Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Hemshof-Mahner will in die Politik

Will in seinem Kiez etwas bewegen: Anthimos Dimitriadis.
Will in seinem Kiez etwas bewegen: Anthimos Dimitriadis.

Anthimos Dimitriadis will die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen. Zweimal hat er die Einwohnerfragestunde im Stadtrat genutzt, um seinem Ärger über die Zustände im Hemshof Luft zu verschaffen. Doch viel geändert habe sich nicht, klagt er. Deshalb drängt es den 48-Jährigen in die Politik. Kontakte zu einer Partei hat er schon geknüpft.

Seit dem 12. Juli 2021 ist Anthimos Dimitriadis kein Unbekannter mehr in Ludwigshafen. Damals legte er in der Stadtratssitzung einen couragierten Auftritt hin und kritisierte ohne Schaum vor dem Mund die „unhaltbaren Zustände“ in seinem Kiez – dem Hemshof. Drogenhandel auf offener Straße, illegaler Müll, wildes Parken. Was in dem Stadtquartier schief läuft? „Alles – ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Man sagt ja: Der Fisch stinkt vom Kopf her“, meinte der Diplom-Wirtschaftsingenieur vielsagend nur wenige Tage später im RHEINPFALZ-Interview.

Die Kommunalpolitiker hörten ihm aufmerksam zu. Ihnen dämmerte schnell, dass da keiner am Mikro steht, der nur Dampf ablassen will. Er möchte etwas verändern. An die versammelten Stadträte appellierte er, mehr als bisher für den gut 20.000 Einwohner zählenden Stadtteil zu tun – und nicht nur Lippenbekenntnisse abzugeben.

Das Schild wird einfach ignoriert.
Das Schild wird einfach ignoriert.

„Ich habe das Gefühl, dass der Hemshof seit zehn, 15 Jahren zunehmend verwahrlost und verdreckt. Bei Unwettern laufen die Straßen voll, weil die Abflüsse nicht gereinigt werden. Die Gullys müssten einmal im Jahr gesäubert werden. Das ist kein Stress, und alle zahlen hier ihre Steuern“, präzisierte Dimitriadis seine Vorwürfe. Dimitriadis weiß, wovon er spricht. Der Single mit griechischen Wurzeln ist im Hemshof geboren und aufgewachsen. Er besitzt zwei Häuser in der Hartmannstraße mit 18 Studenten-WGs und 50 Mietern. Er fordert auch mehr Präsenz der Ordnungskräfte. „Und zwar dauerhaft.“

„Multikulti hat hier lange funktioniert“

Wegen der schwierigen Gemengelage im Hemshof würden inzwischen auch dort verwurzelte Türken, Griechen und Italiener seiner Generation wegziehen. „Spätestens dann, wenn sie eine Familie haben, weil sie nicht wollen, dass ihre Kinder hier aufwachsen. Alle sind stolze Hemshöfer wie ich. Aber die Zustände hier sind mittlerweile unhaltbar. Ich will, dass sich das wieder ändert. Der Hemshof ist multikulti, das hat hier lange funktioniert.“

Mitverantwortlich für die Situation sind seiner Ansicht nach – neben der zu zögerlichen Verwaltung und den öffentlich kaum sichtbaren Ordnungsbehörden – „Rotationseuropäer“, wie er sie vorsichtig nennt. Und meint: Zuwanderer, die sich nicht integrieren wollen. „Sie scheren sich weder um ihr Umfeld noch um das Zusammenleben, das interessiert sie nicht wirklich“, sagt Dimitriadis.

Unrat im November in der Hartmannstraße.
Unrat im November in der Hartmannstraße.

Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) zeigte Verständnis: „Sie sprechen vielen Bürgern aus der Seele“, sagte sie im Juli 2021 und stellte klar: „Der Hemshof darf kein rechtsfreier Raum werden.“ Zudem listete sie auf, was die Stadt bereits dagegen unternommen habe: Seit mehr als zwei Jahren sei die Online-Plattform Mängelmelder installiert, es seien Müllsheriffs eingesetzt und Reinigungszyklen erhöht worden.

Ein Pilotprojekt für eine Kameraüberwachung, um Müllsünder auf frischer Tat zu ertappen, sollte längst gestartet sein. Doch wegen „Lieferschwierigkeiten“ sei es ausgebremst worden. „Wenn das Equipment da ist, könnte es im Frühjahr losgehen“, kündigte die OB im Dezember an und versicherte, dass die Stadt ihren Kurs konsequent fortsetzen werde. Dass Fälle von illegaler Müllentsorgung in 2022 leicht zurückgegangen seien, sei eine gute Entwicklung.

Dimitriadis hat davon nichts bemerkt. Ein wenig mehr Präsenz von Vollzugsdienst, Polizei und Wirtschaftsbetrieb direkt nach der Berichterstattung – dann sei der Effekt verpufft. Aufgeben wollte der 48-Jährige nicht, weil ihm der Hemshof am Herzen liegt, wie er betont.

Zum Auftritt gratuliert

Am 7. November vergangenen Jahres stand Dimitriadis daher wieder am Mikro im Konzertsaal des Pfalzbaus und stellte an den Stadtrat eine provokante Frage: „Gibt es einen Masterplan, den Hemshof total verkommen zu lassen?“ Dafür erntete er sogar Beifall. Direkt an die nach seinem Dafürhalten untätigen Politiker gerichtet, meinte er: „Wollen oder können Sie nicht?“ Denn bis auf den Umstand, dass sich die Drogenszene im Umfeld seines Hauses nach der Berichterstattung an andere Orte verlagert habe, hätten sich die Verhältnisse im Quartier sogar noch verschlimmert. Die Grünpflege sei mangelhaft und die Gullys weiterhin mit Laub verstopft, weil es die Straßenreinigung zu selten entsorge, schildert Dimitriadis. Was ihm Mut machte: „Leute auf der Straße haben mir gratuliert zu meinem Auftritt, nachdem sie davon in der RHEINPFALZ gelesen hatten.“ Von politischer Seite habe es dagegen keine Reaktionen gegeben.

Verdreckt: „Grünanlage“ in der Gräfenaustraße.
Verdreckt: »Grünanlage« in der Gräfenaustraße.

„Nur Schönheitskosmetik“

Die OB entgegnete ihm im Stadtrat, die Verwaltung sei bemüht, Lösungen zu finden. Aber ohne die Mithilfe der Bewohner sei das nicht möglich. Und wenn die Straßenreinigung öfter anrücken müsse, bezahlten das letztlich alle Bürger. Nord-Ortsvorsteher Osman Gürsoy (SPD) sagte, sein Büro stehe für jeden offen. Wenn sich alle im Hemshof an die Regeln halten würden, gebe es keine Probleme, ergänzte die OB und versprach, sich der Sache anzunehmen. „Da bin ich gespannt“, meinte Dimitriadis skeptisch. „Viele wissen um die Problematik, aber getan wird nichts, bis auf ein bisschen Schönheitskosmetik. Zwei, drei Wochen später ist der Spuk dann schon wieder vorbei.“ So schilderte er es bereits 2021. Ein ähnliches Fazit zieht er nun gut zwei Monate nach seinem zweiten Auftritt im Stadtrat.

„Alles Ausreden“, schimpft er beispielsweise über angebliche Lieferengpässe, die den Start der Kameraüberwachung verhinderten. „Ich spendiere gerne drei, vier Kameras, falls es Probleme gibt“, sagt Dimitriadis. „Die kosten keine 300 Euro inklusive Speichermedium und können tagelang aufnehmen.“ Es gebe zwar Müllsheriffs, aber weiterhin keine Stadtteilpolizei. Bis auf eine Ausnahme vor wenigen Wochen habe er „gefühlt 40 Jahre“ keine Streifenbesatzung mehr durch den Hemshof patrouillieren sehen.

Zugeparkt: die Fußgängerzone Prinzregentenstraße.
Zugeparkt: die Fußgängerzone Prinzregentenstraße.

„Geht nur über Präsenz und direkte Ansprache“

Wegen „der leeren Versprechungen der Stadtspitze“ will Dimitriadis nun selbst aktiv werden. „Ich will versuchen, eines der politischen Gesichter dieser Stadt zu werden.“

Erste Kontakte hat er schon mal geknüpft: zur CDU. „Da bahnt sich was an“, sagt der 48-Jährige. Die OB-Partei SPD zeige keine Ambitionen, irgendwas zu ändern. Falls er 2024 bei der Kommunalwahl antritt, könnte Dimitriadis also selbst bald im Stadtrat sitzen – und die Erfahrung machen, ob sich im Hemshof tatsächlich etwas drehen lässt. Dimitriadis betont: „Man muss den Hemshof verstehen, um etwas zu ändern. Man muss mit den Leuten reden. Das macht bisher keiner.“ Er traut sich das zu. „Das geht nur über Präsenz und direkte Ansprache.“

Kommentar: Konsequenter Schritt

Anthimos Dimitriadis hat die Faxen dick. Dass er nun selbst politisch aktiv werden will, spricht für ihn.

Der Stadtteil Hemshof/Nord ist der Hotspot für illegalen Müll. Ein Viertel der 4800 Fälle stadtweit waren allein im Jahr 2020 dort verortet. Die schwierige Sozialstruktur und ein hoher Zuwandereranteil befeuern die Probleme. Die Lage ist ernst. Dimitriadis ist nicht der einzige, der das so sieht. Das bisherige Maßnahmenbündel der Stadt reicht nicht, auch Kameras werden nur bedingt helfen. Es braucht den entschlossenen und beharrlichen Willen aller Verantwortlichen, das Potenzial dieses Quartiers zu heben. Vorbild könnte der Mannheimer Jungbusch sein.

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