Ludwigshafen
Tod des Zugbegleiters Serkan Çalar: Bodycams, mehr Personal und harte Strafe gefordert
Herr Schreider, droht der Fall Serkan Çalar, wie von vielen in seinem Umfeld befürchtet, in Vergessenheit zu geraten, nachdem zuletzt andere Themen die Schlagzeilen bestimmt haben?
Bei uns, die im Verkehrsbereich engagiert sind, ganz sicher nicht – und ich hoffe darüber hinaus auch nicht. Gerade vergangene Woche haben wir im Aufsichtsrat der Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV) sehr ausführlich über das Thema und die Konsequenzen daraus gesprochen. Im Regionalexpress, in dem Serkan immer kontrolliert hat, nehme ich auch eine veränderte Stimmung wahr – dass man etwas achtsamer und freundlicher miteinander und vor allem dem Personal umgeht. Aber das reicht als Konsequenz natürlich nicht.
„Ein Menschenleben für 60 Euro“ klagte der Cousin des Opfers fassungslos nach der Tat. „Das wäre nicht passiert, wenn zwei Zugbegleiter im Zug gewesen wären“, meinte er. Hat er recht?
Ich verstehe den Satz. Die Gefahr wäre sicher deutlich geringer gewesen, auch wenn wir es nie zu 100 Prozent wissen werden. Möglichst immer in Mehrfachbesetzung zu kontrollieren, ist jedenfalls zentrales Ziel für die Zukunft im gesamten Bahn-Bereich. Bei den RNV praktizieren wir das schon so, teilweise mit vier, fünf Kontrolleuren plus Sicherheitsdienst. Dazu kommen Schwerpunktkontrollen, bei denen auch die Polizei mit dabei ist.
Nur lokal personell nachzulegen, wird nicht reichen.
Richtig. Auch bundesweit müssen Personal und Sicherheitskräfte aufgestockt werden, um weitgehende Doppelbesetzungen mit Zugbegleitern zu ermöglichen. Von der Politik erwarte ich, dass sie hier die entsprechenden Mittel bereitstellt – zumal es nicht einfach sein wird, zeitnah genügend Personal zu finden.
Wie sieht es in Rheinland-Pfalz aus?
Gerade in Rheinland-Pfalz haben wir uns seit Jahrzehnten bemüht, möglichst alle Züge mit Personal zu begleiten, weil das ein großer Wunsch der Kunden ist, wie wir aus Befragungen wissen. Ich persönlich plädiere dabei dafür, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach ihrer eigenen Einschätzung auf ihre Auskunfts- und Servicefunktion beschränken dürfen, solange sie allein sind und keine zweite Person zur Unterstützung einer Kontrolle dabei ist.
Vor allem in Ihrer Zeit als Bundestagsabgeordneter in Berlin sind Sie viel Bahn und öffentliche Verkehrsmittel gefahren. Haben Sie da brenzlige Situationen erlebt?
Tätliche Angriffe Gott sei Dank nicht. Ich muss aber sagen: Ich nutze jetzt seit rund 45 Jahren fast täglich öffentliche Verkehrsmittel – und die verbale Aggression hat über die Jahre schon deutlich zugenommen. Das ist aber zweifellos ein gesamtgesellschaftliches Problem.
Die Anteilnahme und die Spendenbereitschaft waren groß, die Forderungen nach mehr Sicherheit folgten parteiübergreifend. Was muss aus Ihrer Sicht die hauptsächliche Konsequenz dieser brutalen Tat sein?
Jeder muss sich fragen, was er im persönlichen und beruflichen Kontext dafür tun kann, dass so etwas möglichst nie wieder passiert. Dazu zählt zunächst, im Umgang miteinander sachlich und deeskalierend zu wirken. Und wenn man beruflich und/oder politisch damit zu tun hat: Auf alle Maßnahmen hinwirken, die die Sicherheit erhöhen.
Welche Schritte müssen konkret folgen?
Ein ganzes Bündel an Maßnahmen. Neben der bereits genannten Mehrfachbesetzung zählt dazu in erster Linie eine möglichst gute Eigensicherung des Personals. Bodycams, mit denen die Mitarbeiter bei Bedarf auf Knopfdruck ihr Gegenüber aufnehmen können, sind da ein effektives Mittel. Bevor die Bodycams vor rund zehn Jahren bei der rheinland-pfälzischen Polizei eingeführt wurden, war ich mit dem Thema im Mainzer Innenministerium intensiv befasst und kann von daher sagen, dass die Kameras auch unabhängig von einer möglichen – und durchaus ebenfalls wichtigen – Beweisfunktion schon meist deeskalierend und daher schützend wirken. Man sollte die Kameras auch mit dem Zugnotruf „PrioRuf“ verknüpfen und eine automatische direkte Meldung ermöglichen. Neben den Kameras muss die Qualifizierung des Zugbegleitpersonals durch entsprechende Sicherheitsschulungen plus erweiterte technische Ausstattung intensiviert werden.
Was kann das Land, was kann die Polizei tun, um solche Gewalttaten möglichst zu verhindern?
Beim Land ist die Einrichtung eines Fördertopfs für die Anschaffung von Bodycams im Gespräch – das würde ich aus den genannten Gründen sehr begrüßen. Gemeinsam mit den anderen Ländern und dem Bund gilt es zudem, die finanziellen Voraussetzungen für mehr Personal in den – von den Ländern bestellten und bezahlten – Zügen zu schaffen, damit nicht am Ende am Fahrplanangebot gespart werden muss. Die Sicherheitsarchitektur im Bahnbereich ist derzeit von parallelen Zuständigkeiten und einem Nebeneinander unterschiedlicher Akteure geprägt — darunter vor allem die Bundespolizei und DB-Sicherheit einschließlich ihrer verschiedenen Subunternehmen. Das führt bisweilen zu Koordinationsproblemen, Reibungsverlusten und einem uneinheitlichen Schutzniveau. Ich begrüße daher Überlegungen in Berlin, diese Aufgaben bei der Bundespolizei zu bündeln. Zudem sollten – nach entsprechender Bevollmächtigung durch die jeweilige Bundespolizeidirektion – temporär auch Einheiten der jeweiligen Landespolizeien mit Handlungsbefugnissen an Regionalbahnhöfen ausgestattet werden können.
Und wie sollte die Stadt reagieren?
Von der Stadt wünsche ich mir, dass sie die genannten Maßnahmen gerade bei den Verkehrsbetrieben weiterhin unterstützt, mit ihrem kommunalen Ordnungsdienst präsent ist – aber auch viel massiver als bisher gegen die zunehmende Verwahrlosung gerade in der City vorgeht. Denn aus der „Broken-Windows-Theorie“ wissen wir, dass Verwahrlosung im öffentlichen Raum Kriminalität mindestens begünstigt.
Die Familie und Angehörige des Getöteten fordern eine maximal harte Strafe für den Täter. „Es kann nicht sein, dass am Ende nur fünf oder sechs Jahre Haft stehen“, sagt der Cousin. Schließen Sie sich dieser Forderung an?
Eine solch niedrige Strafe angesichts der brutalen Tötung eines Menschen würde ich in der Tat auch als extrem ungerecht empfinden. Ich begrüße auch die Bestrebungen der SPD-Bundestagsfraktion, die Mindeststrafen für Angriffe auf Bahnpersonal im Sinne des vom Bundesjustizministeriums vorgelegten Gesetzesentwurfs bezüglich Angriffen bei Tätigkeiten, die dem Gemeinwohl dienen, zu erhöhen. Zudem sollte festgeschrieben werden, dass bei Übergriffen auf Bahnpersonal und auch schon bei Sachbeschädigungen ein Hausverbot, sprich: ein Mitfahrverbot, Vorrang vor der grundsätzlichen Beförderungspflicht hat.
In Ludwigshafen werden immer mal Rufe nach einer KI-gestützten Videoüberwachung am Berliner Platz laut, für die sich auch Oberbürgermeister Blettner (CDU) nach dem Mannheimer Vorbild ausspricht. Ihre Meinung?
Ich bin offen für eine solche Videoüberwachung, die die Erkenntnisse des Mannheimer Modellversuch umsetzt und den fortgeschrittenen Stand der Technik berücksichtigt. Grundsätzlich sollten auch Bahnhöfe mit KI-gestützten Video- und Akustiksystemen ausgestattet werden, die aggressives Verhalten erkennen und Einsatzkräfte vor Ort vorwarnen können.
Zur Sache: Der Fall Serkan Çalar
Serkan Çalar, 36, Zugbegleiter aus Ludwigshafen, wurde am 2. Februar bei einer Ticketkontrolle in einem Regionalexpress zwischen Kaiserslautern und Saarbrücken durch einen Fahrgast attackiert. Der alleinerziehende Vater von zwei Kindern starb an den Folgen des Angriffs im Uniklinikum Homburg, laut Obduktionsergebnis an einer Hirnblutung infolge erheblicher stumpfer Gewalteinwirkung gegen den Kopf. Die Tat sorgte bundesweit für Entsetzen und Debatten über die Sicherheit im Bahnverkehr. Dringend tatverdächtig ist der 26-jährige Grieche Ioanni V., der als Schwarzfahrer im Zug unterwegs war und bei der Kontrolle durch Serkan Çalar in Landstuhl (Kreis Kaiserslautern) aufflog. Er sollte den Zug verlassen, woraufhin es zum Angriff kam.
Zur Person: Christian Schreider
Der Ludwigshafener Stadtrat und Jurist Christian Schreider (54, geboren in Worms, wohnhaft in Friesenheim) war in seiner Zeit als Abgeordneter in der SPD-Bundestagsfraktion unter anderem zuständig für Bahnpolitik und ist seit Jahresbeginn ehrenamtlicher Landesbeauftragter für Rheinland-Pfalz und Rhein-Neckar der Allianz pro Schiene – einem Spitzenverband der Verkehrsbranche, dem zahlreiche andere Institutionen angehören, wie etwa Hochschulen, Verkehrsunternehmen, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) oder der Naturschutzbund.