Ludwigshafen
Viele Senioren warten auf Impftermine
Hans-Jochem Ulrich ist sauer. Der 91-Jährige aus der Pfingstweide hat sich am 4. Januar für eine Corona-Schutzimpfung angemeldet und seitdem keinen Termin dafür bekommen. „Das ist doch unglaublich. Ich begreife das nicht“, sagt der promovierte Chemiker, der in seinem Berufsleben in einer leitenden Position bei der BASF beschäftigt war. Ulrichs Nachfragen bei diversen Hotlines und Stellen wegen eines Impftermins sind ins Leere gelaufen. Er sei am Telefon immer wieder abgewimmelt worden. In seiner Verzweiflung hat er einen handschriftlichen Brief an Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) geschrieben. „Ich habe keine Antwort bekommen. Die Leute so in der Luft hängen zu lassen, das ist wirklich unmöglich“, sagt Ulrich.
Er ist kein Einzelfall. Auch ein 78-jähriger Rentner aus Ruchheim, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, berichtet Ähnliches. Er habe seine 80-jährige Frau am 21. Januar telefonisch für eine Impfung angemeldet. „Ich habe seitdem nichts mehr gehört“, berichtet der Mann. Auch er hat erfolglos versucht, nachzufragen, ob der Impftermin für seine Frau noch zustande kommt und sie im Terminvergabesystem registriert ist. „Ich verstehe nicht, warum wir nicht einmal einen Zwischenbescheid bekommen. Wir leben doch nicht im Kongo“, sagt der Mann. Er kenne zwei ältere Damen, denen es genauso gehe.
Seniorenrat kennt Fälle
Beim Ludwigshafener Seniorenrat sind solche Fälle bekannt. „Es gibt einige Leute, die sich deshalb bei uns melden“, sagt Birgitta Scheib, Vorsitzende der Interessenvertretung der Senioren in der Stadt. Scheib hat Senioren bei der Anmeldung übers Internet geholfen. Für Senioren, die sie am 8. Januar anmeldete, habe sie erst am vergangenen Freitag, 26. Februar, eine E-Mail mit Impfterminen im März bekommen, berichtet Scheib. „Viele Senioren hängen in der Luft. Ich glaube schon, dass sie für einen Impftermin registriert wurden, aber wegen der Impfstoffknappheit bisher nicht drangekommen sind.“
Die Seniorenratsvorsitzende liegt mit ihrer Vermutung richtig, wie eine RHEINPFALZ-Nachfrage beim Landesgesundheitsministerium in Mainz ergibt. Demnach warten landesweit noch etwa 110.000 über 80-Jährige auf eine Terminvergabe. Laut Ministerium sollen diese Senioren spätestens bis Mitte März per Post über ihre Termine für Erst- und Zweitimpfung informiert werden. „Diese Erstimpfungen sollen Anfang April abgeschlossen sein“, sagt eine Ministeriumssprecherin.
Lieferschwierigkeiten bei Impfstoff
Grund für die Verzögerungen: Wegen der Lieferschwierigkeiten beim Biontech-Impfstoff hätten rund 30.000 Erstimpfungstermine im Januar verschoben werden müssen. Diese Impfungen würden seit Mitte Februar nachgeholt. Wie schnell und wie viel geimpft wird, hänge von der Verfügbarkeit des Impfstoffs ab, so das Ministerium. In Rheinland-Pfalz hätten mittlerweile rund 76.500 Menschen über 80 Jahre ihre Erstimpfung erhalten. Bis Anfang April sollen alle für eine Impfung registrieren über 80-Jährigen ihre erste Spritze erhalten haben, heißt es weiter aus dem Landesgesundheitsministerium.
Doch wie können sich Senioren über den Stand ihres Vergabeverfahrens für einen Impftermin informieren? Das Land verweist auf die Impftermin-Hotline (0800/5758100) und die Internetseite (impftermin.rlp.de), wo Fragen zur Terminvergabe gestellt werden könnten.
Frust bei Betroffenen
Das sorgt in Ludwigshafen für Kopfschütteln bei den Betroffenen. „Ich habe die Hotline angerufen, aber dort hat mir niemand weiterhelfen können“, sagt beispielsweise der Rentner aus Ruchheim. Einen Internet-Anschluss hat das ältere Ehepaar nicht. Auch der 91-jährige Ulrich aus der Pfingstweide sagt: „Es sind keine Nachfragen möglich.“
Unterdessen wurde am Dienstag, 23. Februar, im Landesimpfzentrum in der Ludwigshafener Walzmühle der Impfbetrieb eingestellt, weil kein Wirkstoff mehr vorhanden war. Seit Montag, 1. März, finden wieder Impfungen statt, wie die Stadtverwaltung mitteilt. Wie hoch die Impfquote in Ludwigshafen ist, dazu macht das für die Verteilung des Impfstoffs zuständige Land keine Angaben. Fest steht: Es gibt rund 10.800 Senioren in Ludwigshafen, die über 80 Jahre alt sind. Die zwölf Altenpflegeeinrichtungen der Stadt sind nach Angaben der Stadt mittlerweile durchgeimpft. Dort waren mobile Teams im Einsatz, die Bewohner und Personal geimpft haben, insgesamt 1700 Menschen. In Seniorenwohnanlagen gibt es bisher noch kein entsprechendes Angebot. Wer noch mobil ist, muss sich auf den Weg ins Impfzentrum machen – wen er oder sie einen Termin bekommt.
Großteil ungeimpft
Seit 7. Januar wird in der Walzmühle geimpft. Nach Angaben der Stadt sind bis zur vergangenen Woche dort 3146 Erst- und 2223 Zweitimpfungen erfolgt. Damit steht fest, dass der Großteil der Zielgruppe bisher keine Covid-Schutzimpfung erhalten hat. Grob geschätzt dürfte die Impfquote bei den Ü-80-Senioren in der Stadt zwischen einem Viertel oder einem Drittel liegen. Es dürfte daher noch dauern, bis alle Impfwilligen in dieser Personengruppe dran sind.
Laut Landesgesundheitsministerium haben landesweit etwa 35 Prozent der noch mobilen Senioren über 80 Jahre die erste Schutzimpfung erhalten. Bis Anfang April solle die Impfquote auf über 80 Prozent gesteigert werden.
Geduld gefragt
Bei den Betroffenen ist erst daher weiterhin Geduld gefragt. Die Landesbehörden appellieren, dass sich Senioren nicht mehrfach registrieren sollen. Bei der Vergabe der Impftermine sind bisher die meisten Anmeldungen über das Internet erfolgt (rund 115.600), im Hotline-Callcenter wurden rund 17.300 Anmeldungen entgegengenommen. Zur Kritik am Vergabeverfahren der Impftermine verweist die Landesregierung auf die momentan nur begrenzt zur Verfügung stehenden Impfstoffe der Hersteller Biontech oder Moderna, die ausschließlich bei der Personengruppe über 80 Jahre verwendet werden dürfe.
Bei Ludwigshafener Senioren herrscht wenig Verständnis. „Das hätte besser vorbereitet werden müssen“, meint Chemiker Ulrich, der gravierende Mängel in der Organisation sieht. Bei dem Senioren-Ehepaar in Ruchheim hat sich ein gewisser Fatalismus breitgemacht: „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Irgendwann wird’s schon klappen. Wir warten ab, was kommt.“ Seniorenbeiratsvorsitzende Scheib warnt vor allzu harschen Urteilen: „Es wäre wünschenswert, dass die Impfungen schneller kommen. Aber wir müssen auch dankbar sein, dass es mittlerweile mehrere Impfstoffe gibt. Man muss auch Verständnis haben, dass es schwer ist, das alles zu organisieren.“