Ludwigshafen
Sechs Männer radeln an die Nordsee
„Darum sagen wir auf Wiedersehen“, singt der Chor der Ehefrauen ihren sechs Männern bei Abfahrt um 9 Uhr den Toten-Hosen-Klassiker zum Abschied. „Rund 15 Kilo Gepäck“ habe jeder „Borzler“ laut Horst Rüffel aus Wachenheim in den Gepäcktaschen. „Trotzdem haben wir einen Schnitt von 20 Stundenkilometern“, wundert sich der 57-Jährige aus Erfahrung: Denn vor sechs Jahren war die Clique schon einmal auf der gleichen Route.
Nur sei die Ludwigshafener-Fraktion damals mit dem Zug zu den „Borzlern“ Wolfgang Krupp (61) und Hartmut Gorries (62) nach Nordenham gefahren, um die Strecke gemeinsam zurück zur Chemiestadt zu radeln. Kennengelernt habe sich die Nord-Süd-Connection 1999 während eines Skiurlaubs, erinnert sich Anke Krupp (59). Seitdem seien neben dem jährlichen Skifahren auch Geburtstage, Hochzeiten oder das Schifffahrtsevent „Sail“ in Bremerhaven willkommene Anlässe, die Freundschaft zu leben.
Ordentliche Steigungen auf der Strecke
Auch die Idee zur Radfahrt sei bei einem der Skiurlaube geboren worden. „Wegen Corona haben die Männer mit der Gegentour aber warten müssen“, erzählt Anke Krupp weiter. In vorab gebuchten Hotels lassen die „Borzler“ den Tourtag ausklingen. Über Stock und Stein geht es von Mainz weiter nach Boppard, Königswinter und Düsseldorf. Danach navigiert Google-Maps den Trupp über Dülmen und Westerkappeln nach Garrel als letzter Übernachtungsstation vor Nordenham.
„Mit ordentlichen Steigungen“ müssen sich die Rentner, die laut Horst Rüffel mit zwei Elektro- und vier herkömmlichen Tourenrädern unterwegs sind, vor allem auf der „Sauerlandlinie“ auseinandersetzen. Nach pfingstlichem Regenguss und Gewitter hofft Udo Selinger auf „schönes Wetter“ und auf genauso „schöne Begegnungen“ wie bei der ersten Tour.
Ständchen in Friesenheim
Bei der letzten Fahrt sei ihnen Rüffels Tochter mit Schwiegersohn nach Koblenz entgegengekommen. „Ohne Verletzungen und Pannen“ hätten alle die Debutfahrt „gut überstanden“, so Rüffel weiter. Ohne Eile entlang des Weges hätten die „Borzler“ unterwegs auch immer wieder spontan entschieden, dass etwa der Kölner Dom oder der Mainzer Fernsehgarten eine Besichtigung wert sind.
Ein Verwandtschaftsbesuch steht in diesem Jahr bei Wolfgang Krupps Schwägerin in Köln an, und am Montag gab es auch schon den ersten Halt in Friesenheim: Dort sangen die „Borzler“ dem 89-jährigen Vater von Uwe Schmitt (62) ein Geburtstagsständchen. Fürs Abendessen in Mainz überlege man schon, ob angesichts der schmerzenden Hinterteile Stehtische reserviert werden sollten, scherzt Rüffel, derweil er die „Anfangseuphorie“ schon in den Waden kribbeln spürt.
Ehefrauen machen Urlaub
Und die Ehefrauen? „Wir nutzen die Männer-Abwesenheit zur Erholung auf Langeoog“, freut Anke Krupp sich auf Insel-Spaziergänge am Strand mit den anderen Damen. „Wehe, wenn sie losgelassen...“, neckt dazu Paul Wittmann (65) aus der Schreberstraße, der mit seiner gleichaltrigen Frau Margit ebenfalls zur Borzler-Gemeinde gehört.
„Borzeln“ heißt auf hochdeutsch „purzeln, fallen“. Laut eigener Webseite „die-borzler.com“ nennen sich die zwölf Freunde so, „weil wir gerne, aber nicht besonders gut Skifahren“. Auf österreichischen Skipisten im Salzburger Land seien die „Borzler“ diejenigen, „die immer im Rudel und mit gelben Leibchen unterwegs sind“, heißt es auf der Webseite im Selbstporträt. Für Belustigung der anderen Skifahrer sorgen die „Borzler“ dabei mit ihren selbstironischen Jackenaufschriften – sei es der „Heizer“, das „Schlusslicht“ oder der „Umfaller“.