Mannheim / Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel „Ugliest City Tour“: Wie die Premiere auf der anderen Rheinseite verlaufen ist

Mit dem Fahrrad ging es diesmal nach Mannheim. Ein Ziel: der Dalbergplatz. Vorneweg: Helmut van der Buchholz.
Mit dem Fahrrad ging es diesmal nach Mannheim. Ein Ziel: der Dalbergplatz. Vorneweg: Helmut van der Buchholz.

Beton, noch mehr Beton und seltsame Dinge – das alles und noch viel mehr hat der Künstler und Architekt Helmut van der Buchholz bislang bei seinen besonderen Stadtführung durch Ludwigshafen, der laut einem Satiremagazin hässlichsten Stadt Deutschlands, entdeckt. Nun führte ihn sein Weg erstmals über den Rhein nach Mannheim verbunden mit der Erkenntnis: „Nebenan isses auch nicht besser“.

Van der Buchholz ist seit sechs Jahren einem Paradoxon auf der Spur, denn die Satiresendung „Extra 3“ hatte 2018 zwar Ludwigshafen als „hässlichste Stadt Deutschlands“ ausgerufen, gezeigt wurde dazu jedoch ein Bild von Mannheim. „Entweder hat der Name der Stadt nicht gestimmt oder das Bild war falsch“, sagte der 64-Jährige am Donnerstag.

Trotzdem war er zunächst seit sechs Jahren in Ludwigshafen auf Spurensuche nach Gründen für das vernichtende Urteil und stellte dabei klar: „Ich will nicht Ludwigshafen schlecht machen. Das Prinzip ist für jede Stadt anwendbar.“ Das gelte beispielsweise auch für Stuttgart und Chicago, wo Führungen nach dem Prinzip der „Ugliest City Tour“ angeboten werden. Das gelte aber ganz sicher auch für Mannheim, auch wenn sich der Künstler in den Quadraten und ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nicht ganz so gut auskannte, wie in seiner Heimatstadt.

1980 Led Zeppelin erlebt

Erster Stopp war unmittelbar nach der Rheinbrücke, wo ein mit Farbspray verschmierter Gedenkstein unmittelbar unter den – ebenfalls beschmierten – Brückenpfeilern auf die „Rheinlust“ verweist. „Wir sehen von hier aus zwei Hochhäuser und eine bemalte Brücke“, so van der Buchholz vor den rund 60 Radfahrern, die ihn bei der besonderen Stadtrundfahrt begleiteten. Nicht weit davon entfernt sieht es nicht besser aus. Im Friedrichspark ist das ehemalige Eisstadion aktuell eine Abbruchbaustelle. Zugleich Sehnsuchtsort und Hässlichkeit. „Hier habe ich 1980 die Band Led Zeppelin erlebt“, erinnert er sich mit Blick auf das Betongerippe und der Betonrückseite der Mensa vor Augen. Andere Mitradler erinnern sich an Auftritte der Rolling Stones und vieler weiterer Musikgrößen.

Vor den Trümmern des Eisstadions.
Vor den Trümmern des Eisstadions.
Hinter der Jesuitenkirche.
Hinter der Jesuitenkirche.
Staunende Blicke auf die Umbebung des Mannheimer Amtsgerichts.
Staunende Blicke auf die Umbebung des Mannheimer Amtsgerichts.
Van der Buchholz in seinem Element.
Van der Buchholz in seinem Element.

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Die Baustelle hat hingegen gerade wenig Schönes, aber van der Buchholz beruhigt: „Hier verschwindet zwar ein Stück Mannheimer Kulturgeschichte, aber wir hätten hier auch angehalten, wenn es einfach nur so dasteht“, denn eine Schönheit sei auch das mit Eternitwellplatten bedachte Eisstadion nie gewesen.

Rechts liegen ließ der Künstler bei seiner Rundfahrt Schloss und Sternwarte, betrachtete lieber die Universitätsbibliothek in A5, die „Hohle Gasse“ hinter der Jesuitenkirche mit dem 1970er-Jahre-Bau in B4, bei dem in alter Tradition noch das „Betteln und Hausieren Verboten-Schild“ an der Haustür warnt, die seit Dezember 2020 geschlossene Hedwigs Klinik im Quadrat A2 und das Studentenwohnheim in L4: „Der Zahn der Zeit hat hier aus einem leuchtenden Gelb ein schmuckloses Braun gemacht, und auch die roten Signalfarben der Bäckerei im Haus machen den Gesamteindruck nicht besser.“

Ruhepol in der Innenstadt

Selbstverständlich durfte ein Blick auf das Stadthaus N1 nicht fehlen, auch wenn es van der Buchholz offensichtlich entgangen ist, dass das Bauwerk in seiner aktuellen Form mittlerweile denkmalgeschützt ist. Für ihn kein Hindernis: „Wir haben in Ludwigshafen ja auch schon einige Denkmäler abgerissen.“

Dagegen mokierte er sich über das grünbepflanzte Deckmäntelchen, dass die Betonfassade des Parkhauses in N2 verbirgt. Genau das Parkhaus, dass demnächst abgerissen werden und einem Neubau der Stadtbibliothek weichen soll, was er ebenfalls nicht erwähnte. Immerhin sei der schmucklose und wenig belebte Dalbergplatz damit „ein Ruhepol mitten in der hektischen Mannheimer Innenstadt“. Dass er die Plankengalerie aus dem Quadrat D3 nach D4 verlegte – geschenkt. „Das Haus ist einfach nur ein Klotz.“ Einen kleinen Trost hatte er dabei: „Drin sieht es besser aus“, verriet er seinen Mitfahrern.

Abstecher durch Hafengebiet und Jungbusch

Ob das für die Räume des Zentralinstituts für seelische Gesundheit oder die Turnhalle der Johannes-Keppler-Grundschule in K5 ebenfalls galt, erklärte er nicht. Verschachtelter oder auch glatter Beton, mit Drahtgittern abgesperrte Turnhallen, ein wilder Mix der unterschiedlichsten Architekturstile – auf das alles und noch viel mehr machte van der Buchholz seine Mitradler aufmerksam.

Und natürlich gab es auch bei dem abschließenden Abstecher durch Hafengebiet und Jungbusch noch einiges zu entdecken – immerhin riecht die Luft im Schatten der Industriehallen im Hafen nach Schokolade. Und so nahmen alle Teilnehmer der Tour wieder besondere Eindrücke mit über die Brücke – und vielleicht erinnerte sich ja auch der ein oder andere auf den letzten Metern an das Gedicht Robert Gernhardt: „Dich will ich loben Hässliches, Du hast so was Verlässliches“ – egal auf welcher Seite der Brücke.

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