Ludwigshafen
Linie 10: Die Ausbau-Variante 3 und ihre Vorzüge
Seit Januar hat die Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV) insgesamt sechs Varianten für den fünf Haltestellen zählenden Abschnitt Hohenzollernstraße untersucht, der neben Friesenheim auch den Stadtteil Nord betrifft. Die wesentlichen Vorteile der neuen Varianten, die alle Barrierefreifreiheit garantieren, liegen laut RNV und Stadt darin, dass bei einem Verzicht auf einen ursprünglich vorgesehenen eigenen Gleiskörper unter anderem Bereiche für Radfahrer, sogenannte Schutzstreifen, geschaffen werden können. Für Fußgänger verbesserten sich die Laufwege, etwa zum Klinikum und zu angrenzenden Schulen. Auto-, Motorrad- und Radfahrer profitierten von mehr Abbiegemöglichkeiten, wie Frank Dommasch, RNV-Bereichsleiter für Infrastruktur, am Donnerstag erläuterte. Sein Fazit: Variante 3 bringe für alle Verkehrsteilnehmer, beide Stadtteile, aber auch für den Nahverkehr unterm Strich den größten Nutzen. Denn hinzu kommt: Durch die zwei- anstatt eingleisige Führung der Linie 10 könne auch der Takt erhöht und der Ebertpark wieder besser angefahren werden. Ferner sieht die neue Planung den Erhalt von mehr Bäumen und Ladezonen für das Gewerbe vor.
Vollausbau von Haus zu Haus
Während der Planungen wurde auch die Auslastung der Parkplätze überprüft, die derzeit bei 80 bis 90 Prozent liege. Aufgrund der Neuplanungen entfielen nur relativ wenige Stellflächen (bei der favorisierten Variante 3 sind es 71 von 342), sodass künftig ein vollständiger Auslastungsgrad zu erwarten sei. Mit besagter Variante 3 empfiehlt die RNV den Ortsbeiräten sowie dem Stadtrat gemeinsam mit der Verwaltung einen Vollausbau von Haus zu Haus. Im Vergleich der Varianten habe dieser Ausbau des gesamten Verkehrsraums mit Abstand die meisten Pluspunkte gesammelt, berichtete Dommasch.
Anwohnerversammlung Anfang Juli
Dass die überarbeiteten Pläne des Gemeinschaftsprojekts der Stadt und der RNV für das größte Nahverkehrsvorhaben Ludwigshafens gut ankommen, zeigte sich bereits bei der ersten Vorstellung am Dienstagabend im Ortsbeirat Friesenheim, als die Verantwortlichen für ihre Präsentation Beifall ernteten. Am 5. Juli wird der Ortsbeirat Nord informiert. Für Anfang Juli ist eine Anwohnerversammlung geplant. Wann und wo, steht noch nicht fest. Dann geht’s mit dem Bau- und Grundstücksausschuss (11. Juli) und dem Stadtrat (18. Juli) in die entscheidenden politischen Gremien. Eine Zustimmung vorausgesetzt, könnten die Ausbauarbeiten 2024 beginnen und nach 30 Monaten abgeschlossen sein, so Dommasch.
„Neue Fördermöglichkeiten“
Der Ausbau der Linie 10 sei ein wichtiger Beitrag für die Verkehrswende, betonte Bau- und Umweltdezernent Alexander Thewalt (parteilos) am Donnerstag. „Wenn wir nachhaltig und ressourcenschonend planen, müssen wir die Interessen aller Verkehrsteilnehmer sowie des Stadtquartiers berücksichtigen. Dies ist uns hier gelungen.“ Es sei ein dicker Pluspunkt der neuen Planung, dass sich die Situation für Radfahrer verbessere. Die ursprüngliche Planung hatte wegen des begrenzten Straßenraums und des eigenständigen Gleiskörpers kein Angebot für Radler berücksichtigt. „Jetzt sind wir einen großen Schritt weiter“, sagte Thewalt. Der barrierefreie Ausbau der fünf Haltestellen bleibe weiterhin Grundlage der Planung. Thewalt: „Positiv ist zudem, dass wir für unser Vorhaben neue Fördermöglichkeiten sehen, die wir nutzen werden.“
Kehrtwende sorgt für Unmut
Den Auftrag, die Ausbaupläne für die Hohenzollernstraße zu überarbeiten, hatte im Januar der Bau- und Grundstücksausschuss erteilt. Er schloss sich damit einer Empfehlung der Stadtverwaltung an. Der bereits genehmigte Entwurf, für den eine sogenannte Planfeststellung notwendig war, wurde damit nicht weiterverfolgt. Denn neue Förderstrukturen ermöglichen mittlerweile eine günstigere Planung, die mit mehr Vorteilen für alle Verkehrsteilnehmer einhergehe, so ein Hauptargument. Diese Kehrtwende sorgte in beiden Ortsbeiräten zunächst für Unmut. Dezernent Thewalt räumte daraufhin Probleme bei der Kommunikation ein.
Zwischen 35 und 44 Millionen
Zwei der sechs geprüften Varianten schloss die RNV aus, da für diese ein erneutes langfristiges Genehmigungsverfahren nötig gewesen wäre, beziehungsweise die Gehwegbreiten erheblich hätten reduziert werden müssen. Die verbleibenden vier Varianten unterscheiden sich durch Abstufungen von einem einfachen Ausbau – dabei werden lediglich Gleise ausgetauscht – bis hin zu dem nun favorisierten Vollausbau. Bei diesem wird die komplette Fahrbahn mit Gehwegen und Parkplätzen saniert. Für Anwohner bedeute dies nur eine einmalige baustellenbedingte Einschränkung, erklärte Dommasch.
Je nach Variante liegen die aktuellen Kostenschätzungen laut RNV zwischen 35 und 44 Millionen Euro, wobei Variante 3 die kostspieligste sei, aber eben jene, die rundum überzeuge. Die bislang genehmigte, aber inzwischen verworfene Version würde bei Berücksichtigung des Preisindexes mittlerweile über zwei Millionen Euro mehr kosten. Das Volumen für den Gesamtausbau der Linie 10 klettert im Fall der Variante 3 auf über 60 Millionen Euro (siehe „Zur Sache“).
Zur Sache: Der Ausbau und das Geld
Die insgesamt sieben Kilometer lange Strecke zwischen Luitpoldhafen und Alt-Friesenheim erhält in Friesenheim/Hemshof neue Gleise, barrierefreie Haltestellen und ein modernes Straßenbild. Ursprüngliche Kostenschätzung: 37,5 Millionen Euro. Nach jahrelangen Vorbereitungen wird seit April 2019 gearbeitet. Es gab mehrere Bürgerbeteiligungen. Die RNV leitet das Projekt und koordiniert auch die Erneuerung von Versorgungsleitungen und Abwasserkanälen.
Der rund 900 Meter lange Abschnitt in Alt-Friesenheim ist fast fertig. Mehrkosten dafür von fast fünf Millionen Euro (19 statt 14) waren laut RNV auf veränderte statische Vorgaben der Aufsichtsbehörden zurückzuführen. So mussten etwa neue Masten für die Oberleitung gesetzt werden. Außerdem war das Erdreich unter den Gleisen mit Asbest belastet.
Im Anschluss sollte es mit dem 1,7 Kilometer langen Bereich der Hohenzollernstraße zwischen Sternstraße/Hohenzollernstraße und Marienkirche weitergehen – doch der Prozess stockte, weil sich die Kosten auch dafür von 23,5 auf 35 Millionen Euro erhöhten. Zentrale Faktoren für die weitere Verteuerung auf 44 Millionen Euro seien allgemeine Kostensteigerungen im Bau von 30 bis 40 Prozent, die auch auf den Krieg in der Ukraine zurückzuführen seien, explodierende Preise für das Material, insbesondere Stahl, der für neue Schienen benötigt wird, sowie Lohnerhöhungen. Die Gesamtkosten würden sich bei einer Zustimmung für die favorisierte Variante auf weit über 60 Millionen Euro summieren.
Vor Beginn des Ausbaus im April 2019 waren in der Linie 10 auf dem Abschnitt zwischen Marienkirche und Alt-Friesenheim nach RNV-Angaben täglich – werktags außerhalb der Schulferien – bis zu 4500 Fahrgäste unterwegs.