Ludwigshafen
Versiegelung: Grüne und Naturschützer fordern mehr Tempo beim Klimaschutz
„Wir brauchen die Entsiegelung von Flächen, begrünte Plätze, Fassaden- und Dachbegrünung, außerdem viel mehr Bäume – auch in Straßen, in denen bisher keine standen. Überdies benötigen wir eine Strategie, wie wir mit zunehmenden Starkregenereignissen umgehen, wie wir das Wasser in der Stadt halten und Versickerungsmöglichkeiten schaffen“, fährt Hans-Uwe Daumann fort.
Ludwigshafen sei auch eine der heißesten Städte. In der Innenstadt sei es im Sommer bis zu acht Grad heißer als im Außenbereich. Anhand der aktuellen Stadtklimakarte sei ersichtlich, dass die kühlere Luft aus dem Umland kaum noch Wege in die Innenstadtteile finde.
Versiegelung von Gartenflächen stoppen
Matthias Jurczak, Kreisvorstandssprecher und stellvertretendes Mitglied im Umweltausschuss, ergänzt: „Extreme Hitze und Trockenheit fordern menschliche Opfer. Es ist eine Notwendigkeit, dass wir die Umweltbedingungen in den hochverdichteten Innenstadtbereichen gründlich verbessern. Mit Hilfe von Landesprogrammen können wir Innenstadtflächen entsiegeln und begrünen. Bundesprogramme helfen dabei, Kalt- und Frischluftschneisen zu stärken.“
Wichtig sei der Abbau der Vollzugsdefizite: „Die Versiegelung von Gartenflächen muss gestoppt werden. Pkw-Stellplätze müssen versickerungsfähig sein. Vereinbarungen zur Dach- und Fassadenbegrünung müssen kontrolliert, die neue Wasserrichtlinie muss im Baubereich konsequent durchgesetzt werden.“ Das Konzept ,Schwammstadt’ sei praktizierter Hochwasserschutz und fördere ein gesünderes Klima. „Entsiegelung, Begrünung, Frischluftzufuhr und ein veränderter Wasserhaushalt sind wesentliche Elemente, die unsere Stadt lebenswert erhalten.“
Laut einer vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Auftrag gegebenen Studie ist LU die am stärksten versiegelte Stadt Deutschlands. 67 Prozent des Siedlungsgebiets sind demnach bebaut, betoniert oder asphaltiert. 66 Prozent sind es in Mannheim.
Bürgerinitiative teilt Kritik
Befürchtungen wecken die Resultate der GDV-Studie auch bei der Bürgerinitiative (BI) Rheingönheim „Unser Süden muss grün bleiben“. Gerade in Zeiten von zunehmenden Extremwetterereignissen stelle eine dichte Bebauung ein Risiko dar: „Versiegelte Flächen verhindern, dass Regenwasser im Boden versickert und führt so zu Überschwemmungen. Die Flutkatastrophe im Ahrtal ist unter anderen auch darauf zurückzuführen“, sagt BI-Sprecher Andreas Mattern. Er teilt insofern die Kritik der Grünen.
Während dieser Umstand in anderen Gemeinden vielleicht ein Anlass wäre, die städtische Expansionspolitik zu überdenken, stelle sich in Ludwigshafen die Frage, inwieweit diese erschreckenden Zahlen den Bau- und Grundstücksausschuss eigentlich beschäftigen. Anstelle einer ökologisch nachhaltigen Baupolitik würden hier Neubaugebiete auf bisherigen Wiesen und Ackerflächen ermöglicht. Eine Entwicklung, der sich die BI seit Langem widersetze.
„Spätestens jetzt muss die Stadt Ludwigshafen aufwachen. Ein ,Weiter so’ darf es nicht geben. Wir in Rheingönheim setzen uns seit Jahren dafür ein, dass die letzten grünen Gebiete der Stadt unberührt bleiben. Die Felder und Wiesen vor unserer Haustür sind nicht nur Lebensraum von vielen Tier- und Pflanzenarten. Sie sind auch für uns Menschen als Erholungsort wichtig“, betont Mattern. Diese schützenswerten Gebiete würden die Stadt Ludwigshafen letztlich vor dem Klimakollaps durch weitere Erwärmung und Starkregen retten. „Wir fordern deshalb von der Stadt eine verbindliche Absage zu Neubaugebieten jeglicher Art in Rheingönheim und die konsequente Innenentwicklung mit Entsiegelung brachliegender Flächen. Die von der Stadt selbst als schützenswert ausgewiesenen Gebiete müssen konsequent zum Landschaftsschutzgebiet erklärt werden“, bilanziert Mattern.
Die Versiegelung weiterer grüner Flächen würde den negativen Spitzenplatz für Ludwigshafen in der Zukunft weiter zementieren. „Für das Klima in der Stadt wäre sie eine Katastrophe“, warnt der Sprecher der BI.
Naturschützer: Verbot von Schottergärten
Die örtlichen Gruppen der Naturschutzorganisationen BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), Nabu (Naturschutzbund), Orbea (Arbeitskreis für Ornithologie und Naturschutz) sowie der forschende Naturschutzverein Pollichia fordern die Politik dazu auf, das Problem endlich anzugehen, ein umfassendes Entsiegelungskonzept und -programm fürs Stadtgebiet aufzulegen und erwarten, dass alle noch nicht verwirklichten Neubaugebiete in Frage gestellt werden. Zudem fordern alle deutlich mehr Mittel und Maßnahmen „für eine qualitative und nachhaltige Begrünung der Stadt“. Sie erwarten ferner, dass die Dachbegrünung im Stadtgebiet mindestens gleichrangig neben der Solarenergiegewinnung eingesetzt wird. Schottergärten sollten verboten werden.