Sommer-Interview
Faszination Reiten: „Einfach mal den Kopf freiblasen lassen“
Frau Wolf, wir haben zuletzt einige Hitzetage gehabt. Muss man Pferde in solchen Phasen besonders gut im Blick haben?
Pferde können ihre Körpertemperatur ganz gut selbst regeln. Deshalb ist der Arbeitsaufwand für uns gar nicht so viel größer als im Normalfall. Aber auch bei Hitze müssen die Tiere natürlich bewegt werden – und danach werden sie von uns mit dem Wasserschlauch gut abgespritzt. Außerdem legen wir die Bewegungseinheiten, also auch den Reitunterricht, so gut es geht in die kühlen Morgenstunden.
Gerade läuft eine Gruppenstunde und ich sehe ausschließlich Reiterinnen. Warum ist dieser Sport auf Ebene der Reitvereine so sehr in Mädchen- beziehungsweise Frauenhand?
Ich glaube, für dieses Phänomen gibt es keine aussagekräftige Erklärung. Persönlich würde ich vermuten, dass ein Pferd für viele Mädchen eine Art echter Partner ist. Viel mehr als zum Beispiel ein Hund oder eine Katze. Und wenn man dann noch gerne mit Tieren kuschelt, ist es wirklich etwas ganz Besonderes ein Pferd zu umarmen. Vielleicht haben Jungen diesen Zugang im Teenageralter einfach nicht so sehr wie Mädchen. Aber das ist nur eine Interpretation von mir.
Und wer mit dem Reiten anfängt, bleibt in der Regel auch dabei?
Ja, definitiv. Ein Pferd ist wie ein Virus, und wenn man sich den mal eingefangen hat, dann wird man ihn so gut wie nicht mehr los.
Wie viele Pferde stehen denn hier beim Reitverein auf Wiesen und Koppeln oder in Ställen?
Insgesamt zirka 40, acht davon sind Schulpferde. Und unter diesen acht Schulpferden, die im Reitunterricht eingesetzt werden, sind auch zwei kleine Shetland-Ponys.
Auf denen reiten dann die ganz Kleinen?
Ja, genau. Wir bieten seit anderthalb Jahren unseren „Pony-Kindergarten“ an. Für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren.
Für Kinder ab drei Jahren? Dann rennen euch die Leute vermutlich die Bude ein. Denn für dieses Alter gibt es nur ganz selten Reitangebote.
Ja, das stimmt. Das Angebot ist wahnsinnig gut nachgefragt. Wobei unsere zwei Shettys auch wirklich supersüß und ganz brav zu den Kindern sind.
Welche finanzielle Dimension hat es denn, wenn man ein eigenes Pferd haben möchte? Was kostet das über den Daumen gepeilt?
Wenn man sein Pferd hier bei uns im Stall einstellt, den Hufschmied und die Tierarztkosten umrechnet, dann liegt das bei ungefähr 600 bis 700 Euro im Monat. Nur für den Unterhalt. Allerdings ist da wirklich das volle Rundumprogramm mitinbegriffen. Da wird zum Beispiel gemistet und gefüttert. Natürlich gibt es aber auch sogenannte Offenställe, die dann etwas günstiger sind. Die Pferde leben dort meist in der Gruppe, es gibt einen Unterstand sowie freien Zugang zu einer Weide oder einer Koppel.
Es wird gefüttert und gemistet. Das heißt, Sie haben hier auf der Anlage Festangestellte?
Ja, wir haben zwei Festangestellte. Das heißt, theoretisch können Sie als Pferdebesitzer auch mal sagen, ich komme jetzt eine Woche nicht. Allerdings sollte das Pferd in dieser Zeit natürlich trotzdem gut bewegt werden.
Ein Pferd zu besitzen und trotzdem in Urlaub fahren zu wollen, ist also entsprechend schwierig.
Ja, aber in der Regel baut sich mit der Zeit hier ein soziales Netz innerhalb des Vereins auf. Wenn also jemand in den Urlaub geht, dann kann diese Person in der Regel schon auf Leute zurückgreifen, die das Pferd dann longieren und reiten. Es ist immer ein Geben und Nehmen innerhalb der Gemeinschaft.
Sie sind schon lange im Ludwigshafener Reit- und Fahrverein aktiv. Hat sich aus Ihrer Sicht die Begeisterung fürs Reiten in irgendeiner Form verändert?
Die Begeisterung war auch früher schon groß. Aber ich habe das Gefühl, dass sie heutzutage noch größer geworden ist. Gerade im Freizeitbereich.
Vielleicht, weil die Berufswelt gefühlt immer stressiger wird? Stichwort Personalmangel und Arbeitsverdichtung. Den vollen Fokus auf ein Tier zu legen und in der Natur zu sein, hilft vermutlich, sich gut zu entspannen?
Ja, das stimmt. Viele, die nach der Arbeit hier bei uns zur Tür reinkommen – und das fängt tatsächlich schon beim Wahrnehmen des typischen Stallgeruchs an – sagen: „Es fällt vieles ab.“ Hinzu kommt, dass man gedanklich wirklich sehr beim Pferd sein muss, wenn man reitet. Das ist schlicht und ergreifend ein 600-Kilogramm-Lebewesen, das es gilt zu erziehen, zu führen und zu bewegen. Und wer dann auch noch mit seinem Tier raus ins Gelände reitet, der hat wirklich schnell das sehr schöne Gefühl, sich einfach mal den Kopf freiblasen zu lassen.
Es gibt beim Ludwigshafener Reit- und Fahrverein aber nicht nur die klassischen Freizeitreiter, sondern auch hochklassige Wettkampfteilnehmer. Wer sind da zum Beispiel die größten Vorbilder für eure Nachwuchstalente?
Das ist unter anderem unsere Dominique Weber. Sie reitet die höchste Kategorie, auch international. Dominique hat mehrere Pferde, ist im Grunde fast jedes Wochenende unterwegs und hat auch schon am CHIO in Aachen oder in Mannheim am Maimarktturnier teilgenommen.
Wie schwer wiegen auch für euch als Reitverein die Entgleisungen vermeintlicher Profis, wie zum Beispiel jene der dreifachen Olympiasiegerin Charlotte Dujardin? Über sie wurde zuletzt bekannt, dass sie ein Pferd mit über 20 Schlägen gequält hat.
Reiter und Pferd: Das ist immer ein Team, das zusammenwächst. Erfolg wird man deshalb nie mit Prügel, sondern nur über kontinuierliche Arbeit hinbekommen. Aber schwarze Schafe gibt es leider überall. Gerade solch prominenten Fälle wie Charlotte Dujardin sind allerdings richtig ärgerlich – weil es direkt den ganzen Reitsport ein Stück weit in Verruf bringt. Das ist einfach wahnsinnig schade.
Wann haben Sie selbst reiten gelernt?
Oh, da war ich schon über 30 Jahre alt. Im Kopf hatte ich das schon lange vorher, aber es hat sich einfach nie ergeben. Und irgendwann hab ich dann gesagt: Ich will das jetzt unbedingt lernen.
Das heißt, auch Spätentschlossene kriegen das noch gut hin?
Ja, ich kann das aus eigener Erfahrung wirklich jedem nur empfehlen. Wir haben hier im Verein sogar eine Frau, die mit 60 Jahren noch angefangen hat. Wobei ich dazusagen muss, dass sie vom Typ her schon sehr sportlich ist. Aber klar: Wie in jedem Sport tut man sich in der Regel etwas schwerer, wenn man ihn erst in höherem Alter erlernt.
Die Angst davor, vom Pferd zu fallen, wird auch immer größer, oder?
Ja, wobei ich sagen muss, dass wir im Reitunterricht auch immer mehr Kinder haben, die ängstlich sind. Viele haben darüber hinaus auch motorische Defizite. Im Vergleich zu früheren Jahren hat das aus meiner Sicht deutlich zugenommen.
Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen?
Das fängt schon damit an, wenn ein Pferd gesattelt wird und der Sattelgurt angelegt werden soll. Viele Kinder wissen gar nicht mehr, wie eine Schnalle auf und zugemacht wird. Auch das Pferd im Winter mit einer Decke auszustatten, ist für viele eine große Herausforderung. An solchen Stellen hat sich die Situation im Vergleich schon stark verändert.
Wie lange sind Sie denn bereits die erste Vorsitzende des Ludwigshafener Reit- und Fahrvereins? Und wie kam es, dass Sie sich hier engagieren?
Ich bin hierher gekommen, weil ich ein Schulpferd des Vereins gekauft habe. Den Job der ersten Vorsitzenden mache ich jetzt seit drei Jahren, zuvor war ich zwei Jahre lang zweite Vorsitzende.
Fahren Sie denn diesen Sommer noch in Urlaub?
Nein, wir fahren immer erst im November, um dem grauen Herbst zu entfliehen.
Im Sommer sind Sie also immer in Ludwigshafen und fast jeden Tag auf der wirklich idyllischen Anlage hier in Oggersheim?
Ja, genau. Der Reit- und Fahrverein ist mein zweites Zuhause. Ich muss allerdings sagen, dass ich in Frührente gegangen bin. Neben einem ganz normalen Beruf könnte ich den Job der ersten Vorsitzenden hier nicht stemmen.
Zur Person
Martina Wolf ist seit drei Jahren die erste Vorsitzende des Ludwigshafener Reit- und Fahrvereins. Die 65-jährige Ludwigshafenerin hat das Reiten erst im Alter von über 30 Jahren gelernt und gibt heute unter anderem Kindern und Jugendlichen Vorbereitungsunterricht.
Sommer-Interview
In den Sommermonaten sprechen wir mit Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen über Gott und die Welt, über Sehnsuchtsorte, Urlaubspläne, Berufliches und ihren Bezug zur Region und zur Stadt.
Zur vorherigen Folge unserer Reihe „Sommer-Interview“ geht es hier: Wie ein Ghetto in der Bayreuther Straße verhindert werden soll.