Ludwigshafen
Prozess zur Bluttat in Oggersheim: Sterbendem Opfer Mut zugesprochen
„Es war eine schöne Geste, dass Sie Jonas gesagt haben, dass alles gut wird.“ Mit einfühlsamen Worten dankte die Vorsitzende Richterin Mirtha Hütt der Zeugin, die mit stockender Stimme berichtete, wie sie den Tatablauf an jenem 18. Oktober erlebt hatte. Sie war zu dem verblutenden Jonas Sprengart (20) auf die Philipp-Scheidemann-Straße geeilt. „Ich habe ihm die Hand aufgelegt und ihm gut zugesprochen.“ Seine Augen hätten geflattert, die Mundwinkel noch gezuckt. „Ich glaube, dass er in diesem Moment gestorben ist.“
Dann sei ihr aufgefallen, dass dem jungen Mann ein Teil des Unterarms fehlte. „Ich bin losgerannt und wollte diesen Arm suchen“, beschrieb die Zeugin ihr Verhalten in diesem Ausnahmezustand. Unterschiedlich haben sie und ihr Sohn wahrgenommen, was der gebrochen Deutsch sprechende Somalier gerufen haben soll, ehe er in der Scheidemann-Straße erstmals zugestochen hatte. „Hey Alter“, hatte die Mutter verstanden und war zunächst von einem Streit unter Teenagern ausgegangen. „Allahu akbar“, hatte der Sohn gehört. Von einem Weinkrampf geschüttelt verließ die Frau schließlich den Gerichtssaal.
„Wie beim Metzger“
Von einer Prügelei unter Jugendlichen war zunächst auch eine Nachbarin ausgegangen, die davon ans Fenster gelockt worden war. „Da beugte sich jemand mit einem Messer in der Hand über eine andere Person und holte aus“, beschrieb sie im Zeugenstand ihren ersten Eindruck. Im nächsten Moment habe der Angreifer den Arm seines Opfers langgezogen und versucht, diesen abzutrennen, „so wie ein Metzger ein Tier entbeint“. Ihr sei sofort bewusst gewesen, was der Mann beabsichtige. Den Eindruck eines berechnenden Vorgehens und Verhaltens hatten auch weitere Zeugen.
„Er hat sein Opfer zerstückelt“ – diese Beschreibung benutzte eine Zeugin mehrfach. Als sich der Täter mit dem Unterarm vom Tatort entfernte, habe er entspannt gewirkt, unaufgeregt auf Kommentare eines Anwohners reagiert, der ihn von einem nahegelegenen Haus aus angesprochen habe.
Exorzismus mit „heiligem Stock“
Zwischen zwei Zeugenvernehmungen fand Hütt Zeit, eine Aussage der Ex-Partnerin zu durchleuchten, die vor einer Woche in einer Videovernehmung stundenlang ausgesagt hatte. Dabei sprach die Frau auch von einem „heiligen Stock“, dessen Herausgabe der Angeklagte von ihr gefordert habe. Dabei ging es wohl um die Tatwaffe, ein extrem langes Küchenmesser, vermutete die 34-Jährige.
Auf Nachfragen dazu und zur Symbolik antwortete der Angeklagte ausweichend und langatmig, räumte erst auf mehrmalige Nachfrage der Richterin ein, dass er ein Messer verlangt habe. Zu welchem Zweck, wollte Hütt wissen. Habe es sich um eine Art Teufelsaustreibung gehandelt? „Natürlich“, antwortete der Mann regungslos. Um in sachlichem Ton zu erläutern, wie ein solcher Teufel in Menschengestalt zu erkennen sei. Da seien optische Unterschiede auszumachen, vor allem an den Füßen, die Hufen ähnelten.
Wohl fünf Jahre älter
Das Messer, mit dem er zwei Männer getötet und einen weiteren Mann lebensgefährlich verletzt hatte, sei kein rituelles gewesen. Mangels eines „heiligen Stocks“ habe er zur nächstliegenden brauchbaren Waffe gegriffen. Warum er dafür kein Messer aus seiner Neustadter Wohnung mitgebracht, sondern seine frühere Partnerin zur Herausgabe gezwungen habe, erklärte er damit, dass es ihm gestohlen worden sei. Die Polizei hat jedoch ein Messer nach den Attacken in Oggersheim in seinem Neustadter Zimmer sichergestellt.
Nicht mit letzter Gewissheit klären lässt sich bislang das Alter des Angeklagten. Bereits zum Prozessauftakt hatten sich in der Biografie Unstimmigkeiten ergeben, wenn man als Geburtsjahr 1997 ansetzte, wie in den Akten registriert. Weil in seinem Geburtsland Somalia offenbar keine Geburtsurkunde ausgestellt worden war, wollte der Mann zunächst nicht ausschließen, dass er mindestens zwei Jahre früher geboren worden sein könnte. Am Mittwoch gab er zu Protokoll, bereits Ende 1992 zur Welt gekommen zu sein – und damit fünf Jahre älter zu sein, als zunächst angenommen. So habe seine Mutter jedenfalls den Zeitraum der Geburt eingegrenzt.
„Opfer hatten Pech“
Auch über seinen Nachnamen kursieren abweichende Versionen, der des Großvaters und ein Spitzname, den er sich bei der Einreise in die EU selbst gegeben haben will. Im Lauf der Verhandlung am Mittwoch erklärte der Angeklagte, dass er wiederholt versucht haben will, in seine somalische Heimat zurückzukehren, weil er in Deutschland keine Wurzeln habe schlagen können. Das sei ihm aber in mehreren Anläufen nicht geglückt.
Auf Nachfrage der Verteidigung bestritt der Angeklagte, solche Taten wie in Oggersheim erneut begehen zu wollen. Er habe sich gezielt an „schlechten Leuten“ rächen wollen, wiederholte er seine Version vom „bösen Blick“. Er habe seine Familie schützen wollen. Erst in der Untersuchungshaft habe er erfahren, dass die beiden erstochenen Handwerker und der Mann, der den Angriff schwer verletzt überlebt hatte, seine Ex-Partnerin gar nicht kannten und „Pech gehabt“ hätten. „Ich bin überzeugt, einen der beiden Männer schon einmal vor ihrem Haus gesehen zu haben“, blieb er bei seiner Version, dass er seine Ex-Partnerin und deren beiden Töchter vor einem möglichen Missbrauch bewahren habe wollen.
„Da hat’s geklickt“
„Als ich ihn dann auf der Straße gesehen habe, hat’s geklickt: Das ist er, der den drei schaden wollte.“ Auf Nachfrage der Verteidigung räumte der Mann ein, dass ihm kein tatsächlicher Vorfall oder Übergriff bekannt geworden sei. „Aber ich habe geglaubt, dass sie bedroht werden.“ Auch in den vorangegangenen Prozesstagen zeigte der geständige Angeklagte keine Reue.
Der Prozess soll am Montag am Landgericht fortgesetzt werden. Nachdem sich die Vernehmungen am Mittwoch auf die Zeugen konzentriert haben, die die tödliche Attacke auf Jonas Sprengart aus unterschiedlichen Perspektiven beobachtet haben, sind dann diejenigen geladen, die auf seinen Kollegen Sascha Kraft (35) aufmerksam geworden sind. Er hatte sich schwer verletzt vom ersten Tatort wegschleppen können, ehe er im Krankenhaus starb.
Erwartet wird auch der Mann, der damals in einer Wohnung über der Ex-Partnerin in einem Mehrfamilienhaus im Westen Oggersheims wohnte. Ihn hatte der Angeklagte zum Prozessauftakt ebenfalls im Verdacht, der Frau und ihren Kindern nachzustellen und ihn damals in einen Zusammenhang gebracht mit seinen tatsächlichen Opfern.