Ludwigshafen Pastoralreferentin Birgit Kiefer über die Qual der Wahl

In acht Tagen haben wir die Wahl.
In acht Tagen haben wir die Wahl.

In genau acht Tagen ist Bundestagswahl. Wir haben die Qual der Wahl, und die ist dieses Mal besonders groß. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Zeit, als es eigentlich nur drei Parteien gab – CDU, FDP und SPD? Da waren die meisten Deutschen sogenannte Stammwähler und machten ihr Kreuzchen immer wieder bei „ihrer“ Partei. Und am Schluss kam entweder eine Große Koalition heraus oder eine Koalition aus einer der beiden Volksparteien mit der FDP. Heute sind mehr Parteien am Start; ihre Positionen sind extremer; die Wahlentscheidung wird viel komplexer. Wie soll, ja wie kann ich mich überhaupt verantwortlich entscheiden?

Auf den Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, geht der Begriff von der „Unterscheidung der Geister“ zurück. Das klingt vielleicht ein bisschen irritierend, aber die einzelnen Schritte können hilfreich sein – für große Lebensentscheidungen ebenso wie für die kleinere, aber doch so wichtige Wahlentscheidung am 23. Februar.

Birgit Kiefer
Birgit Kiefer

Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob ich überhaupt „richtig“ wählen soll oder muss. Ich könnte ja auch gar nicht an der Wahl teilnehmen oder einen ungültigen Stimmzettel abgeben. Wenn ich mich aber so beteiligen will, dass meine Stimme zählt, dann werde ich unvoreingenommen Pro und Contra jeder Partei abwägen müssen. Ich kann natürlich nicht alle Wahlprogramme lesen, aber ich kann mich aus seriösen Quellen im Internet sachkundig machen.

Mindestens genauso wichtig wie die nüchterne Analyse dessen, was ich da lese, ist der Austausch mit anderen: die Diskussion mit Freundinnen und Freunden, darunter durchaus auch mit Andersdenkenden – sofern sie nicht nur Stammtischparolen vertreten. Hilfreich sind auch Fragen wie: Ist etwas ethisch vertretbar? Oder: Was würde Jesus dazu sagen?

Ignatius empfiehlt dann immer wieder, in mich hinein zu hören – ohne Denkverbote (oder Fühlverbote) auf das zu achten, was die vorausgegangenen Abwägungen bei mir auslösen. Wenn ich mich als gläubiger Mensch verstehe, werde ich Gott um Mut und Freiheit zu einer guten Entscheidung bitten. Ich darf aber an dieser Stelle auch auf mein „Bauchgefühl“ vertrauen!

Ist die Entscheidung, zu der ich inzwischen neige, zukunftsfähig? Dann sollte ich sie auch treffen. Vielleicht wähle ich eine andere Partei als 2021, aber wenn es mir jetzt richtig erscheint, stehe ich dazu. In den nächsten vier Jahren wird es sich erweisen, ob ich meine Entscheidung noch einmal korrigieren muss …

Sie merken, ich nehme die Qual der Wahl sehr ernst. Die Wahlfreiheit mutet uns viel zu in diesen Zeiten, aber wir sollten gerade deshalb unsere Verantwortung ernstnehmen und uns der Herausforderung stellen! Wir schaffen das! Abschließend möchte ich Ihnen einen Satz aus dem Epilog von Angela Merkels Erinnerungen mitgeben, der ausdrücklich nicht als parteipolitische Wahlempfehlung verstanden werden will: „Wahre Freiheit ist nicht allein die Freiheit von etwas … , sondern zeigt sich in der Verantwortung für etwas: für den Nächsten, für die Gemeinschaft, für unser Gemeinwesen.“ (Angela Merkel, Freiheit, S.717)

Die Autorin

Pastoralreferentin Birgit Kiefer (62) ist katholische Seelsorgerin am St. Marienkrankenhaus in Ludwigshafen.

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