Ludwigshafen
Städtische Kitas: Immer wieder Ausfälle und Einschränkungen
Für viele Eltern von Krippen- und Kindergartenkindern in Ludwigshafen war die erste Jahreshälfte mit Stress verbunden. Wer seinen Nachwuchs morgens in den Kindergarten brachte, der wurde manchmal bereits am Vormittag von einer E-Mail der Kitaleitung überrascht. Darin stand dann, dass Eltern wegen der angespannten Personalsituation ihre Kinder in den kommenden Tagen doch bitte selbst betreuen müssen. Andernfalls werde in alphabetischer Reihenfolge ausgewählt, wessen Kind an bestimmten Tagen nicht in die Kita könne. So erlebten es zumindest Eltern einer Kindertagesstätte im südlichen Ludwigshafen.
Die Betreuungssituation in Ludwigshafen ist seit Jahren angespannt. Nicht wenige sprechen von einer Kitakrise in der zweitgrößten Stadt in Rheinland-Pfalz. Die Probleme sind vielfältig. Sie beginnen damit, dass der Stadt schlicht die Gebäude und die damit verbundenen Betreuungsplätze fehlen für die Anzahl an Kindern, die Anspruch auf einen Betreuungsplatz haben. Zuletzt war im Jugendhilfeausschuss der Stadt von 900 Kitaplätzen Plätzen die Rede, die alleine baulich für das Defizit verantwortlich sind. Hinzu kommt seit Jahren ein konstanter Mangel an Personal.
Viele unbesetzte Stellen
Aktuell sind in den städtischen Kitas, die ein Drittel aller Einrichtungen in Ludwigshafen ausmachen, 63 Stellen unbesetzt, wie die Stadt auf Anfrage mitteilt. Und das bei 690 Erzieherinnen und Erziehern, die im Moment für die Stadt arbeiten.
Der Mangel führt dazu, dass die Stadt regelmäßig Kindern keinen Betreuungsplatz anbieten kann, obwohl ihnen laut Gesetz ein solcher Platz zusteht. Viele Eltern verzweifeln regelrecht an dieser Situation. Insbesondere dann, wenn beide Elternteile berufstätig und auf ihren Job angewiesen sind. Seit Jahren steigt deshalb die Zahl der Eltern, die vor dem Verwaltungsgericht in Neustadt einen Betreuungsplatz für ihr Kind einklagen. Neue Kitaplätze werden durch solche Klagen jedoch keine geschaffen.
Ob eingeklagt oder nicht: Für die Kinder und deren Eltern enden die Strapazen mit dem ergatterten Betreuungsplatz nicht. Denn die Personalsituation in Ludwigshafens Kindergärten ist dermaßen angespannt, dass Eltern immer wieder mit Ausfällen oder Einschränkungen in der Betreuung rechnen müssen. Kathrin Gröning, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Rheinland-Pfalz, formuliert es so: „Selbst wenn Ludwigshafen alle Stellen besetzen könnte, die Betreuung ist spitz auf Knopf genäht.“ Wenn wie in den vergangenen Monaten weitere Erzieherinnen ausfielen – etwa durch Krankheit, Elternzeit oder Kündigung – dann gerate das System schnell ins Wanken.
Einschränkungen: 429 Fälle
Die RHEINPFALZ hat die Stadt Ludwigshafen um Zahlen gebeten, wie häufig seit Jahresbeginn städtische Kitas ihr Betreuungsangebot einschränken mussten.
Die Zahlen sind eindeutig. Bereits 429 Mal in diesem Jahr mussten städtische Kindergärten ihr Betreuungsangebot einschränken, schreibt die Stadt auf Anfrage. Von den 35 städtischen Kitas seien lediglich fünf Einrichtungen nicht von Personalengpässen und damit verbundenen Einschränkungen für Eltern und ihre Kinder betroffen. Heißt: In jeder Kita lief der Betrieb im ersten Halbjahr im Schnitt in 14 Fällen nicht so wie eigentlich vorgesehen.
Es wird Kindergärten in Ludwigshafen geben, denen der Personalmangel mehr Probleme bereitet hat als anderen. Und eine Einschränkung bedeutet nicht gleich, dass der gesamte Betrieb lahmgelegt ist. Ein komplexes System regelt, ab wie vielen fehlenden Erzieherinnen der Betrieb eingeschränkt werden muss. Es funktioniert nach dem Ampel-Prinzip. So gibt es das Land in seinem sogenannten Maßnahmenplan vor. Man orientiert sich dabei immer an dem Personalschlüssel, der für eine gewisse Anzahl an Kindern vorgesehen ist.
Bei grün ist alles in Ordnung. Bei gelb müssen vor allem die Erzieherinnen in den sauren Apfel beißen. Freie Tage müssen dann etwa umgeplant werden, Fortbildungen werden gestrichen, oder es werden Kolleginnen aus anderen Kitas herangezogen. Aber auch besondere Aktivitäten oder Ausflüge für die Kinder werden gestrichen. Schlägt die Ampel auf orange um, wird es ernst. Dann läuft der Betrieb in der Kita nur eingeschränkt. Entweder, indem die Öffnungszeiten verringert oder aber einzelne Kinder ausgeschlossen werden müssen. Bei rot muss die Kita für alle geschlossen bleiben, weil die Versorgung der Kinder nicht mehr ausreichend gewährleistet werden kann.
Betrieb zeitweise eingeschränkt
Die Stadt möchte auf Anfrage nicht genau beziffern, in welchen Kitas, wie häufig und wie lange die Maßnahmenpläne eingesetzt wurden. In den meisten Fällen habe es sich jedoch um Einschränkungen der Stufe orange gehandelt. Dazu heißt es: „Ein Teil der Einrichtungen konnte zeitweise nur eingeschränkt betrieben werden. Dies betraf insbesondere Einrichtungen mit länger andauernden reduzierten Öffnungszeiten oder eingeschränkten Betreuungsangeboten.“
In drei Einrichtungen habe man die Einschränkungen über längere Zeiträume fortführen müssen. Grund hierfür seien andauernde Personalengpässe aufgrund von Ausfällen oder längeren Erkrankungen. Immerhin gelang es der Stadt bisher, dass keine Kita schließen musste (Stufe rot).
Häufige Personalwechsel
Für viele berufstätige Eltern bedeutete das, immer wieder aufs Neue Lösungen zu finden – manchmal innerhalb weniger Tage oder sogar Stunden. Auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der städtischen Kitas dürften die vergangenen Monate kein Zuckerschlecken gewesen sein. Die Arbeitsbelastung für jene, die den Betrieb aufrecht erhalten, ist immens. Der Personalmangel verstärke sich durch diesen Umstand noch, sagt GEW-Vorsitzende Gröning. Sie bekomme mit, dass in Ludwigshafen häufig das Personal wechsle. Denn wo die Arbeitsbelastung hoch sei, würden die Erzieherinnen häufiger den Arbeitgeber wechseln.
In der Stadtverwaltung sucht man händeringend nach neuem Personal, um die bestehenden Lücken zu schließen. Gleichzeitig müsse man feststellen, dass für die gesetzlich vorgegebenen Standards nicht ausreichend Fachkräfte am Arbeitsmarkt verfügbar seien, schreibt die Stadt.
Der einzige Faktor, der in den kommenden Jahren der Verwaltung in die Hände spielen könnte, ist die Demographie. In Ludwigshafen werden wie überall im Land immer weniger Kinder geboren, die später einmal in die Kita gehen.