Ludwigshafen
Neuanfang mit Hygieneabstand: Das Hermann Art Kollektiv mit Jazz im Feierabendhaus
Das Wichtigste zuerst: Im BASF-Feierabendhaus mit seinen 1400 Plätzen befanden sich 130 Zuschauer. Sie saßen zu viert auf Plastikstühlen um kleine Tischchen gruppiert. Man hätte von Jazzclub-Atmosphäre sprechen können, wäre drumherum nicht der riesige Konzertsaal gewesen, dessen plüschige Originalbestuhlung zur Hälfte entfernt worden war. Aber hier geht es ja nicht um Atmosphäre, sondern um Hygieneabstand. Der war dann auch weitgehend gewährleistet, die Besucher konnten, ohne sich zu nahe zu kommen, ihre Plätze einnehmen, die ihnen vom reichlich vorhandenen Personal zugewiesen wurden. Sogar eine Bar war geöffnet, wo man sich anstellen konnte, natürlich mit Mundschutz und unter Einhaltung von 1,5 Meter Mindestabstand.
Wichtiger als die Musik sind bei einem Konzert in diesen Zeiten ja die äußeren Umstände, die eine solche Veranstaltung überhaupt erst möglich machen. Im großen BASF-Feierabendhaus platziert man eben 130 Jazzfans an Tischchen. Für die Jazzliebhaber war das alles okay, die freuten sich, endlich mal wieder Live-Musik erleben zu dürfen.
Ein Blick in die Musikerseele in Corona-Zeiten
Die BASF-Kulturverantwortlichen haben mit ihrer viertägigen Konzertfolge aus Jazz, Klassik, Pop und Kinderprogramm so etwas wie eine Versuchsreihe gestartet. Man will testen, unter welchen Bedingungen sich Konzerte durchführen lassen, im Herbst soll es schließlich wieder losgehen mit Sinfoniekonzerten, Kammermusik, Enjoy Jazz, Pop und all den anderen Angeboten. Da das einstündige Auftaktkonzert um 18 und 20 Uhr angeboten wurde, konnten fast 300 Besucher dabei sein. Wäre das Feierabendhaus komplett umbestuhlt worden, hätte man sogar die doppelte Zahl unterbringen können.
Dass dieses erste Konzert auch musikalisch überzeugen konnte, hatte natürlich nichts mit den auch auf der Bühne eingehaltenen Hygieneabständen zu tun, dafür viel mit dem Programmkonzept, das sich Alexandra Lehmler und ihre Mitstreiter ausgedacht hatten. Der Abend sollte einen Blick in die Musikerseele in Corona-Zeiten ermöglichen, vom stressigen Alltag vor der Pandemie, dem der Lockdown ein abruptes Ende setzte, über tastende Versuche, mit Quarantäne und Vereinzelung umzugehen, bis zum von Zweifeln begleiteten, sich gerade abzeichnenden Neustart.
Schlagartig die Stille
Um dies hörbar zu machen, griff man auf die vielfältigen Stilformen des Jazz zurück, entfaltete das Vor-Corona-Leben mit melodisch-munterem Jazz zwischen Cool und Bop, mit prägnanten Soli von Trompeter Thomas Siffling und Alexandra Lehmler am Tenorsaxophon. Matthias Debus am Kontrabass und Erwin Ditzner am Schlagzeug steuerten die manchmal angeschrägten swingenden Rhythmen bei. Als man sich in die harmonisch freieren Gefilde des Free Jazz vorwagte, kam schlagartig die Stille.
VJ Haegar, der mit seinen flackernd-bunten Visuals die Musik bis dahin eher dekorierend als kommentierend begleitet hatte, zeigte nun nur noch eine fast horizontale Sinuskurve, eine Herzfrequenz kurz vor dem Stillstand. Debus wagte sich dann mit einem melancholisch verhangenen Basssolo als erster aus der Schockstarre, die anderen folgten, jeder für sich, experimentierend mit elektronischem Equipment, in der Hoffnung, dem einsamen Solo ein wenig klangliche Fülle zu verleihen. Sogar beim Schlager suchten die vier schließlich Rettung, probierten es mit „Schön ist es, auf der Welt zu sein“, eher lustlos allerdings. Auch Biene und Stachelschwein haben gegen bösartige Viren keine Chance. Natürlich haben sie sich am Ende doch noch zu einem richtigen Jazzstück aufgerafft. Aufgeben gilt ja nicht, aber wann alles endlich wieder gut wird, weiß halt keiner.
„Ein Signal“ habe die BASF setzen wollen
Das Publikum war natürlich begeistert, und die Musiker hatten endlich wieder einmal einen ordentlich honorierten Auftritt. Sogar die Eintrittsgelder spendete die BASF an den Hilfsfond „Support your local artist“, der Künstlern in der Metropolregion zugute kommt. „Ein Signal“ habe man setzen wollen, hatte Klaus Gasteiger von der BASF-Kultur zu Beginn gesagt, zeigen, dass man die Kultur auch weiterhin unterstützen werde, „auch wenn das Wie noch in den Sternen steht“. Einen ersten Hinweis, wie dieses Wie aussehen könnte, hat der Abend immerhin gegeben.