Jockgrim
Maulbeerbäume fallen der Kettensäge zum Opfer
Helmut Preissler, ein 87-jähriger Bürger, der in der Nähe des Bürgerplatzes wohnt, ist entsetzt über den „Kahlschlag“, wie er sich gegenüber der RHEINPFALZ äußerte. „Ich musste mit ansehen, wie am 20. März mit großem Personaleinsatz gegenüber des Bahnhofs, am Rande des Bürgerparks, 15 sehr seltene alte Maulbeerbäume der Kettensäge zum Opfer fielen“, schrieb er. Er hätte daraufhin den Ortsbürgermeister angerufen und gefragt, warum die Bäume so radikal zurückgeschnitten wurden. Nach Preisslers Inaugenscheinnahme „waren die gefällten Bäume völlig gesund und standfest“. Er sagt: „Die noch stehenden Stümpfe in Hüfthöhe weisen ein festes Kernholz auf!“
German Guttenbacher, Jockgrims Ortsbürgermeister, sagt auf Anfrage der RHEINPFALZ: „Die Bäume standen direkt am Gehweg entlang der Unteren Buchstraße, neben dem Bürgerplatz. Sie sind im Baumkataster der Ortsgemeinde erfasst, das übrigens rund 1600 Bäume auflistet.“ Alle Bäume, die in diesem Register stehen, müssen regelmäßig kontrolliert und auf ihre Standsicherheit überprüft werden. Im Zuge dieser Kontrollen begutachtete der zertifizierte Jockgrimer Baumkontrolleur Jochen Schloß auch die Maulbeerbäume am Bürgerplatz. Mit dem Ergebnis, dass die betreffenden Bäume in ihrer jetzigen Form nicht mehr standsicher seien.
Von Pilzen befallen und teils hohl
„Die Bäume zeigten Pilzbefall, waren stellenweise innen hohl und nicht durchgängig kompakt“, sagt der Baumfachmann und ergänzt: „Sie hatten dazu faulige Stellen, über denen sich bereits neue, nach oben wachsende, dicke Seitentriebe gebildet hatten.“ Da diese wegen der schadhaften Stellen darunter nicht wirklich fest mit dem Stamm verbunden seien, drohten sie schnell aus- und abzubrechen.
Einige ausgebrochene Äste hingen tatsächlich noch lose in der Krone. Die Bäume seien vor vielen Jahrzehnten eher als Hecken gepflanzt worden und jahrelang immer regelmäßig zurückgeschnitten worden, so ähnlich wie bei Kopfweiden vorgegangen wird. Aber wohl seit der Neuanlage des Bürgerplatzes, mutmaßt Jochen Schloß, seien die Pflegeschnitte unterlassen worden, aus den Hecken wurden Bäume, die in den vergangenen Jahren trotz ihrer Schäden „noch halbwegs gut belaubt waren“. Er empfahl deshalb der Ortsgemeinde, die Bäume bis auf 1,50 Meter zurückzunehmen. Dann bestehe die Chance, dass sie wieder austreiben, sie sich zu einer Hecke entwickeln können.
„Sicherungsfällung“ notwendig
Die radikale Rückschnittmaßnahme, Guttenbacher sprach von einer „Sicherungsfällung“, sei mit der Unteren Naturschutzbehörde bei der Kreisverwaltung Germersheim abgestimmt gewesen. Das von der Naturschutzbehörde vorgegebene Zeitfenster, so Jochen Schloß, sei eingehalten worden. Die Mitarbeiter des Bauhofs der Ortsgemeinde, so der Ortsbürgermeister, hätten den Fällbereich vorschriftsmäßig gesichert und sehr zügig gearbeitet.
Über den Sommer bleibt der Grünstreifen zwischen Bürgerplatz und Straße erst einmal so wie jetzt. Wenn klar ist, welche der Maulbeergewächse noch vital sind und sich vom Rückschnitt erholt haben, sollen sie in eine fortlaufende Hecke einbezogen werden. „Zwischen dem Spielplatz am Rand des Bürgerplatzes und der Straße gibt es nämlich keine Barriere, diese möchten wir durch das Pflanzen von Sträuchern nachholen“, so Guttenbacher. Er weist außerdem darauf hin, dass „die Gemeinde nicht nur Bäume fällt oder stutzt. In den letzten Monaten hat die Ortsgemeinde neue Bäume in der Frühlingstraße gepflanzt, auf Spielplätze wurden Bäume gesetzt, genauso wie auf einer Ausgleichsfläche, wo 25 Bäume angesiedelt wurden“.
Maulbeere wird als Neuanpflanzung empfohlen
Übrigens gehört die Maulbeere (Morus) – es gibt in Europa weiße und schwarze Arten – zu den Bäumen, die immer häufiger als Neuanpflanzung in Deutschland empfohlen werden. Der trockenheitstolerante Baum gedeiht besonders gut im Weinbauklima, verträgt nur starken Frost nicht. Er liefert essbare Früchte, die nach und nach reifen und dann vom Baum fallen.
Die Jockgrimer Maulbeerbäume zeigten jahrzehntelang, dass sie gut mit dem Klima zurechtgekommen sind. Die ersten Maulbeerbäume kamen wohl schon durch die Römer in die Südpfalz. In Landau gibt es ein „Haus zum Maulbeerbaum“, das 1287 zum ersten Mal erwähnt wurde. Auch zur Seidengewinnung wurden in früheren Jahrhunderten in der Pfalz immer wieder Maulbeerbaum-Plantagen, eher mit geringem Erfolg, angelegt. Als Frucht erlebe die Maulbeere gerade eine Renaissance, ist im Internet zu entdecken. Sie eigne sich gut als Trockenfrucht und als Basis für Fruchtaufstriche, an die sich Helmut Preissler noch aus seiner Kindheit gut erinnern kann.