Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Umfrage zum BASF-Prozess: „Schuldfrage zu klären, wird schwierig“

20190205_0227_gas.JPG
Im Mittelpunkt des Medieninteresses: der Angeklagte, der für den Unfall verantwortlich sein soll, mit seinem Anwalt und Dolmetscher.

Wer ist verantwortlich für die tödliche Explosion im BASF-Nordhafen am 17. Oktober 2016? Diese Frage soll der Prozess zum Unglück beantworten, der am Dienstag in Frankenthal begonnen hat. Dass die juristische Aufarbeitung des Unfalls die Menschen aufwühlt und berührt, zeigen Reaktionen vor den Werkstoren und aus dem Gerichtssaal.

Dienstagmorgen, 9 Uhr, Parkhaus vor BASF-Tor 2: Es ist kalt. Viele Aniliner haben es eilig. Als das grüne Männchen an der Ampel aufleuchtet, huschen die meisten schnellen Schrittes über den Zebrastreifen Richtung Stammwerk. „Keine Zeit“, sagen die einen. „Bin spät dran“, winken andere ab. In dieser Hinsicht ist der Tag des Prozessauftakts zum Explosionsunglück im Herbst 2016 einer wie jeder andere. Bis auf die Tatsache, dass ein RHEINPFALZ-Reporter die morgendliche Routine durchbricht und direkt vor dem Werkstoren nachhakt, wie sehr die juristische Aufarbeitung des Unfalls die Belegschaft umtreibt.

Das Unglück bleibt ein hochsensibles Thema

Nicht alle, aber doch einige Kollegen wühlt das Ereignis immer noch auf, in dessen Folge vier Feuerwehrmänner und eine Matrose ihr Leben verloren und mehr als 40 Einsatzkräfte teils schwer verletzt worden waren. Das zeigen die Reaktionen derer, die sich den Fragen des Journalisten stellen – unter der Maßgabe, dass weder Name noch berufliche Funktion in der Zeitung stehen. Und keine Fotos gemacht werden. Das Unglück ist und bleibt ein hochsensibles Thema. Auf dem Laufenden halten sich die meisten über die Medien, wie der 58-Jährige aus Ludwigshafen, der seit drei Jahrzehnten bei dem Chemiekonzern beschäftigt ist. „Ich habe von dem Prozessauftakt heute Morgen im Radio gehört. Das hat mir das Unglück wieder ins Bewusstsein gerückt“, sagt er. Ungeklärt ist für ihn bis heute die Frage, ob die Rohrleitungen im Nordhafen, von denen eine irrtümlich angeflext worden sein soll, richtig markiert waren. Die Explosion ereignete sich gegen 11.30 Uhr. Als die Nachricht die Runde machte, war der 58-Jährige gerade in der Mittagspause. Als ausgebildeter Ersthelfer eilte er sofort zurück ins Werk. „Alle wurden zusammengetrommelt“, erinnert er sich. „Das war schon heftig,“ sagt er noch, bevor auch er weiter muss.

Mitleid mit dem Angeklagten und mit den Angehörigen der Opfer

Mitleid mit dem Angeklagten, ein Mitarbeiter einer externen Firma, der das falsche Rohr angeschnitten haben soll, äußert eine 59-Jährige. „Der arme Mann wird doch seines Lebens nicht mehr froh. Er soll ja keine Erinnerung mehr haben“, sagt sie. Und: „Es ist schon eine große Tragödie, die da passiert ist.“ Um die Angehörigen der Opfer drehen sich die Gedanken eines 46-Jährigen, der zum Zeitpunkt des Unglücks im Urlaub war, aber vieles nachgelesen hat. „Das war schon ein Riesenereignis. Schlimm ist das vor allem für die Hinterbliebenen.“ „Das hoffe ich“, antwortet eine 55-Jährige auf die Frage, ob die BASF als Unternehmen ihre Lehren aus dem Unfall gezogen hat. Ihr Credo laut: „Sicherheit geht vor.“ Mit „Ja“ antwortet eine 50-Jährige, die schon ihr halbes Leben für den Chemiekonzern arbeitet. Sie lobt „die Ernsthaftigkeit“, mit der seit dem Unglück interne Abläufe und Strukturen überprüft und kommuniziert werden. Eine andere Frau, Mitte 50, meint, das Unglück könne man nicht nur auf „das menschliche Versagen eines Einzelnen“ reduzieren. Auch der Arbeitgeber müsse sich hinterfragen, ob er Fehler gemacht habe. „Es stand schon genug Negatives in der Presse“, sagt ein 43-jähriger Passant, der die BASF schon allein aus Imagegründen in der Verantwortung sieht, für Aufklärung zu sorgen. Ein 50-Jähriger, der am Unfalltag für die BASF auf Dienstreise war, vermutet: „Die Schuldfrage zu klären, das wird schwierig.“

Andrang im Sitzungssaal

Zehn Kilometer Luftlinie vom Werkstor entfernt beginnt um diese Zeit der Prozess im Landgericht Frankenthal. Im Sitzungssaal 20 drängen sich rund zwei Dutzend Journalisten, um einen Blick auf den Mann werfen zu können, der für das Unglück alleine verantwortlich sein soll: Ein 63-Jähriger, der aus Bosnien-Herzegowina stammt und in Mannheim lebt. Er ist klein, schmächtig und hat eine Halbglatze. Er trägt eine Brille, eine dunkelblaue Jacke, eine braune Hose, ein Hemd und einen schwarzen Pullover. Er nennt dem Richter seine Personalien. Ein Dolmetscher und ein Verteidiger stehen ihm zur Seite, während Oberstaatsanwalt Dieter Zehe die Anklage verliest, die dem 63-jährigen fahrlässige Tötung von fünf Menschen, fahrlässige Körperverletzung von 44 teils schwer verletzten Menschen und fahrlässiges Herbeiführen einer Explosion vorwirft, die einen Millionenschaden angerichtet hat. Mit gesenktem Haupt verfolgt der Angeklagte die Verhandlung.

Schwanken zwischen Wut, Verständnislosigkeit und Mitleid

Ihm gegenüber sitzen die Eltern eines der vier getöteten BASF-Werkfeuerwehrmänner. Auch sie tragen dunkle Kleidung. Das Ehepaar will als Nebenkläger bei dem Prozess erfahren, was genau im Nordhafen passiert ist und wer dafür verantwortlich ist. Anwalt Alexander Klein sagt später: „Die Gefühle meiner Mandaten schwanken zwischen Wut, Verständnislosigkeit und auch ein bisschen Mitleid gegenüber dem Angeklagten. Von einem moralischen Mitverschulden der BASF wird man ausgehen müssen.“ Es habe nicht die bestmöglichen Vorkehrungen gegeben, die eine Verwechslung der Rohre ausschließen, wirft der Jurist dem Konzern vor. Soweit geht ein zweiter Anwalt nicht, der ebenfalls die Hinterbliebenen eines toten Feuerwehrmanns und drei überlebende Wehrleute vertritt, die als Nebenkläger ebenfalls im Gerichtssaal sitzen. „Für meine Mandaten war das Unglück ein Schlag aus dem Nichts. Sie wollen wissen, was tatsächlich geschehen ist, und die komplexen technischen Sachverhalte verstehen. Es geht meinen Mandaten nicht darum, weitere Schuldige zu finden“, sagt Jan Schabbeck den Journalisten.

Angeklagter verschiebt Aussage

Der erste Verhandlungstag ist nach knapp 30 Minuten schon zu Ende. Der Angeklagte will sich entgegen der ursprünglichen Prozessplanung noch nicht zum Unfall im Nordhafen äußern und nennt nur seine Personalien. Der 63-Jährige spricht so leise, dass er im Zuschauerraum kaum zu verstehen ist. „Ich bin bereit, mich zu äußern, aber erst nach der Vernehmung der Zeugen“, sagt er in fließendem Deutsch auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Uwe Gau, der daraufhin die Verhandlung unterbricht. Im Zuschauerraum verfolgen gut zwei Dutzend Menschen den Auftakt des BASF-Prozesses. „Ich bin hergekommen, weil es mich interessiert, wie es zu so einem Unglück kommen konnte. Mir geht es vor allem um die Sicherheitsfragen“, sagt ein Mann mittleren Alters. Er ist Aniliner und will seinen Namen nicht nennen. Ein paar Sitze weiter hat ein Rentner aus Oggersheim Platz genommen, der früher in der BASF gearbeitet hat. „Ich will auch wissen, was passiert ist“ , sagt er. Bisher sind für den Prozess zwölf Verhandlungstage angesetzt. Heute soll es weitergehen. Dann wollen die als Nebenkläger auftretenden Überlebenden aussagen.

x