Serie: Neues Jahr, neues GlückNach Kostüm-Aufregung auf der Buga zurück im Tagesgeschäft
Frauen-Power: Seit 1980 gibt es in Mannheim-Rheinau eine Tanzgruppe, die sich in wechselnder Formation einen Namen gemacht hat.
Ein ereignisreiches Jahr liegt hinter der Damen-Tanzgruppe, die die Bundesgartenschau gerockt hat. Deren Mitglieder erzählen vom Wahnsinn dieser Tage und schauen zugleich nach vorn.
„Zurzeit sind wir 15. Die 16. hat gerade ein neues Kniegelenk bekommen, eine andere ist in Moskau. Ob sie zurückkommt, wissen wir nicht.“ Erika Schmaltz trägt ihr Herz auf der Zunge. Sie ist die Gründerin des Balletts der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Rheinau, das es im gerade vergangenen Jahr zu unverhoffter Prominenz gebracht hat.
Was für ein verrücktes Jahr ist das für die Damen aus dem Mannheimer Süden gewesen? Die Medien haben sich geradezu auf sie gestürzt. Bei der Bundesgartenschau hatte die Tanzgruppe aus Rheinau ihren ganz großen Auftritt. Größer als gedacht deshalb, weil sich im Vorfeld eine skurrile Diskussion über die Kostüme der Damen entwickelt hatte. Die Veranstalter hatten etwas an Sombreros, Ponchos und Co. zu beanstanden, weil sie befürchteten, dass durch den Auftritt der Damen beispielsweise die Gefühle von Mexikanern verletzt werden könnten. Kulturelle Aneignung lautete der Vorwurf. Die Show stand auf der Kippe, letztlich einigte man sich auf einen Kompromiss mit leicht geänderten Kostümen.
Wochenlang das Stadtgespräch
Erleichterung nach dem Auftritt auf der Bundesgartenschau: Die Tanzgruppe lässt sich feiern.
Beim Einkaufen, beim Physiotherapeuten, irgendwie überall wurden die Damen angesprochen. Marianne Nannig erzählt, dass sie sowieso ziemlich einzigartig seien mit ihrem Ballett. In Altenheimen, auf Weihnachtsmärkten oder Fasnachtsveranstaltungen treten sie normalerweise auf. „Was dann aber 2023 passiert ist, kann man nicht einfach abhaken“, sagt die 75-Jährige. Erika Schmaltz bestätigt das: „Mein Physiotherapeut hat während der ganzen Behandlung nur vom Awo-Ballett geredet. Er sagte, dass er alles über uns gelesen hat.“ Und Marianne Nannig ergänzt mit Blick auf die seltsame Kostüm-Diskussion: „Alle haben darüber gelacht, weil die Vorwürfe so lächerlich und zum Teil absurd waren.“
Dank der Bundesgartenschau-Veranstalter kam für die Damen aus der Rheinau etwas ins Rollen, was sie nie für möglich gehalten hätten. Zum Beispiel gab es einen Auftritt im Europa-Park in Rust – in den Original-Kostümen übrigens. Dort hatte man darauf bestanden. Oder ein Gastspiel bei der Deutschen-Indischen-Gesellschaft im November in Heidelberg – in indischen Kostümen freilich. „Die haben getobt. Es waren ganz viele Inder da“, erzählt Marianne Nannig. Eine herrliche Anekdote ist auch, dass ein älterer Herr zu allen sechs Auftritten der Tanzgruppe auf der Bundesgartenschau gekommen ist, im Sombrero natürlich. „Er hat uns sogar die Bühne trockengemacht, als es geregnet hat. Wir haben unsere Fans“, sagt Erika Schmaltz und lächelt.
Auftritt beim „Supertalent“?
Der Hut des Anstoßes: Awo-Ballett im Mexiko-Outfit.
Nicht nur in den regionalen Medien wurde die Seniorinnen-Tanzgruppe zu einer großen Nummer. Es gab ein bundesweites Echo. Sogar eine Anfrage von RTL für die Sendung „Das Supertalent“ war dabei. „Da haben wir dann aber doch lieber der Jugend den Vortritt gelassen“, sagt Erika Schmaltz. Selbst im Ausland sorgte die Kostüm-Posse um kulturelle Stereotype für Schlagzeilen. „Meine Tochter wohnt in Colorado in den USA. Da waren wir Thema im Fernsehen. Sie hat mich angerufen und gefragt, was da bei uns in Deutschland los ist“, erzählt die 86 Jahre alte Brigitte Hinke.
Jetzt freuen sich die Damen aber auf die ersten Auftritte im neuen Jahr. Neue Programmteile haben sie längst einstudiert, obwohl sie den Sombrero auf Wunsch des Publikums sicherlich noch das eine oder andere Mal aufsetzen müssen. Einen neuen Stepptanz und eine Westernshow haben sie jetzt zusätzlich drauf. in der närrischen Zeit wird die Awo-Tanzgruppe einige Male zu erleben sein. In Seniorenzentren und Altenheimen ist sie ohnehin Stammgast.
Küken kommt aus China
Nächste Station der folkloristischen Weltreise: Indien.
Mit dabei ist dann auch wieder das Küken des Balletts: die 59 Jahre alte Cong aus China, die mit Nachnamen Max heißt. „In China hat man als Kind oft mit klassischer Musik Kontakt. Hier in Mannheim habe ich dann gedacht, dass ich das mal ausprobieren möchte“, erzählt sie. Ebenfalls glücklich darüber, die Tanzgruppe gefunden zu haben, ist Natalia Tortorici. Sie kam 1992 aus der Ukraine nach Deutschland. „Ich habe als Statistin am Nationaltheater gearbeitet“, sagt die 68-Jährige. In der Awo-Tanzgruppe ist sie seit 2019. Und gemeinsam mit den anderen gehen sie nun wieder ohne große Aufregung ihrer Passion nach: mit ihrem Tanz anderen Menschen eine Freude zu bereiten.