Mannheim
Festtage im Jungbusch: Nachtwandel geht in nächste Runde
Als „höchste Feiertage des Jungbuschs“ lässt sich der Nachtwandel mittlerweile bezeichnen. Am kommenden Wochenende, 27. und 28. Oktober, verwandelt sich das frühere Hafenquartier in ein Kunst- und Kulturviertel mit Konzerten, Ausstellungen, Theaterinszenierungen, Tänzen, Lesungen, Open-Air-Kino und mehr. Jeweils von 19 bis 24 Uhr können die Besucher bei der 17. Auflage des Stadtteil-Fests durch ein dicht gepacktes Programm mit 70 Stationen wandeln und sich mitten auf der Straße oder in verwunschenen Hinterhöfen von Kreativität und Kulinarik überraschen lassen. Auch für die Veranstalter selbst gibt es da immer noch etwas Neues zu entdecken.
Bolivianische Folklore und peruanisches Streetfood, ukrainische Klänge in einem Café, ein orientalischer Basar, meditative arabische und türkische Sufimusik. Ein paar Schritte weiter: sizilianische Schlager samt Salsiccia, eine offene Moschee, illuminierte Kirchen und wahre Klassiker wie eine Tankstellen-Waschstraße, die zur skurrilen Performance-Bühne wird. „Beim Nachtwandel öffnen sich manchmal bizarre Türen und Tore. Garagen werden zum Kunstatelier, Hinterhöfe zur Konzertbühne. Das macht den Nachtwandel aus, dass man auch ein bisschen hinter die Kulissen des Wohnens im Jungbusch blicken kann“, sagt Quartiersmanager Michael Scheuermann.
„Plötzlich stand ich in einem Hinterhof“
Gebündelt wird an den zwei Abenden die ganze Vielfalt des multikulturellen Stadtteils abgebildet. Offen, authentisch, auf ehrliche Weise und manchmal auch geheimnisvoll. Nachtwandel-Kurator Eric Carstensen kennt sich als „eingefleischter Jungbuschler“ eigentlich in seinem Viertel aus. „Und plötzlich stand ich in einem Hinterhof mit Garten und großem Baumbestand“, sagt er über die Vorbereitungen für einen Act in der Beilstraße, der nicht nur Gypsy-Musik, sondern auch eine Kartenleserin und Wahrsagerin bieten wird.
Hätte man Michael Scheuermann vor 20 Jahren den beständigen Erfolg des Nachtwandels vorausgesagt, er hätte wohl müde abgewunken. Im Jahre 2003 feierte das zum Kult-Event aufgestiegene Fest Premiere – damals noch als Zeichen gegen die Leerstandsbekämpfung. Leerstände gibt es im Jungbusch mittlerweile keine mehr, vielmehr hat sich der einst eher gemiedene Hafenkiez zum hippen Ausgehviertel entwickelt. In den Augen von Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) hat auch der Nachtwandel seinen Anteil daran. „Bei Sicherheitsbefragungen schnitt der Jungbusch immer schlecht ab, während ihn die Bewohner selbst als sicheres und schönes Quartier bezeichnen. Es gibt eine große Diskrepanz zwischen der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Der Nachtwandel aber hat das Image in der Mannheimer Bevölkerung gedreht“, findet er.
Der Versuch, leiser zu sein
Als Fest, das sich von innen, aus dem Stadtteil heraus entwickelt hat, ist der Nachtwandel bekannt. Er soll Künstler, Bewohner und das Publikum zusammenbringen. Und obwohl die Veranstaltung mittlerweile stark nach außen wirkt – bis zu 30.000 Besucher aus der ganzen Region strömen jedes Jahr dafür in den Jungbusch – soll es seinen individuellen Charme und Charakter auch in seiner 17. Ausgabe bewahren, aber in Teilen etwas leiser werden.
So wird es diesmal bei den kleinen Konzerten auf der Straße keine zusätzlichen Verstärker geben, auch aus den Fenstern sollen keine Boxen dröhnen. Auf umherfahrende Bierwagen wird verzichtet, der Ausschank ist auf die Straßen-Theken und teilnehmenden Gastronomien begrenzt. „Damit wollen wir Auswüchse verhindern, der Nachtwandel ist keine Kirmes oder Straßenfest. Kunst und Kultur ist sein Lebenselixier“, betont Scheuermann.
Die größte Änderung
Nach wie vor kommt das offene Kulturfest ohne Eintritt aus. Auch auf Pfand wird verzichtet, es besteht Glasverbot, das Mitbringen von eigenen Getränken in Glasflaschen ist untersagt. Stattdessen dient der schon traditionelle und für fünf Euro zu erwerbende Nachtwandel-Becher als Solidaritätsbeitrag für ein identitätsstiftendes Ereignis, das viele Jahre finanziell auf wackeligen Füßen stand. Dreimal musste der Nachtwandel entfallen, zweimal (2020 und 2021) wegen der Corona-Pandemie, 2016 aufgrund der unsicheren Finanzierung.
Doch die Tage, in denen die Zukunft des Nachtwandels unklar ist, scheinen gezählt. Auch da braucht Scheuermann keinen Blick in die Glaskugel zu wagen. Zum zweiten Mal übernimmt das Stadtmarketing die Veranstaltungsorganisation, ohne in das Programm hineinzureden. Und eine große Änderung gibt es dann noch. Der Quartiersplatz am Verbindungskanal war zuletzt nicht gerade als Hotspot des Nachtwandels bekannt. Nun aber soll sich dort das große Fest noch mal im kleinen spiegeln, mit Musik, Live-Painting, einer Kultur-Container-Promenade, Streetfood-Markt sowie Open-Air-Kino. „Wer da nicht hingeht, ist selber schuld“, sagt der Quartiersmanager, der voller Vorfreude und neugierig darauf blickt, welchen Zauber sein Stadtteil diesmal versprühen wird. Selbst die hartgesottensten Nachtwandler entdecken und erleben an den höchsten Feiertagen eben immer noch etwas Neues.
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