Ludwigshafen
Kohl-Allee auf Kurs, Westbrücke im Werden
„Alles super“, sagt Eberhard Küssner am Ende der zweistündigen Tour mit einem halben Dutzend Journalisten. Natürlich weiß der Gesamtleiter der verantwortlichen Bauprojektgesellschaft (BPG), dass nicht alles super sein kann, wenn inmitten der Stadt neben dem 72 Meter hohen Rathaus auch eine kolossale Trasse abgerissen werden muss. Aber dem 55-Jährigen gelingt es immer wieder, dieses in seiner ganzen Dimension wohl einmalige Vorhaben so zu moderieren, als wäre es ein Klacks. „Wir sind voll auf Kurs – mit den Kosten und dem Zeitplan“, bilanziert er gut gelaunt.
Mag sein, dass es daran liegt, dass er Bad Dürkheimer ist. Denen wird ja ein sonniges Gemüt nachgesagt. Könnte aber auch daran liegen, dass Zweckoptimismus dabei hilft, ein schwieriges und langwieriges Projekt wie den Rückbau der maroden Hochstraßen Nord (B44) und Süd (B37) leichter zu stemmen. Kostenvolumen: über eine Milliarde Euro. 865 Millionen Euro verschlingt allein der Bau der 860 Meter langen Helmut-Kohl-Allee. 140 Millionen Euro davon entfallen auf die Errichtung der sogenannten Westbrücke. Sie soll bereits 2029 stehen. Auf einer Gesamtlänge von 445 Metern wird sie den Verkehr über das nördliche Gleisfeld des Hauptbahnhofs führen und die A650 mit der neuen Stadtstraße verbinden.
Elf Achsen, 18 Pfeiler
Die Westbrücke steht zum Auftakt des am Hauptbahnhof beginnenden Baustellenrundgangs auch im Fokus. Genauer gesagt: deren bereits errichteten Bestandteile, die hoch oben von der Pylonbrücke aus gut erkennbar sind. Wie das Widerlager West, ein gut 30 Meter breiter Betonklotz, der im Prinzip den Anfang der Brücke aus Blickrichtung A650 markiert.
Küssner zufolge hat die Westbrücke insgesamt elf Achsen. Dazu zählt auch das noch nicht gebaute Widerlager Ost, von dem aus eine Rampe in Höhe des Parkplatzes des Felix-Bowling-Centers die Brücke künftig hinab auf die Kohl-Allee leiten wird. Über den Messplatz, den früheren Parkplatz Jaegerstraße und das Rathausareal verläuft die bis zu achtspurige Allee dann zum Nordbrückenkopf der Kurt-Schumacher-Brücke, wo es über den Rhein nach Manheim geht.
„Dann wird’s richtig kompliziert“, sagt Küssner über die dort anstehenden Aufgaben, weil sie den Verkehr jahrelang erheblich beeinträchtigen werden. Über Details dazu informieren Stadt und BPG am Montag.
Zurück zu den Widerlagern der Westbrücke: Zwischen diesen wird die Betonfahrbahnplatte der Stahlverbundkonstruktion von neun, bis zu 15 Meter hohen Pfeilerpaaren getragen. Die meisten stehen schon. Mitte September werden sie über die Gleise hinweg mit den ersten, kleineren Stahlträgern (vier pro Achse) verbunden. Ein 750-Tonnen-Autokran hievt sie in Position. Ist der Job erledigt, kommt Mitte Oktober ein richtiger „Riesenoschi“ (Küssner) mit einer noch größeren Reichweite für die längeren, bis zu 70 Meter messenden Stahlträger zum Einsatz. Der Aufbau dieses 65 Meter hohen Raupenkrans dauert vier Tage. „Das wird spektakulär“, verspricht Küssner. Ab Herbst werde die Brücke immer sichtbarer.
Fabrikmauern im Untergrund
Von Gleis 1 des Bahnhofs, die zweite Tourstation, erklärt er wortreich das Prozedere und lobt die Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn. Denn um Platz für die Gewerke zu schaffen, musste ein Teil des Güterbahnhofs weichen. Der normale Zugverkehr ist bis auf abgesprochene Sperrpausen nicht beeinträchtigt. Gut 40 davon gab es seit dem Baustart Anfang 2024.
Weiter geht’s zum 15.000 Quadratmeter großen Messplatz, wo zahlreiche Bagger – wohl noch bis Jahresende – umherkurven. Überraschungen im Untergrund wie die Reste der alten Benckiser-Chemiefabrik samt Säurebecken müssen noch entsorgt werden. Schadstoffe sowie altes Material müssen abgetragen, neues muss aufgeschichtet, ein darunter verlaufender Straßenbahntunnel verfüllt werden. „Das kommt alles raus, hier werden Massen an Erde bewegt“, berichtet Küssner. Parallel läuft die verpflichtende Kampfmittelsondierung. Später wird zudem die Haltestelle Danziger Platz abgerissen.
Struktur der Straße aufgesprüht
Auf dem etwas kleineren Areal in der Jaegerstraße, am Fuße des Rathausskeletts, sind die im Juli 2024 gestarteten Bodenarbeiten bereits abgeschlossen. Der Weg für die Kohl-Allee ist quasi geebnet, die Erde auf Straßenniveau aufgeschüttet. Mit rosa Farbe hat die BPG hier die Struktur der bis zu 30 Meter breiten Stadtstraße für alle sichtbar aufgesprüht: hier Autos, dort Radfahrer, daneben Fußgänger. Erst ab 2028, „damit sich das alles setzen und konsolidieren kann“, wie Küssner erläutert, sollen die Arbeiten auf beiden Plätzen fortgesetzt werden. Warum ihm vor allem die strikte Einhaltung des Zeitplans so wichtig ist? „Jedes Jahr, das wir verlieren, kostet uns einen zweistelligen Millionenbetrag“, betont Küssner.