Ukraine-Krieg
Frieden statt Bomben, Freude statt Leid
Es ist still, ziemlich still im Foyer der Sportschule Schifferstadt des Landessportbundes Rheinland-Pfalz (LSB). Ein Ehepaar, geschätzt irgendwo zwischen Mitte und Ende 20, starrt unaufhaltsam auf ein Smartphone. Beide unterhalten sich in Gebärdensprache. Schnelle Handbewegungen und Pausen wechseln sich ab. Ihre Gesichter, sie wirken ernst. Vor allem die Frau scheint besonders angespannt zu sein. Was in ihr vorgeht? Das weiß nur sie selbst. Eines ist jedenfalls sicher: Ihre Gedanken sind weit weg in ihrer Heimat. In der Ukraine. Vielleicht bei Verwandten, Freunden, Bekannten, die dort noch ausharren. In Bunkern, Luftschutzkellern, in ihren Wohnungen mit der Hoffnung, dass der Krieg, dieser Albtraum, bald zu Ende ist.
29 von derzeit rund drei Millionen ukrainischen Flüchtlingen haben ihr vorübergehendes Zuhause in der Sportschule Schifferstadt gefunden. Das Gros von ihnen: Familien mit Kindern aus der 280.000-Einwohnerstadt Tscherkassy, rund 160 Kilometer südöstlich von Kiew gelegen. Was die Situation nicht einfacher macht: Mit wenigen Ausnahmen sind sie gehörlos oder hörgeschädigt. Das erschwert die Verständigung. Wie gut nur, dass es den Übersetzer von Google gibt.
Elke Libowsky, Leiterin der Sportschule Schifferstadt, hat ihn mittlerweile dauerhaft auf „Deutsch – Ukrainisch“ eingestellt. „Welche Sportarten machst du normalerweise?“, tippt sie in ihr Handy ein. „Volleyball und Fußball“, schreibt ihr Gegenüber, Roman Lohotskyi, zurück und zeigt auf seine Füße, die in grauen, wenig sportgeeigneten Badeschlappen stecken. „Ah, er braucht Fußballschuhe“, glaubt die Leiterin der Sportschule verstanden zu haben. „Das sollte doch zu machen sein“, meint sie. Und auch ein Probetraining bei Phönix Schifferstadt könnte sie organisieren. Nichts leichter als das. Schließlich ist ihr Mann Peter Libowsky Trainer und Vorstandsmitglied bei Phönix.
137 verschiedene Gebärdensprachen weltweit
Die Gebärdensprache war bisher nicht unbedingt Elke Libowskys Metier. Roman zeigt ihr ein paar Grundbegriffe der ukrainischen Gebärdensprache, denn Gebärdensprache ist nicht gleich Gebärdensprache. 137 verschiedene soll es weltweit geben, nicht eingerechnet die unterschiedlichen Dialekte. „Notfalls unterhält man sich mit Händen und Füßen. Das klappt auch ganz gut“, meint sie augenzwinkernd.
Der Zufall wollte es, dass die ukrainischen Gehörlosen in Schifferstadt gelandet sind. Aleksandr Aleksandrov, Präsident des Gehörlosensportvereins in Tscherkassy, hatte mit Ausbruch des Krieges Kontakt zu seiner in Deutschland lebenden Tochter, die Mitglied im Gehörlosensportclub Frankenthal ist, aufgenommen. Der Verein bat den Landessportbund Rheinland-Pfalz um Hilfe. So kam die Sportschule Schifferstadt ins Spiel. Deren Leiterin ist seit Ankunft der Kriegsflüchtlinge quasi nonstop im Einsatz. Die 55-Jährige funktioniert seit dem 3. März einfach und ist „dankbar über unser tolles, engagiertes Personal“, wie sie sagt. „Ja, es ist stressig, aber es ist ein positiver Stress“, unterstreicht die Frau mit Nerven wie Drahtseilen. Libowsky hält den „Laden zusammen“, versucht Unmögliches möglich zu machen. Behördengänge, Frühstück und Abendessen vorbereiten, Spenden sammeln, telefonieren – die 55-Jährige ist nicht nur für die Ukrainer die „gute Seele“ der Sportschule. Und dann kommt ja noch der ganz normale Betrieb dazu.
Woher sie die Kraft nimmt, vermutlich weiß sie es selbst nicht. 16 Jahre ist das Schifferstadter Urgestein mittlerweile in der Sportschule des LSB tätig, seit rund sechs Jahren leitet sie die Einrichtung. Früher noch gab es dort einen Internatsbetrieb. Talentierte Basketballer, Ringer lebten dort. Jetzt bietet sie den Menschen aus der Ukraine eine vorübergehende Bleibe. Libowsky lassen die Schicksale nicht los. „Manchmal bin ich etwas nah am Wasser gebaut“, gibt sie zu.
Wasser, das ist das Element der zehnjährigen Angelina Yasenieva. Angelinas Papa ist gehörlos, sie selbst beherrscht die Gebärdensprache und spricht vorzüglich Englisch. Sie fungiert sozusagen als Vermittlerin zwischen den Welten. Die junge, quirlige Ukrainerin kann es kaum erwarten, bis das Hallenbad Schifferstadt wieder öffnet, denn sie ist eine passionierte Schwimmerin, eine exzellente noch dazu. „Ich habe schon sieben Medaillen bei Wettkämpfen gewonnen“, erzählt sie stolz. „Der Badeanzug und die dazugehörige Ausstattung liegen schon bereit“, berichtet Libowsky lachend.
Flüchtlinge helfen Flüchtlingen
Bogdana und ihre Zwillingsschwester Anisiya Karakai (13) haben in ihrer Heimat Leichtathletik gemacht. Vielleicht findet sich hier ein Verein, in dem sie ihrem Hobby frönen können. Ein bisschen Alltag bleibt für die Kinder auch fernab der Heimat: Via Smartphone stehen sie mit ihren Lehrern in Kontakt und werden online unterrichtet. So gut das eben in Kriegszeiten funktioniert…
Was auf der dreitägigen Flucht der Gehörlosen von Tscherkassy nach Schifferstadt passiert ist, was die Familien mit ihren Kindern vom Krieg mitbekommen haben, das weiß die Leiterin nicht. Erzählt haben die Menschen bis heute nichts. Mit ihren Privat-PKW waren die Mitglieder des Gehörlosensportvereins Tscherkassy unterwegs gen Westen. Eine Tortur. Natürlich, sagt sie, würde sie gerne nachfragen. Aber momentan gilt es, den ganz normalen Alltag zu bewältigen. Nach ihrer Ankunft waren die Menschen müde. „In den ersten Tagen waren alle ganz still und ernst. Mittlerweile tauen sie auf“, erzählt Libowsky.
„Schuld“ daran sind die Menschen, die so unglaublich hilfsbereit sind. Ali und Javid beispielsweise. Die beiden Afghanen flüchteten 2015 aus ihrem Heimatland nach Deutschland, wohnen in der Sportschule. Ali ringt beim VfK 07 Schifferstadt, Javid ist Friseur und hat sich nach der Ankunft der Ukrainer direkt bereiterklärt, in einer großangelegten Aktion deren Haare zu schneiden. Auch einen Ausflug in den Vogelpark hat er mit ihnen unternommen. „Das ist doch gelebte Integration“, sagt die Leiterin. Die beiden Afghanen freuen sich über den Zuwachs in der Sportschule, der voraussichtlich bis Mai bleiben wird. Danach ist die Einrichtung mit Lehrgängen und Trainingslagern ausgebucht. Unterstützung und Hilfe kommt von allen Seiten: Neben Phönix wollen die Ringer des VfK 07, die Handballer der HSG Dudenhofen/Schifferstadt, Schüler des benachbarten Paul-von-Denis-Gymnasiums, ein Sportlehrer der Realschule plus und der Jugendtreff (Sport-) Programme anbieten. „Es tut sich was“, freut sich Libowksy. Die ersten Kriegsflüchtlinge sind bereits in Wohnungen in Schifferstadt untergekommen. Die Sportschule aber bleibt ihr erster Anlaufpunkt, denn dort fühlen sie sich wohl.
Jessica Philipp und Jessica Fassott von der Kita „Haus des Kindes“ bringen am Mittwoch nicht nur jede Menge Ausmalbilder, sondern auch einige Vorschulkinder mit in die Sportschule. Gemeinsam malen sie Bilder aus, streichen sie mit Öl ein. „Wenn sie getrocknet sind, kann man sie ans Fenster hängen und dann wirkt dies wie Transparentpapier.“
Wieder ist es still im Raum, mucksmäuschenstill. Eine konzentrierte Atmosphäre und „irgendwie entschleunigend“, meint Libowsky. Ein paar Minuten „heile Welt“.
Noch Fragen?
- Rheinland-Pfälzische Sportvereine können sich melden, um die im Land angekommenen Menschen mit Spenden, Unterkünften, Betreuungsmöglichkeiten, Übersetzertätigkeiten, Trainings- und Sportangeboten zu unterstützen
weitere Informationen: www.lsb-rlp.de/digitalekarte/hilfsangebote/ukraine