Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Jodelblues aus dem Hochgebirge: Erika Stuckys Kultauftritt in der Alten Feuerwache in Mannheim

Multiinstrumentalistin und Performerin: Erika Stucky holte in Mannheim den Blues aus dem amerikanischen Süden in die Schweiz.
Multiinstrumentalistin und Performerin: Erika Stucky holte in Mannheim den Blues aus dem amerikanischen Süden in die Schweiz. Foto: KUNZ

Der Besuch der amerikanisch-schweizerischen Musikerin und Performerin Erika Stucky in Mannheim hat Kultstatus. Daher war es kein Wunder, dass die Alte Feuerwache bei Stuckys schon traditionellem Besuch kurz vor Jahresende wieder restlos ausverkauft war. Ende 2020 will sie wiederkommen, wie sie ihrer Fangemeinde fest versprochen hat.

Diesmal hat sie den Blues. Sie forscht dem zwölftaktigen Weltschmerz aber nicht nur im amerikanischen Mutterland nach, sondern entdeckt überraschende Parallelen auch in der Schweiz. Bei Erika Stucky, der in San Francisco geborenen, mit acht Jahren ins Wallis, in die Heimat ihrer Vorfahren zurückgekehrten Sängerin, Multiinstrumentalistin und Performerin, funktioniert dieses transalpine Unternehmen ganz wunderbar.

Schwarzrot gestreifte Hose, die hoch überm Knöchel endet, ein schwarzbeiges, ein wenig steif abstehendes Kleid, darüber eine vorn geknotete knallrote Bluse und eine schwarze Jacke, alles gekrönt von einem Hut mit rosa Blume: das ist der Stucky-Style, ein gemütlicher Mix aus modisch und komisch. Dass immer mal wieder eine ebenfalls deutlich akzentuierte Brille hervorgeholt wird, gehört da ebenfalls dazu. Mit dem Alter wird hier nicht kokettiert, das ist halt, wie es ist. Und so ist es mit allem anderen auch, dem Vergangenen und dem Heutigen, den Wünschen und der Wirklichkeit, der Kunst und dem Leben. Bei Erika Stucky kommt das alles so umwerfend authentisch über die Bühnenrampe, dass man dieses Kraftwerk positiver Energie einfach nur mögen kann.

Vorlagen von Bob Dylan und den Rolling Stones

Das alljährliche Gastspiel in Mannheim kurz vor Silvester ist deshalb längst Kult. Eigentlich ist es völlig egal, mit welchem Programm die 57-Jährige hier auftritt, die Leute kommen in jedem Fall. Aber natürlich lässt sich Erika Stucky jedesmal etwas Neues einfallen, beschäftigt sich mit Jimi Hendrix oder King Kong, macht sich kulinarische Gedanken oder forscht gemeinsam mit Barockmusikern ihrem nach Amerika ausgewanderten Metzger-Vater nach. Diesmal ging es um den Blues, natürlich aus diesem besonderen schweizerisch-amerikanischen Blickwinkel, der ganz Unterschiedliches ganz selbstverständlich zusammenbringt: die Südstaaten und das Wallis, die Baumwollfelder und die Almwiesen, die Bluesshouts und das Jodeln.

Dafür benutzt sie neben Eigenem satirisch-frech oder ganz im Ernst auch musikalische Vorlagen von Howlin’ Wolf, den Rolling Stones und Bob Dylan, verkündet im klassischen Bluesformat, dass sie lieber Kaffee trinkt als Tee und den träge dahinplätschernden Fluss der wilden See allemal vorzieht. Die Texte sind dabei genauso auf der persiflierenden Kippe wie ihre zur Kopfstimme und damit zum Jodeln wegdriftende Singstimme. Das schwappt alles auf eine ganz natürliche Weise hin und her, als ginge das Mississippi-Delta geradewegs ins Alpenvorland über.

Skurrile Geschichten

Unterstützt wird sie dabei von zwei Musikern aus London, dem versierten Blues- und Rock-Gitarristen Paul Cuddeford und dem alten Gefährten Terry Edwards, der E-Bass, Gitarre, Trompete und auch mal zwei Saxophone gleichzeitig spielt, wenn die Stucky „Oh Jesus“ dröhnt, und der Sound richtig fett sein soll. Dazu spielt Erika Stucky vor allem ein Miniaturakkordeon, das aber problemlos auch für große Gefühlsmomente taugt. Sentimental darf dieser Alpenblues nämlich auch sein, eine Musik, die in verhangener Wehmut schwelgt, ganz egal, ob sie ihre Wurzeln nun im amerikanischen Süden oder im Schweizer Hochgebirge hat.

Bevor die Sache allzu pathetisch wird, packt Erika Stucky eine ihrer skurrilen Geschichten und Beobachtungen aus, die von den traurig jodelnden Ziegenmelkern zum Beispiel, die sie auf irgendwelchen Tondokumenten aus den 1920er-Jahren entdeckt hat. Oder sie philosophiert über Farmer, unter denen es halt auch „Arschlöcher“ gebe, was dann perfekt zu Bob Dylans „Maggie’s Farm“ überleitet, deren Eigentümerfamilie ja auch kein Ausbund an Menschenfreundlichkeit gewesen sein soll.

Barocklied mit Bluesfeeling

Der Zugabenteil enthielt unter anderem eine Arie von Henry Purcell, in dessen Oper „Dido und Aeneas“ bei einer Aufführung in Lyon Erika Stucky mitgewirkt hat. Ihre Stimme gibt das durchaus her, aber auch hier verbiegt sie sich natürlich nicht zur Operndiva, gibt dem Barocklied erstaunliches Bluesfeeling und bleibt damit die kunstvoll schräge Performerin, die in ganz unterschiedlichen Welten zu Hause ist. Die Bühne verlässt sie schließlich zum Gebimmel von Ziegenglöckchen, und man kann glauben, hier steige eine Hirtin zusammen mit ihren Tieren, die den ganzen Abend über auf der Leinwand im Hintergrund umhergeklettert sind, hinab ins Tal. Aber am Ende dieses Jahres wird sie wiederkommen. Das hat sie ihren begeisterten Fans fest versprochen.

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