Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Mafia, Mord und Hafenkneipen: Was Michael Scheuermann in 33 Jahren als Quartiersmanager erlebte

Das Gesicht des Jungbuschs: Quartiersmanager Michael Scheuermann geht Ende Juli in den Ruhestand.
Das Gesicht des Jungbuschs: Quartiersmanager Michael Scheuermann geht Ende Juli in den Ruhestand.

Nach 33 Jahren als Quartiersmanager verlässt Michael Scheuermann den Mannheimer Stadtteil. Wie sich das Viertel verändert hat.

33 Jahre lang war Michael Scheuermann das prägende Gesicht des Jungbuschs. Er förderte den Zusammenhalt im multikulturellen Viertel, brachte den Nachtwandel mit auf den Weg und rückte bei der Entwicklung des Hafenviertels zum Ausgehort die Bedarfe der Bewohner an erste Stelle. Bald geht der 64-jährige Quartiersmanager in den Ruhestand.

Er wirkt besonnen, ruhig und aufgeschlossen. Auch, wenn er von den Anfängen, von einem wahren Drama, erzählt. „Es begann mit einer Bombe. Ich dachte, bin ich hier überhaupt richtig?“, sagt Scheuermann in seinem Büro des Gemeinschaftszentrums. Als er 1992 beruflich den Kiez betrat, kannte er den Jungbusch kaum. „Er galt als verrucht, als Rotlichtmilieu mit alten Hafenkneipen.“ Gleich am ersten Arbeitstag als Leiter des Zentrums sollte er den Jungbusch richtig kennenlernen: „Der Hausmeister nahm mich mit auf einen Rundgang. Er wollte mir das Viertel aus seiner Sicht zeigen.“

Prägend ist ein Austausch mit Peru

Also wurde „der Neue“ überall vorgestellt, blickte in Häuser und Hinterhöfe, sprach mit Türken, Griechen, Jugoslawen und machte auch mit einem Sizilianer Bekanntschaft. „Mord im Jungbusch“ stand nur ein paar Tage später in den Zeitungen. Der Süditaliener, dem er eben noch die Hand schüttelte, war tot, Scheuermann mit einer harten Realität konfrontiert. „Mafia, Mord, es war ein hautnahes Ankommen. Am liebsten hätte ich mich in meinem Büro verkrochen. Aber man kann sich dem Jungbusch nicht entziehen“, sagt er.

Aufgewachsen ist Scheuermann im Waldhof, zunächst in einer Werkswohnung von Böhringer, dann in Waldhof-Ost. Bei den Pfadfindern wird er Jugendgruppenleiter sowie Bezirksvorsitzender und begeistert sich für das Gemeinwesen. Er studiert Soziale Arbeit, wird Jugendreferent im Haus der Jugend. Er will netzwerken, vermitteln, Menschen zusammenbringen. Prägend ist ein Austausch mit Peru: „Wir waren in einem aus dem Nichts entstandenen Vorort von Lima. Einfache Behausungen ohne Strom und Wasser. Trotz der Armut gab es ein großes Engagement, es konnten unter anderem Volksküchen aufgebaut werden.“

Die größte Herausforderung zum Start

Mit 31 Jahren bewirbt er sich für die leitende Stelle beim Caritasverband. „Damals galt der Jungbusch als etwas vernachlässigtes Dorf am Rande der Stadt, als soziale und räumliche Insel.“ Doch Scheuermann schätzt von Anfang an die Direktheit der Leute. „Sobald man bei den Menschen im Stadtteil ist, wird man im starken Maß mit Lebensrealitäten konfrontiert“, sagt er. Die größte Herausforderung zum Start: der geplante Bau der Yavuz-Sultan-Selim-Moschee, der für „heftige Diskussionen“ sorgte.

Scheuermann setzt auf einen interreligiösen Dialog, schafft einen Koordinierungskreis, um „Strukturen aufzubauen und lebendig“ werden zu lassen. Verwaltungsmitarbeiter, engagierte Bürger und Vertreter der Einrichtungen sollen sich auf Augenhöhe begegnen. 1997 wird die Zukunftswerkstatt gegründet, das ausgediente Schienennetz am Verbindungskanal wird zur Uferpromenade, das alte Hafenviertel rückt wieder näher ans Wasser. Brachflächen werden auch für prestigeträchtige Vorhaben der Stadt interessant.

„Das Faszinierende sind die schrägen Seiten“

2002 entsteht das Quartiersmanagement im Jungbusch, das zweite in Mannheim. Der damalige Kulturbürgermeister Peter Kurz (SPD) sieht die Hafenpromenade als idealen Standort für die Popakademie. Dort ist eigentlich eine Turnhalle geplant. „Die Leute werden sich nicht dagegen auflehnen, sich aber auch nicht damit identifizieren“, sagt Scheuermann und fordert die Realisierung der Jungbuschhalle in der Werftstraße. Auch für den Erhalt der Teufelsbrücke setzt er sich ein.

Mit dem Laboratorio 17 zieht in ein ehemaliges Elektrogeschäft eine Künstlerschmiede ein, die Idee des Nachtwandels wird geboren und ist seit 20 Jahren Sinnbild für einen belebten Stadtteil, der sich so zeigt, wie er ist. „Das Faszinierende sind ja auch die schrägen Seiten, die Ecken und Kanten des Jungbuschs. Aber wir hätten nie gedacht, dass es so einschlägt“, sagt Scheuermann.

Sein Lieblingsort ist der Sackträgerplatz

Doch auch die Themen wandeln sich: Neue Bars entstehen, der Kiez wird zum Szeneviertel, im einst „verlassenen Dorf“ macht sich das Stadtleben breit, Bewohner müssen ihr Viertel mit Gastronomen und feiernden Gästen teilen, es herrscht Gentrifizierung statt Leerstand. „Diese Parallelität von Quartier und Stadtbühne hat den Jungbusch stark verändert.“ Doch auch dort finden Scheuermann und sein Team Lösungen: Regeln werden aufgestellt, eine Nachtruhe und Nachtwächter eingeführt.

Bis zu 60 Stunden die Woche arbeitet er in seinen Hochphasen. Sein Lieblingsort: der Sackträgerplatz in der Beilstraße, das Herz des Jungbuschs, wo Kinder unterschiedlicher Nationen miteinander spielen und ein Kiosk als verlängerter Arm des Gemeinschaftszentrums dient. „Es ist Wächter und Anker“, sagt der 64-Jährige. Auf dem Weg dahin erinnert sich eine Mitarbeiterin an das verborgene Schauspieltalent ihres Chefs. 2011 schlüpfte er bei einer Jubiläumsfeier in die Rolle des Fischers vom Verbindungskanal. „Mit freier Zunge konnte ich über den Jungbusch sprechen.“

Bereit für die nächste Etappe

Gerne würde er das noch mal machen, aber die Zeit fehlt. 2016 dachte er das erste Mal ans Aufhören. „Ich war bei der Arbeit schwer gestürzt, weil ich fünf Gedanken auf einmal im Kopf hatte.“ Es folgt eine Hüft-OP, ein halbes Jahr ist er außer Gefecht: Klinik, Reha, ein einschneidendes Erlebnis. „Ich hatte Zeit, mich mit mir selbst zu befassen und Bilanz zu ziehen“, berichtet er.

Nun ist er bereit für die nächste Etappe: Philosophie als Gasthörer möchte er studieren. Auch ein mehrmonatiger Italien-Aufenthalt ist geplant. „Dort möchte ich für eine Zeit in einer Kleinstadt leben. Ich fühle mich in anderen Kulturen wohl.“

Info

Das Event „Der Busch spielt“ am 18. Juli wird der letzte öffentliche Auftritt von Michael Scheuermann als Quartiermanager sein. Sein Nachfolger wird Johannes Kieffer, der unter anderem als geschäftsführender Vorstand der Orientalischen Musikakademie und als Projektmanager im Studiengang Global Music an der Popakademie tätig war.

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