Ludwigshafen
„Mister Hochstraße“ über eine Großbaustelle, die Ludwigshafen vier Jahre alles abverlangen wird
Herr Küssner, warum sind die Bauarbeiten am Nordbrückenkopf für Sie eine „Operation am offenen Herzen“?
Der Nordbrückenkopf ist einer der kompliziertesten Verkehrsknotenpunkte in Ludwigshafen. Er verbindet die B44, also die Hochstraße Nord, mit der Kurt-Schumacher-Brücke nach Mannheim, bietet Zugang in den Norden nach Oppau sowie zur Rheinuferstraße und ermöglicht Auffahrten von dort zurück auf die B44. Mit Beginn der Arbeiten im August 2026 fällt diese gesamte Infrastruktur für vier Jahre weg. Das bedeutet, dass wir eine zentrale Verkehrsader stilllegen – ein enorm komplexes Vorhaben.
Wie werden diese jahrelangen Bauarbeiten das Verkehrsgeschehen beeinflussen?
Die Auswirkungen sind erheblich, da wir ja eine Rheinbrücke fast vollständig außer Betrieb nehmen. Diese Großbaustelle wird uns viel abverlangen. Wir müssen den Verkehr so reibungslos wie möglich organisieren. Viele Pendler müssen weiterhin von Ludwigshafen nach Mannheim oder in die Innenstadt gelangen. Staus wollen wir dabei unbedingt vermeiden. Deshalb laufen die Vorbereitungen für ein schlüssiges Verkehrskonzept bereits seit neun Jahren. Gemeinsam mit der Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft und dem Landesbetrieb Mobilität (LBM) haben wir ein Drei-Zonen-Konzept entwickelt, um die Verkehrsströme gezielt zu lenken.
Wie funktioniert dieses Konzept?
In der ersten Zone geht es darum, den Durchgangsverkehr aus der Region herauszuhalten. Wer etwa aus der Vorderpfalz nach Heidelberg möchte, nutzt derzeit oft die Route durch Ludwigshafen und Mannheim. Während der Bauarbeiten wird dies nicht mehr möglich sein. Stattdessen wird der Verkehr über einen „Äußeren Ring“ umgeleitet – konkret über die Autobahnen A61 und A6 oder die Rheinbrücke in Speyer. Die zweite Zone betrifft den „Mittleren Ring“, also den Bundesstraßenring. Hierzu zählt etwa die B9, die entlang von Frankenthal verläuft und über die Brunckstraße von Norden Richtung BASF nach Ludwigshafen führt. Diese Zone ist vor allem für Pendler, insbesondere für die Aniliner, von Bedeutung. Um diese Strecken baustellenfrei und leistungsfähig zu halten, hat der LBM notwendige Sanierungsarbeiten rechtzeitig im Vorfeld abgeschlossen.
Und die dritte Zone?
Sie umfasst den „Inneren Ring“, der sich auf den Verkehr in der Innenstadt konzentriert. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Rheinuferstraße unter dem Nordbrückenkopf nicht mehr genutzt werden kann. Der Verkehr wird stattdessen um die Großbaustelle herumgeleitet. Die vorhandene Brücke von Oppau auf die B44, derzeit einspurig, wird für den Gegenverkehr geöffnet. Diese Brücke ermöglicht dann einen jeweils einspurigen Tempo-30-Verkehr für Pkw in beide Richtungen. Für Lkw ist diese Lösung jedoch zu schmal.
Welche Rolle spielt dabei die B37, also die neue Hochstraße Süd?
Die B37 wird im Juni 2026 wieder freigegeben und übernimmt eine zentrale Funktion. Sie wird eine wichtige Verbindung zur Ludwigshafener Innenstadt und über die Konrad-Adenauer-Brücke nach Mannheim bieten. Mit der Hochstraße Süd steht dann wieder eine sehr leistungsfähige Ost-West-Verbindung über den Rhein zur Verfügung, der Verkehr wird nun einfach von Nord nach Süd verlagert.
Zusätzlich ist eine „ÖPNV“-Trasse geplant. Was hat es damit auf sich?
Diese rund 200 Meter lange Trasse wird über das Gelände des abgerissenen Rathaus-Centers führen und darf ausschließlich für den Busverkehr, von Rettungsdiensten und Radfahrern genutzt werden. Wo heute das Rathaus-Center steht, wird es während der Bauzeit nur noch eine große Baugrube geben. In diesem Bereich planen wir einen provisorischen Damm, über den eine sieben Meter breite Straße von der Rhein-Galerie nach Westen zur Haveringallee führt.
Welche Auswirkungen hat der Abriss des Würfelbunkers ab April 2026?
Der siebenstöckige Würfelbunker steht in einer Hochstraßenschleife und blockiert den Platz, den wir für die Bauarbeiten benötigen. Daher muss er weichen. Die Auffahrtsrampe, die um den Bunker herumführt und auf die B44 mündet, wird komplett zurückgebaut. Gleichzeitig wird die rechte Fahrspur der Rheinuferstraße gesperrt. Ab August 2026 ist die Rheinuferstraße dann vollständig geschlossen. Bis dahin steht nur noch die linke Spur zur Verfügung.
Wie stellen Sie sicher, dass der Verkehr trotz dieser zahlreichen Einschränkungen möglichst flüssig läuft?
Hier setzen wir auf unser Umweltsensitives Verkehrsmanagement, kurz: UVM. Dieses digitale System wurde ursprünglich entwickelt, um Schadstoffbelastungen zu reduzieren, indem es den Verkehr steuert. Nun nutzen wir es, um in Echtzeit Daten über ein- und ausfahrende Fahrzeuge zu erfassen. Basierend auf diesen Daten können wir Ampelschaltungen optimieren und den Verkehrsfluss gezielt lenken. Grundsätzlich ist uns ein Stau auf der Autobahn lieber als stockender Verkehr in der Innenstadt. Unser Ziel ist es, den Verkehr so effizient und so klar wie möglich zu regeln.
Die Theorie ist das eine, die Praxis das andere: Droht in Ludwigshafen dennoch ein Verkehrschaos in den kommenden Jahren?
Ich bin davon überzeugt, dass wir ein Chaos vermeiden können. Tatsächlich könnte sich die Verkehrssituation sogar verbessern. Derzeit nutzen etwa Dreiviertel aller Fahrzeuge, die auf der B44 nach Osten fahren, die Schumacher-Brücke. Diese Verkehre werden künftig wieder auf die B37 verlagert. Dadurch wird die Rheinuferstraße entlastet und bisherige Schleichwege entfallen. Fassen wir also noch einmal zusammen: Die Hochstraße Nord (B44) wird nicht mehr über den Rhein führen, dafür steht die Hochstraße Süd (B37) wieder zu 100 Prozent bereit. Die Rheinuferstraße wird im Bereich des Baufelds gekappt, dafür öffnen wir die Brücke Oppau/B44 in beide Fahrtrichtungen.
Und wie sieht’s mit dem Straßenbahnverkehr aus?
Die Linie 6 wird während der Bauphase nicht mehr über die Schumacher-Brücke fahren können. Dafür wird die Adenauer-Brücke wieder geöffnet, über die dann der gesamte Schienenverkehr abgewickelt wird. Zudem sorgt die bis dahin fertiggestellte neue „Bleichstraßen-Kurve“ hinter dem Faktorhaus für eine bessere Anbindung des Netzes in den Süden. So können wir neue Straßenbahnangebote schaffen, beispielsweise eine Expresslinie aus Rheingönheim.
Zur Person
Der Gesamtprojektleiter für das Hochstraßensystem bei der verantwortlichen Bauprojektgesellschaft (BPG) ist in Ludwigshafen geboren und hat in Darmstadt Bauingenieurwesen studiert. Der 55-jährige Diplom-Bauingenieur ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Bad Dürkheim.