Ludwigshafen / Mainz
Wiederholer in erster Klasse: Opposition befürchtet „Grundschulkrise“
Am Brückentag nach Christi Himmelfahrt muss für die zehn Punkte auf dem Programm im Bildungsausschuss des Landtags eine virtuelle Debatte genügen. Über die Situation der Ludwigshafener Gräfenauschule im Speziellen und der rheinland-pfälzischen Grundschulen im Allgemeinen lässt sich aber offenkundig auch per Videoschalte trefflich streiten. Während die Opposition – namentlich CDU, AfD und Freie Wähler – harte Kritik am Umgang mit der Situation an Brennpunktschulen üben, verteidigen Staatssekretärin Bettina Brück (SPD) und Sven Teuber, bildungspolitischer Sprecher der Sozialdemokraten, den Einsatz der Landesregierung.
CDU: Es passiert zu wenig
39 von 126 und 44 von 147 – das sind die Zahlen, die Jennifer Groß derart beunruhigen, dass die CDU-Politikerin von „Bildungskatastrophe“ und einer drohenden „landesweiten Grundschulkrise“ spricht. Die genannten Werte geben an, wie viele Kinder im vergangenen Schuljahr die erste Klasse an der Gräfenauschule nicht gepackt haben und wie vielen diese Extrarunde im kommenden Jahr droht. Der Eindruck der bildungspolitischen Sprecherin: Es passiert zu wenig. Dass sich wiederhole, womit die Ludwigshafener Brennpunktschule bundesweit in die Schlagzeilen geriet, sei ein „Schlag ins Kontor“ für Schulleitung und Kollegium, die „auf dem Zahnfleisch gehen“.
AfD-Mann Joachim Paul fordert abseits von inhaltlichen Fragen und pädagogischen Konzepten eine „Wende in der Migrationspolitik“. In den Familien selbst und in Vierteln mit vielen Zuwanderern müsse Deutsch gesprochen werden. Das Lernen der Sprache sei eine „Bringschuld“. Alles andere sei „Realitätsverweigerung“. Der Freie Wähler Helge Schwab hält es für „Blindflug“, wenn nicht von allen Kindern vor der Einschulung deren Sprachkenntnisse und diesbezügliche Defizite bekannt seien.
45 Prozent mehr Stunden
Staatssekretärin Brück bittet darum, „sprachlich abzurüsten“. Sie setzt den Schlagworten eine Liste entgegen, was das Ministerium im Fall der Gräfenauschule getan hat und was es für Schulen in ähnlicher Situation tun würde: So sei das Pflichtsoll von 685 Lehrerwochenstunden um 45 Prozent aufgestockt worden. Das entspreche zwölf Vollzeitstellen – allein knapp die Hälfte davon für Sprachförderung. Die „Gräfenau“ werde ins Startchancen-Programm aufgenommen, und Ludwigshafen bekomme ein Familiengrundschulzentrum, das Eltern beraten und einbeziehen soll. Die seien für den Schulerfolg ihres Nachwuchses immer noch der „entscheidende Einflussfaktor“.
Brück räumt ein, dass die Anzahl derjenigen Kinder steigt, die schon die erste Klasse wiederholen müssen – statistisch fassen kann sie das zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht. Und im exemplarischen Fall der Gräfenauschule habe sie Hoffnung, dass die von Schulleiterin Barbara Mächtle befürchtete Entwicklung nicht ganz so drastisch ausfalle wie aktuell befürchtet: „Es ist noch Zeit bis Schuljahresende.“ Überhaupt deutet die Staatssekretärin das freiwillige Wiederholen nicht nur als Scheitern. Es könne auch eine pädagogisch sinnvolle Entscheidung sein, die Bildungserfolg sogar erst ermögliche.
Deutlich wird im Bildungsausschuss am Freitag aber auch ein Wechsel in der Strategie der Landesregierung: Sie will die Kommunen stärker als bisher in die Pflicht nehmen. So zu verstehen ist der Hinweis auf das Sozialraumbudget in Höhe von vier Millionen Euro, das beispielsweise Ludwigshafen unter anderem für Sprachförderung in Kindertagesstätten zur Verfügung stehe. Oder der Vergleich, dass Koblenz sehr viel mehr Sozialarbeit in Grundschulen nutze als das pfälzische Oberzentrum. Weitere Aspekte, bei denen kommunale Mitwirkung gefragt sei: kontinuierlicher Kita-Besuch und Schulschwänzen.
Kritik an Stadtverwaltung
Offene Kritik an der Ludwigshafener Verwaltung übt SPD-Mann Sven Teuber: Sie hätte gemeinsam mit Schule und Eltern längst darauf hinwirken können, ein Ganztagsangebot im Hemshof zu etablieren, wenn der Unterricht am Vormittag nicht ausreiche. Unverständlich sei für ihn, warum die Rektorin dafür sorge, dass ihre Schule „laufend in der Presse auftaucht“. Deren Akzeptanz helfe das aus seiner Sicht nicht. An die Adresse der AfD gerichtet, sagt Teuber: Zu glauben, das Problem sei gelöst, wenn es keine Migration gäbe, sei ein Irrtum. Ihn irritiere, „wie teilweise über Kinder geredet wird“.
