Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Katastrophe am Rhein: Dammbruch bei Oppau und die Folgen bis heute

Edigheim war fast völlig zerstört, als sich das Wasser zurückzog.
Edigheim war fast völlig zerstört, als sich das Wasser zurückzog.

Ein fast 145 Jahre altes Katastrophenszenario beschäftigt bis heute die Hochwasserschutzplaner. Zum Jahreswechsel 1882/83 brach der Rheinhauptdeich bei Oppau.

Regen und Schneeschmelze ließen um Weihnachten 1882 den Rheinpegel bei Ludwigshafen innerhalb von fünf Tagen um 4,50 Meter auf 9,17 Meter anschwellen. Das ist Rekord bis heute. Die Hochwasser-Katastrophe kam unerwartet, denn noch am 22. Dezember war der Rheinpegel auf 4,92 Meter gefallen. Doch um Weihnachten brachte ein „mit plötzlicher Wucht“ über die Alpen hereinbrechender Föhnwind dort die Schneemassen in kürzester Zeit zum Schmelzen – der Pegel bei Ludwigshafen stieg rasant an und das Unheil nahm seinen Lauf.

In der Nacht zum 30. Dezember 1882 brach bei Oppau der Rheindamm – mit verheerenden Folgen für die umliegenden Gemeinden. Der Damm bei Oppau liegt gegenüber der Neckareinmündung und geriet deshalb zusätzlich unter Druck. Er war schnell durchweicht – den immer mehr anschwellenden Wassermassen konnte er nicht standhalten. Die befürchtete Katastrophe trat um Mitternacht ein: Etwa 300 Meter unterhalb der Oppauer Rheinfähre brach der Damm – die mächtigen Fluten stürzten sich mit solcher Geschwindigkeit in das Hinterland, dass die Deichwache sich nur mit Mühe retten konnte. Innerhalb weniger Minuten hatte das Wasser Oppau, Edigheim und Friesenheim in seiner Gewalt – Glocken läuteten, um die Bevölkerung zu warnen. Der „Ludwigshafener Anzeiger“ berichtete am 30. Dezember 1882: „Heute Morgen halb 3 Uhr tönte hier zum ersten Mal die Sturmglocke, um mit schrillen Tönen große Wassernot zu verkünden.“

Spur der Verwüstung

Als sich das Wasser im Januar wieder zurückzog, hinterließ es eine Spur der Zerstörung. Besonders betroffen waren neben Oppau die Gemeinden Edigheim, Friesenheim, Mörsch und Roxheim. Wohnungen im Erdgeschoss waren überflutet. Häuser stürzten ein. Edigheim war nahezu unbewohnbar. Erst am Nachmittag des Neujahrstags kam der Rhein zum Stillstand. In der etwas höher gelegenen katholischen Kirche in Friesenheim wurden 400 Menschen mit ihrem Vieh und Hausrat untergebracht, die vor der Flut geflohen waren, berichten die Chronisten.

Auch Friesenheim wurde vom Hochwasser getroffen, das im Januar gefror.
Auch Friesenheim wurde vom Hochwasser getroffen, das im Januar gefror.
Auch Oppau war besonders getroffen.
Auch Oppau war besonders getroffen.
In Edigheim erinnert ein Schild an den Hochwasserstand in der Hauptstraße, es wurde später an den Marktplatz versetzt.
In Edigheim erinnert ein Schild an den Hochwasserstand in der Hauptstraße, es wurde später an den Marktplatz versetzt.
Juni 2024: Der Riegeldamm muss geschlossen werden.
Juni 2024: Der Riegeldamm muss geschlossen werden.

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Zu allen Verwüstungen kam noch ein weiteres Unglück hinzu: Ein mit 15 Personen besetzter Nachen setzte am 2. Januar von Sandhofen aus nach Oppau über, um die Hochwasseropfer mit Lebensmitteln und Kleidung zu versorgen. Auf dem Rückweg nahmen die Helfer 25 Flüchtlinge mit ins Boot, um sie auf die badische Seite mitzunehmen. Doch der alte Nachen stieß gegen eine Pappel und zerbrach. Die Passagiere stürzten in die reißenden Fluten. 30 Menschen ertranken.

36 Tote

Als nach einigen Wochen notdürftig alles aufgeräumt war, zogen die Behörden Bilanz. Die Flut hatte in Ludwigshafen und umliegenden Gemeinden 36 Tote gefordert. 4200 Menschen hatten ihr Zuhause verloren – das waren mehr als zehn Prozent der damaligen Bevölkerung. 6750 Flüchtlinge mussten in Notunterkünften untergebracht werden. 915 Häuser wurden zerstört oder schwer beschädigt. Der Sachschaden wurde auf etwa 820.000 Goldmark geschätzt. Allein in Friesenheim betrug der Schaden nach heutigem Wert mehr als sieben Millionen Euro.

Die bayerische Regierung in München (die Pfalz gehörte damals zu Bayern) organisierte eine Sofortnothilfe. Naturalien und Kleidungsstücke wurden ins Katastrophengebiet geschickt. Für den Wiederaufbau und die Reparatur des Rheinhauptdeichs flossen auch etwa 2,5 Millionen Euro an die betroffenen Gemeinden.

Konsequenzen bis heute

Als Konsequenz aus der Katastrophe wurde nach langjähriger Planung 2020 hinter dem Rheinhauptdeich ein sogenannter Riegeldamm gebaut, der zusätzlichen Schutz bieten soll. Denn die Neckareinmündung sorgt damals wie heute bei Hochwasser für einen Rückstau im Rhein und zusätzlichen Druck auf den Hauptdeich. Insgesamt 800.000 Euro wurden in das gemeinsame Projekt der Städte Ludwigshafen und Frankenthal investiert. Der fast 500 Meter lange und 3,50 Meter breite Wall verläuft zwischen der Autobahn 6 und dem BASF-Nordhafen und soll im Falle eines Bruchs des Rheinhauptdeichs verhindern, dass weite Teile von Ludwigshafen von Norden her sowie Frankenthal überflutet werden. Bei einem Pegelstand von über acht Metern wird der Zusatzdeich geschlossen. Das war erstmals im Juni 2024 der Fall – doch der Ernstfall zeigte Probleme auf. Der Riegeldamm ließ sich nicht einfach und schnell schließen.

Der Wall verfügt über drei Lücken, die im Ernstfall geschlossen werden. Zwei dieser Deichscharten liegen auf Frankenthaler und eine auf Ludwigshafener Gemarkung. Während die Ludwigshafener Feuerwehr den Durchlass am Hansenbusch mit mobilen Hochwasserschutz-Elementen geschlossen hatte, wollten die Frankenthaler ihre beiden Durchlässe an der Autobahn und am Muldenweg mit Erde zuschütten. Das Problem: Das dafür hinter dem Damm gelagerte und mit einer Grasnarbe bedeckte Material war nach Dauerregen völlig durchweicht und nicht mehr verwendbar. Die Folge: In einer gewaltigen Kraftanstrengung mussten die Frankenthaler ihre Lücken im Damm schließen. Neues Erdreich musste in kürzester Zeit beschafft, angekarrt sowie von rund 300 Helfern eingearbeitet werden – mit hohen Kosten. Alles dauert länger als geplant. Wäre der Rheinhauptdeich gebrochen, hätte der Riegeldamm aufgrund der Verzögerungen seine Schutzfunktion nicht erfüllen können.

Termin

Im Oppauer Karl-Otto-Braun-Museum wird am Sonntag, 18, Januar, um 14 Uhr die Ausstellung „Der Rhein: Vom Uferidyll zur Hochwasserkatastrophe“ eröffnet, die sich dem Geschehen von 1882/83 beschäftigt und in einem umfangreichen Begleitprogramm den heutigen Katastrophenschutz und das Leben am Fluss in den Blick nimmt.

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