seit der Schließung des Rathaus-Centers für die Bürger nicht mehr sichtbar. Die Bestände lagern in einem leer stehenden Großmarkt. Das Museum könnte sich gemeinsam mit dem Stadtarchiv im „Haus der Stadtgeschichte“ ganz anders der Öffentlichkeit präsentieren.
Ebenfalls „heimatlos“ ist das Bauordnungsarchiv, das früher im Keller des Rathaus-Centers unterbracht war. Hier werden die Baupläne für alle Gebäude der Stadt gelagert. Die Bestände gehen bis ins 19. Jahrhundert zurück und umfassen eine Regallänge von sechs Kilometern. Momentan sind die Unterlagen mit den Beständen des Stadtmuseums zwischengelagert. Es gilt also eine ganze Menge Material fachgerecht und hochwassergeschützt zu lagern, das heißt: nicht in Kellern. Daher halten die Experten die Rhenus-Lagerhalle für besonders geeignet, denn die Statik des Gebäudes ist auf tonnenschwere Belastungen ausgelegt, und die Geschosse liegen über der Marke eines 200-jährigen Hochwassers.
Drei unter einem Dach
Das „Haus der Stadtgeschichte“ könnte ein Hingucker werden. Der Entwurf der Fassade des dreigeschossigen Gebäudes sieht vertikale bunte Streifen vor. Das Äußere erinnert an einen Stapel von Containern – ein optischer Bezug zum Hafen. Eine vom Foyer aus zugängliche Terrasse sowie ein angrenzenden Platz sollen Besucher zum Aufenthalt einladen. Auch das Innere soll Menschen anziehen: Ein Vortragssaal im Erdgeschoss kann gemeinsam vom Museum und dem Archiv genutzt werden. Tagungsräume und auch der Lesesaal des Archivs sind dort geplant.
Im Untergeschoss sind Räume fürs Museumsatelier vorgesehen. Ins erste Obergeschoss soll das Stadtarchiv einziehen, auch ein Teil des zweiten Obergeschosses ist für Akten vorsehen. Im Dachgeschoss sollen sich das Bauordnungsarchiv und der Eingang ins Museum sowie die Ausstellungsräume befinden. Die Technik wie Scanner oder Server sollen von Museum, Archiv und Bauordnung gemeinsam genutzt werden, was Mehranschaffungen ersparen soll. Außerdem soll der Energiebedarf nach dem Umbau möglichst gering sein. Alles wird barrierefrei mit einem Aufzug zu erreichen sein. Die landeseigenen Hafenbetriebe, denen die Halle gehört, wollen den Umbau finanzieren und das Gebäude danach an die Stadt vermieten. In kommunaler Verantwortung bleiben die Außenanlagen, der Parkplatz und der Hochwasserschutz.
Umzug mehrfach verschoben
Ursprünglich war einmal von einem Umzug an den Luitpoldhafen bis Ende 2022 die Rede. Bis zum Frühjahr dieses Jahres hieß es, der Umbau könnte bis Ende 2024 über die Bühne gehen. Dann hieß es von der Stadt, die Fertigstellung des Innenausbaus sei bis Ende 2025 vorgesehen, der Bezug Anfang 2026. Eigentlich sind die Verträge zwischen Stadt und Hafen unter Dach und Fach. Doch der Beginn des Umbaus lässt auf sich warten.
Ein Problem: Die Baupreissteigerungen haben die Umbaukosten in die Höhe getrieben. Das wiederum könnte sich auf die Miete auswirken, die vor einiger Zeit auf etwa 1,3 Millionen Euro pro Jahr beziffert wurde. Der Spardruck auf die Stadt ist mittlerweile so hoch, dass die Mietkosten wohl dem ein oder anderen Verantwortlichen die Schweißperlen auf die Stirn treiben, wie hinter den Kulissen zu hören ist.
Doch was wäre eine Alternative zu dem Projekt im Luitpoldhafen? Wer ins alte Stadtarchiv in der Rottstraße geht, muss kein Bauexperte sein, um zu sehen, dass hier nur eine millionenschwere Kernsanierung des Altbaus die Lage verbessern würde. Die Platzprobleme wären damit aber nicht gelöst. Das Land, das ein ähnliches Problem mit dem alten Polizeipräsidium in der Wittelsbachstraße hatte, entschied sich für einen Neubau in der Heinigstraße. Für einen Neubau oder eine Kernsanierung des Archivs hat die Stadt aber kein Geld. Das Projekt „Haus der Stadtgeschichte“ kurz vor dem Start auf Eis zu legen, würde die Probleme von Archiv und Museum verschärfen. Völlig offen bliebe die Frage, wo das Stadtmuseum und auch das Bauordnungsarchiv hin sollten. Es gibt ferner vertragliche Vereinbarungen mit dem Hafen.
Daher spricht weiterhin einiges dafür, dass aus den Plänen Realität wird. Erstes Indiz dafür: Um die alte Lagerhalle wurde ein Bauzaun gezogen. Jetzt muss es im Innern nur noch losgehen – irgendwann. Eine Anfrage dazu wollte die Stadtverwaltung diese Woche nicht beantworten. Ob und wann der Umbau startet, dazu will sich die Verwaltung erst in der kommenden Woche äußern.