Ludwigshafen / Mannheim
Mannheimer Amokfahrer schweigt zur Tat
Der Todesfahrer hatte nicht weit zu fahren. Von seiner Wohnung im bürgerlichen Ludwigshafener Stadtteil Friesenheim bis in die Mannheimer Innenstadt sind es gerade mal sechs Kilometer. Eine Viertelstunde braucht man mit dem Auto. Was ihn am Rosenmontag dazu getrieben hat, in seinen schwarzen Ford Fiesta zu steigen und auf den Planken gezielt in Menschengruppen zu fahren, ist Gegenstand der Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft.
Der Fahrer ist Deutscher ohne Migrationshintergrund, 40 Jahre alt und wohnte zuletzt in Ludwigshafen. Internetprofile und andere zugängliche digitale Spuren zeichnen ein widersprüchliches Bild des Tatverdächtigen. Auf seiner Facebookseite gibt der Mann an, in Heidelberg geboren und zeitweise in Ladenburg gewohnt zu haben. An der Hochschule Darmstadt will er Biotechnologie studiert haben.
Tattoo mit Einschussloch
Ältere Bilder zeigen einen schlanken jungen Mann mit vollem Haar, der beim Bergsport in die Kamera lächelt. Auf Fotos aus der jüngeren Vergangenheit ist der Mann kaum wiederzuerkennen: Er präsentiert sich mit kahl rasiertem Kopf, Oberlippen- und Backenbart. Er ist übergewichtig, posiert mit nacktem Oberkörper. Unter dem linken Schlüsselbein ist ein Tattoo zu sehen. Es zeigt ein Einschussloch mit auslaufendem Blut. Der Mann hat im Netz auch angegeben, was ihm gefällt: Kampfsport, Actionfilme und offenbar auch der Fußballverein Kickers Offenbach. Er schaut mit finsterem Blick in die Kamera. Der Mann, der sich so im Netz präsentiert, will nicht gefallen. Will er gefürchtet werden?
Der Amokfahrer ist vor über zehn Jahren wegen eines Körperverletzungsdelikts verurteilt worden und verbüßte laut Staatsanwaltschaft eine kurze Freiheitsstrafe. Außerdem fiel er wegen Trunkenheit im Straßenverkehr negativ auf. Vor sieben Jahren wurde außerdem gegen ihn ermittelt, weil er in Sozialen Netzwerken gegenüber einer Privatperson einen Hasskommentar geäußert haben soll, der in Richtung Rechtsextremismus ging. „Es war eine Äußerung, die justiziabel war“, sagt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft.
Hinweise auf psychische Erkrankung
Belegt ist wohl auch eine psychische Erkrankung des Mannes. Laut Medienberichten soll er im vergangenen Sommer Suizidgedanken geäußert und sich selbst in eine psychiatrische Klinik eingewiesen haben – angeblich soll er zuvor damit gedroht haben, sich mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Die Staatsanwaltschaft äußert sich dazu nicht, bestätigt aber, dass es Krankenakten des Mannes gibt, die auf eine psychische Erkrankung hinweisen. Die Auswertung laufe noch.
Fakt ist: Bei seiner Festnahme nach der Amokfahrt unternahm der 40-Jährige einen Suizidversuch. Er steckte sich eine Schreckschusspistole in den Mund und drückte ab. Die Selbsttötung scheiterte. Bei seiner Vorführung vor dem Haftrichter am Dienstag schwieg er und machte keine Angaben zur Tat. Sein Motiv bleibt daher unklar. Auch die Durchsuchung seiner Wohnung in Ludwigshafen ergab keine Hinweise auf die Beweggründe, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Sie gehen von einem „psychischen Ausnahmezustand“ aus, in dem sich der Mann bei der Tat befand.
Die Ermittler beschäftigen sich auch mit einem Zettel, der im Auto des Mannes entdeckt wurde. Darauf sind Skizzen zu erkennen und Notizen in krakeliger Schrift; kurze Schlagworte und mathematische Formeln, Notizen zu Geschwindigkeit und Fahrt, auch die Wörter „Anhalteweg“ sowie „links“ und „rechts“ sind zu lesen. Geprüft wird, ob diese etwas wirr angeordneten Aufzeichnungen mit der Tat in Zusammenhang stehen.
Psychiatrisches Gutachten
Fest steht, dass der Mann vor der Tat allein in der Wohnung in einem kleineren Mehrfamilienhaus lebte. Er war wohl ein Einzelgänger. Sich selbst hat er bei Facebook als Single beschrieben. „Er hatte was an der Waffel“, meint ein Nachbar im Interview mit einem Magazin. Manchmal sei der Mann verschlossen gewesen, dann habe er wieder wie ein Wasserfall geredet. Es habe auch Anzeichen für einen Verfolgungswahn gegeben. Dass der Mann gewalttätig werden könne, hätte er aber nie gedacht.
Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft arbeitete der Tatverdächtige zuletzt als Landschaftsgärtner – das passt nicht zu einem Biotechnologiestudium. Auffällig sind die Brüche im Leben des Mannes. Bei den Ermittlungen geht es neben der Tatrekonstruktion auch um den Geisteszustand des Täters. Ein psychiatrisches Gutachten soll in Auftrag gegeben werden. Ein Psychiater wird den Mann untersuchen und dann entscheiden, ob der Amokfahrer schuldfähig ist und sich in einem Strafprozess wegen einer Mordanklage verantworten muss – oder ob er im Maßregelvollzug einer Psychiatrie landet.