Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Wladimir Kaminer über sein Leben in und mit der Corona-Krise

„Jetzt kann ich die Lesungen in der eigenen Küche absolvieren“: Wladimir Kaminer
»Jetzt kann ich die Lesungen in der eigenen Küche absolvieren«: Wladimir Kaminer

Wegen „anhaltender Apokalypse“ abgesagt. Auch Wladimir Kaminer musste aufgrund der Corona-Pandemie seine Lese-Tour abbrechen. Im Interview erklärt der Schriftsteller, wie er den Quarantäne-Alltag für unerfüllte Träume nutzt, erinnert an die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl und verrät als Meister der Kurzgeschichten, worin die Moral der Corona-Krise steckt.

Herr Kaminer, eigentlich wären sie jetzt für Lesungen quer durch Deutschland unterwegs. Haben Sie sich schon mit ihrem Quarantäne-Alltag arrangiert?
Ich mache jetzt jede Woche Lesungen im Internet – per Stream. Das ist eine ganz neue Erfahrung für mich. Früher stand ich auf der großen Bühne im Scheinwerferlicht. Jetzt kann ich die Lesungen in der eigenen Küche absolvieren. Sogar in Unterhosen, es sieht ja niemand.

Wie ist diese Erfahrung: Befremdlich – oder kann man sich daran gewöhnen?
Ehrlich gesagt, ich finde es spannend, was gerade mit dem Land und den Menschen passiert. Aber dieses In-der-Küche-sitzen ist nicht mein begehrter Lebensentwurf. Ich würde gerne wieder auf Reisen gehen und hoffe, dass diese soziale Distanz verschwindet. Auf Dauer ist das keine gute Erfahrung.

Wie spüren Sie das an sich selbst? Was macht das mit Ihnen?
Zuerst fand ich es gar nicht so schlecht. Ich dachte: Endlich mal Ruhe, das tut dir bestimmt gut. Ich werde produktiver sein können, mehr Bücher lesen. Jetzt sind mehrere Wochen vergangen, und ich habe noch weniger gelesen als sonst. Das ganze Land ist in einer Erwartungshaltung erstarrt. Die Zukunft ist ungewiss, und die Anweisungen der Bundesregierung sind auch keine große Hilfe: Hände waschen, Abstand halten und warten…

Was sind Ihre Tipps für ein sinnvolles Leben während der Kontaktsperre, abgesehen von Hamsterkäufen und langen Spaziergängen?
Ich habe mir in dieser Zeit viele aufgeschobene Träume erfüllt, für die nie Zeit war: Mit dem Boot fahren und Vögel beobachten. Oder Reiten. Auf dem Land gibt es eine Pferdefarm, die haben immer sehr viele Besucher. Jetzt kommt niemand mehr, sie sind wie viele andere von Existenzängsten geplagt. Also bin ich als Reiter eingesprungen und ziemlich lange durch den Wald geritten. Und auch Musik mache ich wieder: Langsamen, optimistischen Rap für ältere Menschen. Es wäre also langsam Zeit, dass die Quarantäne wieder vorbei ist (lacht).

Sie treten eigentlich gerne vor die Haustür und fangen die Absurdität des Alltags ein. Finden Sie jetzt in der Isolation Muße, das Ganze literarisch zu verarbeiten?
Ja, es gibt ja jetzt auch Alltag, nur hat er sich verändert. Bei uns im Prenzlauer Berg war gutes Wetter. Viele Leute waren draußen, aber alle Läden hatten zu. Außer einer kleinen skandinavischen Buchhandlung, die Bücher über die Arktis verkauft. Normalerweise ist dort kaum Betrieb, jetzt hat der ganze Bezirk ein großes Interesse an skandinavischer Literatur entwickelt.

Das ist doch ein schöner Nebeneffekt.
Ja, und auf dem Land versuchen die Menschen, die Normalität zu spielen. In einem Café darf man draußen keine Tische und Bänke aufstellen. Stattdessen stellen sie Blumentöpfe auf, damit es ein bisschen nach Leben aussieht. Ich denke, alle leiden im gleichen Maße, was an sich nicht schlecht ist. Die Menschen kommen näher zueinander, obwohl sie Abstand halten müssen.

Wie wurden Sie vom plötzlichen Shutdown im März überrascht, was mussten Sie alles stehen und liegen lassen?
Das war am Freitag, den 13., ausgerechnet! Ich sollte im Casino in Baden-Baden eine Lesung halten, mit anschließender Russendisko. Bis 19 Uhr gingen noch alle davon aus, dass es klappen wird. Erst kurz vor Beginn der Veranstaltung kam die Anweisung, das Casino sofort zu schließen. Seitdem bin ich als reisender und lesender Geschichtenerzähler arbeitslos. Ich kann nur von der Küche aus berichten.

Sie können aber auch nach Russland schauen. Wie reagiert das russische Volk auf die Corona-Pandemie? Welche Unterschiede gibt es?
Die Russen sind nicht so ordnungsverliebt wie die Deutschen. Als Reaktion auf Quarantäne-Maßnahmen kommen nützliche Tipps, wie man die Regeln umgehen kann. Das ist eine russische Grundeigenschaft, dem Staat zu trotzen. Es werden Vorwände gesucht, Verwandte im anderen Stadtteil zu besuchen. Omas werden hin- und hergetauscht, und auch die Hunde haben plötzlich zehn Besitzer und sehen ganz erschöpft aus.

Sie sind in Moskau aufgewachsen. Wie haben Sie 1986 die Tschernobyl-Katastrophe erlebt? Kann man die Situationen vergleichen?
Damals hat die Regierung das Problem konsequent geleugnet. Meine schlimmste Erinnerung an diese Zeit ist die Parade am 9. Mai, die trotz der verseuchten Luft in Kiew durchgeführt wurde. Zwei und zwei wurden einfach nicht zusammengezählt: Wir hatten eine Reaktorkatastrophe, aber das größte und wichtigste Fest des Landes musste einfach stattfinden, da es die Leute zusammenhält. Alle sind brav ins Verderben marschiert und haben die Radioaktivität abbekommen.

Dieses Jahr feiert die Siegesparade ihren 75. Jahrestag. Wird sie trotz Pandemie stattfinden?
Es ist noch immer nicht geklärt, ob die Parade stattfindet. Man weiß in Russland nie, was morgen ist. Die Entscheidung wird wohl erst im letzten Moment getroffen. Aber es wäre fatal: Den wichtigsten Platz bei der Parade nehmen die Veteranen ein. Sie sind alle 90 plus, zählen also zur Risikogruppe. Sie in einer großen Menschenmenge zu versammeln, das wäre im Grunde die Todesstrafe.

Nie etwas ausdenken, sondern dem Leben vertrauen, lautet ihr Leitspruch. Hätten Sie es für möglich gehalten, dass so etwas Kleines wie ein Virus die Welt so aus den Angeln heben kann?
Wir haben vor allem gesehen, wir zerbrechlich unsere Lebenswelt ist, wie sie durch kleinste Mikroorganismen auf den Kopf gestellt werden kann. Die Welt an sich ist aber dennoch keine andere, und auch wir sind alle die gleichen geblieben. Ich denke, wenn dieser Spuk vorbei ist, werden die Menschen die Welt wieder zu der machen, wie wir sie kennen.

Aber was ist dann die Moral der Corona-Geschichte?
Es wird sich hoffentlich positiv auf das Gesundheitssystem auswirken. Und es wird für mehr Sorgfalt und Aufmerksamkeit sorgen. Ich hoffe, dass diese Geschichte des gemeinsam erlebten Unglücks die Menschen besser macht, dass sie mehr füreinander da sind. Da bin ich Optimist.

Jetzt wird immer stärker der Tag X, die Rückkehr in den vertrauten Alltag herbeigesehnt. Was vermissen Sie am meisten?
Ich will wieder auf die Bühne. Aber ich habe Bedenken, dass das so schnell geht. Wenn die Maßnahmen Schritt für Schritt gelockert werden, wird man erst mit Sport beginnen. Mit Fußballspielen mit Tausenden von Fans, die kleine Kaminer-Lesung wird aber bestimmt noch lange problematisch sein.

Die Kulturschaffenden waren die ersten, die es getroffen hat…
…und es werden die letzten sein, die wieder rauskommen. Das kann gut sein. Dabei sind wir gesellschaftlich relevanter als die Fußballer. Vielleicht ist morgen aber auch das Virus tot und kann die Sonne nicht mehr ertragen. Die Eisdiele in meiner Straße hat zumindest schon wieder auf. Wir werden sehen.

Zur Person

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Nach einer Ausbildung zum Toningenieur fürs Theater studierte er Dramaturgie und zog 1990 nach Berlin. Nach der Wiedervereinigung erhielt er automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft. Mit seinem im Jahr 2000 erschienenen Erzählband „Russendisko“ wurde er über Nacht zum gefeierten Autor. Er veröffentlicht regelmäßig Texte in verschiedenen deutschen Zeitungen und Zeitschriften und hat bei seinen vielen Auftritten mit Lesungen und anschließender Russendisko in der Alten Feuerwache in Mannheim bisher noch regelmäßig und zuverlässig die große Halle bis auf den letzten Platz gefüllt. Mittlerweile hat er knapp 30 Bücher mit amüsanten Erzählungen aus seinem Alltag veröffentlicht.

Termin

Die eigentlich für Ende März vorgesehene Lesung in der Alten Feuerwache in Mannheim soll am 22. Dezember nachgeholt werden.

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