Ludwigshafen
Ludwigshafen: Alt-Oberbürgermeister Werner Ludwig gestorben
Werner Ludwig hat Ludwigshafen seinen Stempel aufgedrückt wie bisher kein anderes Stadtoberhaupt. In seiner 28-jährigen Amtszeit als Oberbürgermeister wurden die Hochstraßen gebaut, ein neuer Hauptbahnhof am Rande des Stadtzentrums und das Rathaus-Center errichtet. Auch das Hack-Museum entstand in der Ära Ludwig. Das einstige Arbeiterviertel Hemshof wurde modernisiert, in der Pfingstweide ein komplett neuer Stadtteil aus dem Boden gestampft, und mit der Eingemeindung des Dorfes Ruchheim dehnte sich die Stadtgrenze nach Westen aus.
Der Sozialdemokrat Ludwig regierte die Stadt in einer Zeit des Wohlstands. Im Gegensatz zu heute war Geld vorhanden, mit dem die Verwaltung große Projekte umsetzen konnte. Kritiker merken an, dass die heutige Schuldenlast von über einer Milliarde Euro auch auf die Politik in der Ära Ludwig zurückzuführen sei. Auch die Hochstraßen werden als Erblast empfunden.
Mit Leib und Seele OB
Der Alt-Oberbürgermeister hat diese Kritik immer entschieden zurückgewiesen: „Als ich Mitte 1993 aus dem Amt geschieden bin, hatten wir eine Rücklage von 200 Millionen Mark, weil wir trotz des vermeintlichen Reichtums der Stadt sparsam gewirtschaftet haben.“ Und auch in Sachen Hochstraße habe die Stadt wegen der räumlichen Nähe zum Rathaus-Center keine andere Möglichkeit gehabt, als die Trägerschaft zu übernehmen. Die heutige Finanzmisere führte Ludwig auf die geänderte Steuergesetzgebung des Bundes zurück, die seit Jahrzehnten Städte beim kommunalen Finanzausgleich benachteilige – eine Einschätzung, die übrigens auch seine Nachfolger teilen.
Wer sich mit Werner Ludwig unterhielt, merkte schnell, dass er mit Leib und Seele Oberbürgermeister war. „Ich denke dieser Tage viel an mein Leben zurück: Es waren interessante Zeiten, die ich erlebt habe. Wir haben die Innenstadt neu gestaltet – es war eine Zeit des Aufbruchs. Ich blicke mit Genugtuung zurück. Es hat mir Spaß gemacht“, sagte Ludwig im RHEINPFALZ-Gespräch zu seinem 90. Geburtstag. Den Empfang der Stadt für ihn im Pfalzbau – der ebenfalls in der Ära Ludwig gebaut wurde – genoss der hochbetagte Politiker sichtlich. „Es sind viele Weggefährten gekommen – und auch frühere Gegner – vielen Dank. Ich fühle mich sehr mit Ludwigshafen verbunden und freue mich über diesen Empfang der Stadt“, sagte er damals und zeigte dabei sein legendäres verschmitztes Lächeln.
Im Exil aufgewachsen
Ludwigs Leben ist eng mit der Sozialdemokratie verknüpft. In Pirmasens am 27. August 1926 geboren, erlebte der junge Werner, dass sich seine Eltern in der SPD engagierten. Vater Adolf Ludwig wurde 1932 in den Landtag gewählt. In der Nazi-Zeit musste die Familie fliehen. Werner Ludwig verbrachte seine Jugend im Exil in Frankreich, wo er während der deutschen Besatzung auch für die französische Widerstandsbewegung Botengänge erledigte. Die Gestapo hatte ihn mehrmals im Visier, „doch mit Glück konnte ich mich immer wieder rausziehen“, erzählte er. Bis zuletzt fühlte sich Ludwig dem Nachbarland eng verbunden. Dass Ludwigshafen mit Lorient eine enge Partnerschaft hat, ist ihm zu verdanken.
Nach dem Krieg war Ludwigs Vater Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Rheinland-Pfalz und Bundestagsabgeordneter. Der Sohn studierte Rechtswissenschaften und promovierte. Zunächst beim Gewerkschaftsbund tätig, arbeitete er bei der Landesversicherungsanstalt in Speyer, bis er in den 1950er-Jahren bei der Stadtverwaltung Ludwigshafen ins Sozialdezernat wechselte. 1958 wählte ihn der Stadtrat zum Sozialdezernenten.
Wohnungsnot großes Thema
„Damals ging es darum, Wohnraum für die vielen Wohnungssuchenden zu schaffen“, sagte er rückblickend. 1965 wurde er vom Rat zum Ludwigshafener Oberbürgermeister gewählt. Es sollte seine Lebensaufgabe werden. Er hat sich auch außerhalb der Stadtgrenzen im Bezirkstag Pfalz engagiert, dem er bis 1996 vorstand. Und natürlich war er einer der tonangebenden Köpfe in der pfälzischen SPD. Sein Spitzname: „Der rote Pfalzgraf“.
Kritiker der Hartz-Reformen
Die Krise der Sozialdemokratie hat Werner Ludwig aufgewühlt. Als unter dem SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder die Hartz-IV-Gesetzgebung beschlossen wurde, war Ludwig empört: „Meine Frau und ich meinten, das könne doch nicht mehr unsere Partei sein.“ Doch er wollte seiner politischen Heimat nicht den Rücken kehren, nicht nach über 70 Jahren in der Partei. Noch mit 83 Jahren schrieb er ein Thesenpapier an seine Partei, mit dem er die Gründe für die sinkende Popularität der SPD offenlegte und Wege aus dem Tief zeigen wollte. Ludwig sparte dabei nicht an deutlicher Kritik und forderte seine Genossen auf, wieder auf die Straße zu gehen und den Menschen dort zuzuhören. Seine Spaziergänge durch die Stadt, bei denen er mit den Bürgern ins Gespräch kam, sind legendär. Mit der SPD-Bundespolitik hatte er sich zuletzt wieder etwas versöhnt. „Es wird wieder einiges Soziales versucht“, meinte er.
Ludwig ist Ludwigshafen immer treu geblieben. Er wohnte ab 1956 in der Ernst-Reuter-Siedlung (Gartenstadt). Der Tod seiner geliebten Frau Lucia hatte ihn sehr getroffen. Ein Trost für ihn waren die drei gemeinsamen Kinder, die sechs Enkel und fünf Urenkel. Sein Geist war auch im hohen Alter noch wach. Er verfolgte genau, was in „seiner“ Stadt passierte. Dass die SPD mit Jutta Steinruck seit 2018 wieder das Stadtoberhaupt stellt, hat ihn sehr gefreut. Ludwig wurde zu seinen Lebzeiten in der Ludwigshafener SPD wie eine Ikone verehrt, was er genoss. Für Steinruck war Ludwig ein Vorbild, sie sieht sich in seiner Tradition. Der Alt-OB unterstützte sie im Wahlkampf. „Steinruck ist die beste Kandidatin, die die SPD finden konnte“, sagte er. Sie hielt bis zuletzt Kontakt zu ihm und schätzte seinen Rat.
Dienstältester deutscher OB
Mit 28 Jahren im Amt war Ludwig der dienstälteste OB der Bundesrepublik. Er war in der Stadt populär. Mit seinem Tod ist er zu einem Stück Stadtgeschichte geworden. Er war ein bedeutender Ludwigshafener. Unter den Genossen hatte er den Spitznamen „de Klää“. Er war ein kleiner Mann, der ein Großer war.
Zur Sache: Reaktionen auf den Tod von Werner Ludwig
Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (57, SPD): „Ludwigshafen trauert um einen großen Oberbürgermeister, der seine Stadt wie kein anderer geprägt und gestaltet hat. Er war in meinem politischen Werdegang mein Wegbegleiter, Vorbild und Mentor.“ Ludwigs Amtszeit sei von einem wirtschaftlichen Aufschwung begleitet gewesen, was eine Reihe von bedeutenden Großprojekten ermöglichte. „Er war ein äußerst populärer und erfolgreicher Oberbürgermeister, der bis zuletzt hohes Ansehen in der Ludwigshafener Bevölkerung genossen hat“, sagt seine Nachfolgerin. Er sei ein Mann mit hoher Sachkompetenz, Leidenschaft, Verantwortungsbewusstsein sowie Durchsetzungsvermögen gewesen und über alle politischen Lager hinweg geschätzt worden. Er habe ganz nach seinem Motto „Nah bei de Leut“ Bürgernähe gelebt, meint die OB. „Ludwigshafen verliert mit ihm eine bedeutende Persönlichkeit und einen geliebten und geschätzten Sohn der Stadt“, so Steinruck. Vor seiner Lebensleistung könne man sich nur verneigen.
Eva Lohse (CDU, 64), Alt-Oberbürgermeisterin: „Werner Ludwig hat die Geschicke von Ludwigshafen maßgeblich bestimmt. Er hat eine Idee für die Stadt verfolgt und Ludwigshafen nach vorne entwickelt. Er war so viele Jahre OB. Ich dachte als kleines Mädchen, dass die Stadt nach ihm benannt sei.“ Seine Frau Lucia sei eine unersetzliche Stütze für Werner Ludwig gewesen. Sie erinnere sich mit viel Wärme an das Paar, sagt Lohse. „Wir mochten uns. Wir hatten ein vertrauensvolles Verhältnis. Seine Meinung war mir wichtig. Uns lag beiden das Wohl der Stadt am Herzen.“
David Guthier (30), SPD-Vorsitzender: „Sein Tod macht betroffen und traurig. Mir werden die Gespräche und Diskussionen mit ihm fehlen“. Der Alt-OB habe sich bis zum Schluss für das Stadtgeschehen und die SPD interessiert. In seiner Partei sei er ein kritischer Geist gewesen, der darauf hingewiesen habe, wenn die Dinge falsch gelaufen seien. Als Emigrant in der NS-Zeit habe Ludwig eine klare Haltung gegen jede Form von Nationalismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus gezeigt. „Er ist ein absolutes Vorbild für mich“, sagt der Ludwigshafener SPD-Chef.
Doris Barnett, SPD-Bundestagsabgeordnete (66): „Ich habe Werner Ludwig persönlich sehr viel zu verdanken. Er hat meinen Vater davon überzeugt, dass ich als Arbeiterkind Abitur machen durfte.“ Als OB habe Ludwig viel bewegt, beim Wiederaufbau nach dem Krieg und der Stadtumgestaltung. Er habe beim Wohnungsbau immer darauf geachtet, dass die soziale Mischung in den Stadtteilen gestimmt habe und dies mit seinem Bungalow in der Ernst-Reuter-Siedlung vorgelebt.
Josef Keller (71), früherer CDU-Vorsitzender, Stadtrat und Landtagsabgeordneter: „Wir haben manchen Strauß miteinander ausgefochten. Ludwig ist keinem Streit aus dem Weg gegangen. Aber die Diskussionen haben mich weitergebracht. Und man muss sagen: Seine Amtszeit kann sich sehen lassen. Er hat viel bewegt – auch, wenn wir mit manchen Sachen nicht einverstanden waren. Er war der König hier, das Zugpferd der SPD.“ Geschätzt habe er Ludwigs Humor.
Paul Schädler (89, CDU), Alt-Landrat und Regierungspräsident: „In den ersten Jahren meiner Landratszeit in den 1970er-Jahren war es durchaus turbulent und spannungsreich mit Werner Ludwig. Wir haben uns nichts geschenkt. Aber wir hatten auch Respekt voreinander.“ Der OB habe versucht, Ludwigshafen zu vergrößern. „Ruchheim war für Ludwig nur ein Trostpreis. Er wollte viel mehr Gemeinden haben, was ich als Landrat verhindert habe.“ Das persönliche Verhältnis habe unter der unterschiedlichen Interessenlage gelitten. Doch mit der Pensionierung sei es immer besser geworden. „Am Ende waren wir uns durchaus freundschaftlich verbunden.“
Friedhelm Borggrefe (90), Altdekan: „Ich habe Werner Ludwig 1965 kennengelernt, weil sich damals neue Pfarrer in Ludwigshafen beim Oberbürgermeister vorstellen mussten. Wir haben gescherzt, dass ich der jüngste Stadtpfarrer und er der jüngste OB der Pfalz war. Dieses freundliche Miteinander – das nicht unkritisch war – hat sich dann fortgesetzt. Jeder Mensch mit einer großen Lebensleistung macht auch Fehler – aber er hat für das Wohl der Stadt gearbeitet.“
Günther Ramsauer (71), früherer SPD-Vorsitzender und Dezernent: „Ich habe einen guten Freund verloren. Werner Ludwig war ein großes Vorbild für mich – sowohl politisch als auch beruflich. Er kannte Ludwigshafen wie kein anderer. Er wird uns fehlen.“