Ludwigshafen
Migranten erzählen ihre Geschichte: „Integration braucht Zeit, Geduld und kleine Schritte“
„Wanderin zwischen Kulturen“, so hat Ignez Carvallio ihre Erfahrungen als einst Fremde in Deutschland in einem Lied beschrieben. Die Brasilianerin eröffnete mit diesem als Bossa Nova geschrieben Stück am Dienstagabend die Veranstaltung „Vom Ankommen zum Dazugehören: Geschichten gelungener Integration in Ludwigshafen“ im Heinrich-Pesch-Haus. Sieben Menschen aus Ludwigshafen sollten ihre Geschichte erzählen, wie sie es geschafft haben, sich zu integrieren. Manche kamen als Kinder, andere erst als Erwachsene, die einen leben hier schon seit Jahrzehnten, andere erst seit wenigen Jahren. Ludwigshafens Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (parteilos) sagte, es sei wichtig, diese Schicksale zu betrachten im Kontext von zehn Jahren „Wir schaffen das“. An die Redner gerichtet sagt sie: „Sie können stolz sein, Sie haben es geschafft.“
Alle sieben waren sich einig: Der wichtigste Schlüssel zur Integration ist Sprache. Dabei hatten sie unterschiedliche Voraussetzungen dafür. „Meine Grammatik ist nicht perfekt, aber es ist viel wichtiger, dass Sie mich verstehen können und ich Sie“, erklärt Szamanta Novakovity. Sie kam mit ihren Eltern und ihren sechs Geschwistern 2019 nach Deutschland. Sie hatte schnell verstanden, dass Deutsch zu sprechen wichtig ist. Die Sprache lernte sie schnell. „Wahrscheinlich, weil ich schon vier Sprachen spreche.“
Anfangs ging es mit Händen und Füßen
Auch Hamza Kammoun lernte die Sprache bereits als Kind. Er kam 2016 mit elf Jahren. Sobald er in die Schule kam, hatte er vormittags Deutschkurse und nachmittags besuchte er den regulären Unterricht. „Das war sehr gut für mich. So konnte ich das Gelernte gleich nutzen“, berichtet der 21-Jährige. Seine Mitschüler halfen ihm dabei. „Sie wollten mich einbinden.“ Um die Sprachbarriere zu überwinden, unterhielten sie sich anfangs auch mit Händen und Füßen.
Asadullah Tufan kam 2013 als Erwachsener. Es dauerte zwei Jahre, bis er einen Deutschkurs machen konnte. Bis dahin versuchte er, sich mit einem Deutschlernbuch aus dem Jahr 1967 zu behelfen. „Die Wörter darin waren teils veraltet“, berichtet er. „Integration braucht Zeit, Geduld und kleine Schritte, von denen, die ankommen, und der Gesellschaft.“
Deutschland eine zweite Chance gegeben
Integration klappt nicht immer auf Anhieb. Didar Aldawdi kam 1998 aus dem Irak über den Familiennachzug nach Deutschland, landete aber in Magdeburg. „Wir erlebten von Tag eins an dort Fremdenfeindlichkeit, von Erwachsenen und von Kindern.“ Es wurde so schlimm, dass sie und ihre Geschwister 2004 – ein Jahr nach dem Sturz des früheren irakischen Machthabers Saddam Hussein – die Eltern zur Rückkehr in den Irak drängten. „Nach der Rückkehr sind wir dort seitdem die Familie aus Deutschland“, sagt sie. Erst für ihren Mann, der bereits 25 Jahre in Deutschland lebte, gab sie dem Land eine zweite Chance. „Die Erlebnisse, die ich seitdem sammle, radieren die aus meiner Kindheit teils aus.“ Aldawdi ist Integrationsberaterin in Ludwigshafen und sagt: „Ich bin froh, dass ich heute den Ankommenden die Hilfe bieten kann, die ich damals nicht hatte.“
Wie wichtig die richtige Hilfe ist, erklärte auch Ferewoini Hoffmann. Sie kam 1984 als Jugendliche aus Eritrea. „Sprachkurse wie heute gab es in Deutschland damals nicht“, berichtet sie. Eher per Zufall entdeckten sie und ihre Familie eine Anlaufstelle, wo Ehrenamtliche Deutschkurse gaben. Ihr Schulabschluss aus Eritrea wurde so anerkannt, dass sie die Oberstufe eines Gymnasiums in Alzey besuchen konnte. „Kafka oder Textinterpretationen, das kannte ich nicht“, sagt sie und lacht. Heute hilft sie als Brückenbauerin Ankommenden bei den ersten Schritten in Deutschland.
„Ich wollte meinen Kindern ein Vorbild sein“
Wie zugänglich Deutschlernen für Erwachsene geworden ist, berichtete Maria Didukh. Sie kam 2023 mit ihren beiden Kindern aus der Ukraine, hat mittlerweile ihre B2-Sprachprüfung absolviert und arbeitet im Bauamt einer Stadtverwaltung. Diesen Job hat sie bereits in der Ukraine ausgeübt.
Havva Incebacak erinnert sich, wie sie vor sechs Jahren aus der Türkei herkam. Sehr geholfen hat, wie sie und ihre Familie in der türkischen Gemeinschaft der Stadt aufgenommen wurden. „Dort wird aber nur Türkisch gesprochen. Ich wollte aber Deutsch lernen und damit auch meinen Kindern ein Vorbild sein“, sagt sie. Damit das besser funktionierte, ging sie ins Kino und in Konzerte, entdeckte bei Ausstellungen ihre Liebe für Kunst. „Sowas habe ich in der Türkei so gut wie nie gemacht.“
Am Ende der Veranstaltung resümiert Steinruck: „Sprache lernen ist der Grundstein für Integration und da tut sich auch etwas.“ Es brauche aber auch Räume für Begegnungen – und daran fehle es. Zudem sei die Willkommenskultur, wie sie es vor zehn Jahren gab, weggebrochen. „Es wird Neid geschürt gegenüber Migranten“, sagt sie. Man müsse sich jedoch auf Augenhöhe begegnen, damit Integration funktioniert. Darum mache ihr das Engagement der Menschen, die ihre Geschichten erzählt haben, Mut.