Ludwigshafen
Rathausabriss: Ein Drittel ist bereits weg (mit Video und Bildergalerie)
Hinter dem zwei Meter hohen Bauzaun um das Rathaus-Center wird lautstark gearbeitet. Bagger zerlegen mit Greifzangen Beton, der dann von Spezialwerkzeugen in 4,5 Zentimeter große Brocken zerkleinert wird. Brecheranlage nennen das die Experten. Die Stahlarmierung wird mit Magneten aus den Betonbrocken gezogen. Meterhohe Riesenknäuel aus verdrehtem Baustahl liegen in den Ecken der Warenhöfe Ost und West, wo früher die Güter für das Einkaufszentrum angeliefert wurden.
Der Ostflügel, wo einst ein großer Elektronikmarkt untergebracht war, ist verschwunden. Auch große Teile des Parkhauses, in dem einst über 1000 Autos abgestellt werden konnten, sind abgerissen. Nur die Zufahrtsrampen zur Hochstraße Nord werden bis zum Abriss der Trasse noch stehenbleiben. „Ein Drittel des Rathaus-Centers haben wir jetzt abgerissen“, schätzt Bastian Herrmann von der Firma PMO, der auf der Riesenbaustelle für das Recycling der Baustoffe und die Entsorgung der Schadstoffe zuständig ist. 80.000 Tonnen Schutt fallen an. Der zerkleinerte Beton wird als Unterboden für den Bau der neuen Helmut-Kohl-Allee genutzt.
In einem Jahr verschwunden
Wo die ebenerdige Straße als Ersatz für die Hochstraße Nord künftig verlaufen wird, lässt sich vom Dach des Rathausturms bereits gut erkennen. An den Pfeilern der Westbrücke über die Gütergleise des Hauptbahnhofs wird eifrig gearbeitet. Im Bereich der Lorientallee, der Heinigstraße, des Messplatzes und des ehemaligen Parkplatzes Jaegerstraße sind die Baufelder der Allee sichtbar geworden. Der neuen Straße und der neu geplanten Auffahrt zur Kurt-Schumacher-Brücke steht noch das Rathaus-Center im Weg.
„Bis zum Sommer 2026 steht hier nichts mehr“, sagt Klaus Möller, der bei der Bauprojektgesellschaft Ludwigshafen (BPG) für den Abriss des einstigen Wahrzeichens der Stadt zuständig ist. Ein Krähennest an einem Außenaufzugsgerüst hatte zuletzt für Aufsehen gesorgt. Ein Rabenkrähenpaar hatte das Nest in Höhe des elften Stockwerks gebaut und darin drei Jungvögel großgezogen. Es hätte gedauert, eine Genehmigung zur Umsiedlung der Krähenfamilie zu bekommen, daher entschieden sich die Bauverantwortlichen, mit dem Arbeiten an dieser Gebäudeseite noch zu warten, bis die Jungvögel flügge geworden sind. Seit einer Woche ist das Nest leer und nun kann auch an der Nordseite des Rathausturms der Bauaufzug abgebaut und ein Baugerüst aufgebaut werden. „Wir haben durch die Krähen einen Zeitverlust von drei, vier Wochen – den wollen wir aufholen“, berichtet Möller.
Auf dem Dach geht es los
In der ersten Septemberwoche geht es dann an den Abriss des Hochhauses. Ein großer Kran hebt zwei Mini-Bagger auf das 72 Meter hohe Dach, die dann Etage für Etage bis zum neunten Stockwerk abtragen werden. „Pro Stockwerk haben wir 14 Tage veranschlagt. Je weiter wir runterkommen, desto schneller wird es gehen. Wir rechnen mit einer Woche pro Etage – oder weniger“, sagt Möller. Dann übernehmen sogenannte Longfrontbagger mit bis zu 60 Meter langen Greifarmen vom Erdboden aus den weiteren Abriss. Bis Ende des Jahres soll der Turm bis zum dritten Stockwerk abgerissen sein. Der komplette Rathauskomplex soll bis Mitte nächsten Jahres dem Erdboden gleichgemacht sein – wenn alles planmäßig läuft.
Auf der Mega-Baustelle hat es schon einige negative Überraschungen gegeben: Unbekannte waren an einem Wochenende im Februar 2023 in den Rathausturm eingedrungen und hatten den Hahn der Löschwasserversorgung im obersten Stockwerk aufgedreht. 200.000 Liter liefen aus und verteilten sich über alle Etagen. Das Wasser drang auch in die Fahrstühle ein und beschädigte sie. Der Schaden belief sich damals auf über 100.000 Euro. Der Bauablauf verzögerte sich um mehrere Monate. Denn die Aufzüge wurden benötigt, um Baumaterialien von den obersten Stockwerken des Hochhauses nach unten zu bringen.
Unfall mit Arbeitsbühne
Im November 2024 stürzte eine mit vier Handwerkern besetzte Arbeitsbühne sieben bis acht Meter ab, die bei der Demontage der 1700 Fassadenelemente eingesetzt wurde. Es gab drei Verletzte, denen es inzwischen wieder besser geht. Weil an der Fassade keine weitere Klettermastbühne der gleichen Bauart im Einsatz war, konnten die Arbeiten fortgesetzt werden. Die Untersuchung des Unfalls dauert an.
Bis auf die Krähen hat sich seitdem kein größerer Zwischenfall mehr ereignet. Unterm Strich ist Abrisschef Klaus Möller ganz zufrieden mit dem Ablauf. Da die Baustelle mitten in der Innenstadt liegt, sind auch viele Menschen in der Umgebung davon betroffen. „Es gibt immer mal wieder Beschwerden von Anwohnern. Aber es hält sich im Rahmen“, sagt Dieter Jung, der Ansprechpartner für die Bürger ist. Meist gehe es dabei um Verkehrsprobleme, weil Straßen gesperrt wurden. Mit dem benachbarten Carl-Bosch-Gymnasium habe man sich abgesprochen, um die Abiturprüfungen möglichst wenig durch Baulärm zu stören.
In einem Jahr wird das Rathaus-Center Geschichte sein. Dann wird hier allerdings keine Ruhe einkehren. Der Abriss der Hochstraße beginnt und parallel dazu findet der Bau der Helmut-Kohl-Allee statt. Bis 2031 soll das Projekt abgeschlossen sein. „Natürlich werde ich das Rathaus-Center sehr vermissen, wie auch viele Ludwigshafener, die damit groß geworden sind“, sagt Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (parteilos), die das Projekt vorangetrieben hat, dessen Ende aber nicht mehr im Amt erleben wird.