Quintessenz RHEINPFALZ Plus Artikel Gräfenauschule: Das Imperium schlägt zurück

Schulleiterin Barbara Mächtle
Schulleiterin Barbara Mächtle

Dass die Gräfenauschule zuletzt Thema im Bildungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags war, ist wenig überraschend. 44 Kinder, die möglicherweise auch in diesem Jahr die erste Klasse wiederholen müssen, sind definitiv Grund genug für eine politische Diskussion. Die Art und Weise, mit der allerdings die SPD-Fraktion in diese Debatte gegangen ist, beweist: In Mainz scheinen die Nerven inzwischen einigermaßen blank zu liegen.

Schon im Vorfeld bekam ich die Nachricht eines SPD-Mitglieds, dass das Bildungsministerium die Ausschusssitzung dafür nutzen werde, auch mal „eine andere Seite zu beleuchten“. Sie als interessierte Öffentlichkeit können an dieser Stelle deshalb davon ausgehen, dass die Sozialdemokraten sich bezüglich ihres Vorgehens in Sachen Gräfenauschule abgestimmt haben. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass seitens der Genossen im Bildungsausschuss irgendetwas geäußert wurde, das nicht zuvor auch mit Ministerin Stefanie Hubig (SPD) besprochen gewesen ist.

Konkret echauffierte sich in der vergangenen Woche dann Sven Teuber, der bildungspolitische Sprecher der SPD. Es sei ihm völlig unverständlich, warum die Rektorin der Gräfenauschule dafür sorge, dass diese „laufend in der Presse auftaucht“. Es schade der Akzeptanz der Schule.

Eva Briechle
Eva Briechle

Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil das SPD-geführte Bildungsministerium die Gräfenauschule natürlich schon längst aus den Schlagzeilen hätte holen können. Gereicht hätte dafür zum Beispiel eine einzige Sprach-Intensivklasse als Pilotprojekt. Gekostet hätte diese Maßnahme das Ministerium zwei zusätzliche Fachkräfte, die ein ganzes Jahr lang 15 Kinder ohne Sprachkenntnisse fit machen für den Regelunterricht. Das Sitzenbleiben nach der ersten Klasse wäre für diese Kinder von vornherein ausgeschlossen gewesen, zudem hätte man bereits jetzt erste Erkenntnisse darüber, ob ein solches Vorgehen den Schülern wie auch dem Kollegium der Gräfenauschule helfen würde. Aber: Vorgeschaltete Sprachklassen sind eben ein Konzept, das die Opposition fordert. Sich pragmatisch auf Dinge einzulassen, die jenseits bildungspolitischer Überzeugungen der SPD liegen, dafür scheinen die Probleme der Gräfenauschule immer noch nicht groß genug zu sein.

Der Druck wird erhöht

Stattdessen schießen die Sozialdemokraten in diesem Jahr nun also öffentlich gegen Schulleiterin Barbara Mächtle. Auch hinter den Kulissen scheint der Druck auf sie mächtig erhöht worden zu sein. Ob auf Initiative des Bildungsministeriums oder der Schulaufsicht ADD, ist von außen schwer zu sagen. Fest steht jedoch, dass Barbara Mächtle am vergangenen Freitag zu Gast in der Landesschau des SWR war – und sich dort explizit als Mitglied des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) geäußert hat. Es handelt sich dabei um die größte Fachgewerkschaft innerhalb des Deutschen Beamtenbunds, die Lehrer von Grund-, Haupt-, Real-, Förder- und Gesamtschulen vertritt.

Dass Mächtle sich bei öffentlichen Äußerungen zu ihrer Schule plötzlich hinter das gewerkschaftliche Schutzschild begibt, kann im Grunde nur eines heißen: dass gegenüber einer Beamtin, die öffentlich und wiederholt mehr Sprachförderung für ihre Schule gefordert hat, die Daumenschrauben angezogen werden.

Lässt tief blicken

Den Verantwortlichen möchte man an dieser Stelle zurufen: Deutschland ist ein Einwanderungsland – und auch ein Land ohne Rohstoffe. Das Thema Bildung ist somit eines der wichtigsten überhaupt. Es muss darüber debattiert werden, wie wir als Gesellschaft damit umgehen, dass immer mehr Kinder ohne Sprachkenntnisse an unsere Schulen kommen. Und darüber, wie wir auch künftig Menschen für den Lehrerberuf begeistern und Pädagogen unterstützen, die sich tagtäglich den Herausforderungen an Schulen wie der Gräfenauschule stellen.

Dass die SPD derzeit offenbar kein besseres Konzept findet, als eine Schulleiterin für ihre Äußerungen gegenüber der Presse zu kritisieren, lässt tief blicken – und zeugt mehr von Hilflosigkeit als von Souveränität und Veränderungswillen.

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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