Ludwigshafen
Im Auftrag des Jazz: Der Schlagzeuger Christian Scheuber wird 60 Jahre alt
„Ich habe als Musiker immer wahnsinnig Glück gehabt, tolle Leute zu treffen. Denn nur von Besseren kannst Du etwas lernen“, sagt Christian Scheuber. Der Höhepunkt dieser Entwicklung ist für ihn die Zusammenarbeit und Freundschaft mit Richie Beirach, einem Weltstar des Jazzpiano. Mit ihm und der Pianistin Regina Litvinova lebt Scheuber auf einem Gehöft in Heßheim.Scheuber wurde am 11. November 1960 in Bordeaux geboren. Er studierte Schlagzeug an der Swiss Jazz School in Bern bei Billy Brooks. „Billy galt als der beste Drummer in Europa und hat einen eigenen Stil entwickelt“, erinnert sich Scheuber. Weil Brooks nie etwas aufgeschrieben hat, hat Scheuber sich das vorgenommen. Er arbeitet an einem Buch.
Konzerte in den USA und in Russland
Während des Studiums gründete Scheuber mit Kommilitonen das City West Quartett. Die Combo veröffentlichte drei Platten und tourte durch Europa und die USA. Darauf wurde der Beauftragte der Bundesregierung für Russlanddeutsche, Horst Sielaff, aufmerksam. Er organisierte 1991 eine Konzertreise durch die entstehende Russische Föderation. „Das Land war im Umbruch und die Leute gierten nach Jazz“, sagt Scheuber. Ein begeisterter Russe schickte Aufnahmen an Vladimir Feyertag, Jazzkritiker und Impresario großer Festivals. Er lud das Quartett 1992 nach Sankt Petersburg ein. Dort lernte Scheuber den Pianisten Andrei Kondakov kennen, der ihn in sein Trio einlud. Später gründeten sie die Band Interjazz. Die deutsch-russische Band tourte durch die Russische Föderation. „Meine russischen Freunde haben mich oft als Russen ausgegeben, weil Ausländer viel mehr für alles bezahlen mussten“, erzählt er. In Moskau hörte er eine junge Klavierstudentin, die ihn sehr beeindruckte – er sollte sie später in Mannheim wiedersehen.
In Ludwigshafen hatte Scheuber schon mit Wolfgang Lauth zusammengespielt, der als Jazzpianist und Komponist für Film und Theater sehr angesehen war. Scheuber gründete Anfang der 1990er-Jahre im Kulturdepot die Reihe „Jazzlights“ mit Konzerten und Sessions im Wechsel. Die Reihe sollte den Jazz in Ludwigshafen fördern. Als zur Eröffnung des Kultursommers ein Floß mit Künstlern den Rhein herunter kommend an der Parkinsel anlegen sollte, war ein musikalischer Empfang geplant. So entstand 2002 die heute noch existierende Profi-Bigband Kicks’n Sticks, mit Scheuber am Schlagzeug.
Kurator eines Jazzfestivals
Daraus wurde das „Jazz am Rhein“- Festival auf der Parkinsel. Mit einem Truck mit ausfahrbarer Bühne hatte Scheuber eine Weltreise geplant, die er aus gesundheitlichen Gründen nicht begann. Stattdessen wurde die mobile Bühne Mittelpunkt des neuen Jazzfestivals, das Scheuber kuratiert. Die Stadt stellt Mittel aus dem Kulturetat zur Verfügung, auch Sponsoren geben Geld. Der Eintritt ist frei. Das gilt auch für das später hinzu gekommene Festival auf dem Lutherplatz, „Jazz am Turm“. Hier spielt jedes Jahr Jazz Attack, die Big Band der Musikschule, und Kicks’n Sticks präsentieren einen Stargast. Dazu kommen weitere von Scheuber ausgewählte Bands.
Zurück zu jener Klavierstudentin aus Russland. Regina Litvinova war zum Studium nach Mannheim gewechselt, als Scheuber sie zufällig dort wieder hörte. Er lud sie zur Zusammenarbeit ein. Über Litvinova entstand der Kontakt zu Richie Beirach. Er war Professor in Leipzig, und die Pianistin wurde bei ihm Meisterschülerin. Die drei verstanden sich sehr gut – musikalisch und menschlich. Als Beirach emeritiert wurde, wollte er nicht in die USA zurück. Scheuber lud ihn ein, bei ihm in Heßheim zu wohnen. Über Beirach wurde es möglich, weitere internationale Jazzer auf die Parkinsel zu holen. Spektakulär war der Besuch des Saxophonisten Dave Liebman. Das Liebman/Beirach-Duo hat Jazzgeschichte geschrieben. Auch der Besuch von Drummer Adam Nussbaum war ein Ereignis.
Lehrer an der Musikschule
„Ich bin sehr froh, dass mir die Stadt Ludwigshafen diese Veranstaltungen möglich gemacht hat“, sagt Scheuber. Die kulturelle Bedeutung der Stadt zu unterstreichen, ist ihm ein besonderes Anliegen. Die Befürchtung, Kultur, insbesondere Jazz, sei zu elitär, teilt er nicht. „Auf die Parkinsel oder zum Turm kann jeder hingehen, und ich sehe dort auch immer neue Gesichter. Auch Leute, die Jazz einfach kennenlernen wollen, kommen vorbei, genießen die einmalige Atmosphäre“, sagt Scheuber. Auch die Förderung der Laienkultur ist ihm wichtig – schließlich war Scheuber auch Lehrer an der Musikschule. „Je mehr Menschen Musik machen, desto besser“, sagt er. Aber wichtig seien eben auch Konzerte, die Glanzlichter setzen und Ludwigshafen in der Metropolregion Strahlkraft verleihen. Dass es dafür Publikum gebe, haben die bisherigen Konzerte gezeigt.
Musikalisch plant Scheuber weitere Projekte mit Richie Beirach im Duo und mit weiteren Musikern. „Dank Richie habe ich mich weiterentwickelt“, sagt Christian Scheuber. „Er könnte mit jedem Schlagzeuger der Welt spielen. Aber er spielt mit mir, weil er das möchte. Das ist in meinem Musikerleben das Größte.“