Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Wie ein Ghetto in der Bayreuther Straße verhindert werden soll

Am Stadtrand in West entsteht derzeit die größte Notunterkunft für Flüchtlinge in Ludwigshafen
Am Stadtrand in West entsteht derzeit die größte Notunterkunft für Flüchtlinge in Ludwigshafen

Am Stadtrand in West entsteht derzeit die größte Notunterkunft für Flüchtlinge in Ludwigshafen. Gleichzeitig werden dort die Häuser für Obdachlose geräumt und abgerissen. Über die beiden Projekte hat Christiane Vopat mit Petra Kindsvater, der Geschäftsführerin der Ökumenischen Fördergemeinschaft, gesprochen.

Frau Kindsvater, glauben Sie an Geister?
Seitdem wir hier in der Geschäftsstelle sind, schon ein wenig. (lacht)

Die Ökumenische Fördergemeinschaft ist vor einem dreiviertel Jahr aus einem Büro in Mundenheim nach Friesenheim ins Max-Hochrein-Haus umgezogen. Sind Ihnen hier schon die Geister des Herzspezialisten und seiner Ehefrau Irene Schleicher-Hochrein begegnet, die hier bis Anfang der 1970er-Jahre gelebt haben?
Also ich würde sagen: Das Haus hat eine Aura. Es ist wunderbar, hier zu arbeiten. Denn der Architekt, der dieses Gebäude entworfen hat, hat viel über die Lichtverhältnisse nachgedacht. Daher sind alle Zimmer sehr hell. Fast alle Mitarbeiter haben den ganzen Tag über Sonnenlicht. Der große Garten ist so angelegt, dass man immer im Schatten sitzen und auch draußen arbeiten kann.

Petra Kindsvater
Petra Kindsvater

Sind die guten Geister der Eheleute Hochrein noch im Haus?
Wir haben hier noch viele Dokumente des Paars gefunden. Beide hatten ihr ganzes Leben darauf ausgerichtet, Menschen zu helfen. Auch auf eine intensive wissenschaftliche Art. Sie haben schon vor Jahrzehnten Krankheiten erforscht, die mit dem Thema Stress in Verbindung gebracht werden. Eins der Bücher Max Hochreins heißt zum Beispiel „Die neue Manager-Krankheit“. Der Arzt empfiehlt, dass man auch bei großem beruflichen Engagement das eigene Wohl nicht vergessen soll, um seine Gesundheit zu erhalten. Damals ein sehr progressiver Gedanke! Gleichzeitig haben die beiden hier eine Art Social Saloon abgehalten. Stets mit dem Ziel, dass es den Menschen besser geht. Das ist der Geist dieses Hauses. Das machen wir hier bis heute. Das Haus ist die Denkzentrale der ÖFG. Hier läuft alles zusammen. Hier werden die wichtigen Entscheidungen getroffen und wichtige Gespräche geführt und über das Geld entschieden. Dafür ist das ein sehr guter Ort.

Hat die ÖFG die gleichen Themen auf der Agenda, die auch dem Mediziner Max Hochrein am Herzen lagen?
Ja. Die Max-Hochrein-Stiftung hat in ihrem Stiftungszweck fast die gleichen Ziele festgeschrieben, die bei der ÖFG in der Geschäftsordnung stehen.

Seit vergangenem Herbst Sitz der ÖFG: das Max-Hochrein-Haus in Friesenheim.
Seit vergangenem Herbst Sitz der ÖFG: das Max-Hochrein-Haus in Friesenheim.

Die ÖFG engagiert sich in den Einweisungsgebieten für obdachlose Menschen in Mundenheim und West. Ist das die wichtigste Aufgabe?
Das ist eine Teilaufgabe, da liegen unsere Ursprünge. Wir haben dort ein Team mit etwa zehn Mitarbeitern. Eine zusätzliche Aufgabe ist die offene Kinder- und Jugendarbeit in den Notwohngebieten und den zwei Kindertagesstätten, die wir in der Bayreuther Straße haben. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit liegt jedoch mittlerweile in der Kinder- und Jugendhilfe. Gut die Hälfte unserer Mitarbeitenden arbeitet in der ambulanten, stationären oder teilstationären Jugendhilfe.

Sie sind seit zwei Jahren Geschäftsführerin der Fördergemeinschaft. Ein Fokus Ihrer Arbeit war schon immer die Kinder- und Jugendarbeit. Wie geht es den Kindern in den Einweisungsgebieten?
Wir begegnen hier Kindern mit einem Leben, das viele sich nicht vorstellen können. Wir feiern mit den Kleineren zum Beispiel Kindergeburtstag, weil es das in den Familien nicht gibt. Die Kinder können oft keine Freunde nach Hause einladen. Ihnen fehlt teilweise eine Ansprache für die Dinge, die sie bewegen. Dafür macht die ÖFG Angebote, damit die Kinder sich selbst erfahren können. Wir nehmen die Kinder an, so wie sie sind. Schule gelingt den Kindern noch oft im Grundschulalter, aber danach wird es schwierig. Die Jugendlichen erkennen den Wert von Bildung dann häufig nicht mehr, und viele gehen verloren. Natürlich machen wir auch Angebote für diese Zielgruppe, doch die Anstrengungen werden komplexer.

In den Einweisungsgebieten in West entsteht gerade auf einem städtischen Acker ein Containerdorf für bis zu 450 Geflüchtete. Was kommt damit nach Ihrer Einschätzung auf das Quartier in der Bayreuther Straße zu?
Die Herausforderungen sind vielfältig. Wir haben ein Konzept geschrieben, wie wir diesen Herausforderungen begegnen wollen.

Ist die ÖFG in die Vorbereitungen der Stadtverwaltung eingebunden?
Ja. Die Sozialdezernentin hat die ÖFG und andere Vertreter aus verschiedenen Bereichen der Stadt zu einem Steuerungskreis eingeladen und wir werden uns auch weiter in regelmäßigen Abständen treffen. Hier wird gemeinsam überlegt, wie wir der Situation begegnen können. Denn es geht ja nicht nur um die Unterbringung von Geflüchteten. Gleichzeitig sollen die Bewohner der Roten Blöcke in kleine provisorische Unterkünfte umgesiedelt werden, weil die maroden Häuser abgerissen und neue errichtet werden. Das passiert alles in den nächsten zwölf Monaten. Die Menschen in den Roten Blöcken leben dort teils schon seit Jahrzehnten und haben viele Möbel oder auch Haustiere. Die Frage ist: Wie kann man deren Umzug in die kleineren Unterkünfte gut gestalten? Außerdem fallen wegen der Sanierung die Räume der ÖFG weg. Unser Streetworker hat hier Räume, die sich seit Jahrzehnten als Anlaufstelle etabliert haben, auch die Streetdocs. Wir haben einen Bewohnergarten, einen beliebten Bolzplatz und eine Boulebahn, die gut genutzt wird. Da suchen wir nach Lösungen.

Die Roten Blöcke in der Bayreuther Straße werden abgerissen.
Die Roten Blöcke in der Bayreuther Straße werden abgerissen.

Wie soll das künftig weitergehen, wenn sich in dem sozialen Brennpunkt die Bewohnerzahl möglicherweise schon bald verdoppelt, weil 450 Geflüchtete in die neue Notunterkunft einziehen?
Genau darüber reden wir im Steuerungskreis der Sozialdezernentin. Es gab bisher zwei Treffen, der dritte Termin steht. Alle Beteiligten haben sich offen gezeigt, dass wir den Menschen würdevoll begegnen und eine soziale Teilhabe ermöglichen wollen.

Schaffen Sie das mit dem aktuellen Team vor Ort, oder brauchen Sie dafür mehr Personal?
Wir bekommen zusätzliche Mittel der Stadt, um weitere Sozialarbeiter zu finanzieren. Das Geld wollen wir nutzen, um die Stellenanteile von versierten Mitarbeitern, die schon vor Ort arbeiten, zu erhöhen. Das Repaircafé, das bisher erfolgreich ehrenamtlich geführt wurde, bekommt auch ein kleines Deputat. Eine erfahrene Mitarbeiterin aus Mundenheim wechselt in die Bayreuther Siedlung. So können wir die Personaldecke verstärken. Zudem planen wir Kunst- und Kulturangebote für den Stadtteil. Auch andere Akteure wie etwa die Kirchen sind in dem Gebiet aktiv. Viele helfen mit. Alle Aktiven werden zu einem „erweiterten“ Steuerungskreis regelmäßig zusammenkommen. Beim ersten Treffen dieses erweiterten Steuerungskreises hatten sich 25 Teilnehmende angemeldet, und knapp 40 Interessierte sind am Ende gekommen. Für mich ein deutliches Zeichen des Kooperationswillen aller Beteiligten.

Ist die Willkommenskultur also noch lebendig in Ludwigshafen?
Ich würde es nicht Willkommenskultur nennen. Es geht darum, allen Menschen in dem Gebiet mit ihren Sorgen und Nöten zu begegnen und die soziale Teilhabe fördern zu wollen.

Die neue Notunterkunft für 450 Geflüchtete ist die größte in Ludwigshafen. Entsteht da ein Ghetto?
Das wollen wir verhindern! Der erweiterte Steuerungskreis will die etablierten Angebote für alle Menschen öffnen, die kommen. Die Mitarbeiter der Abteilung Asyl sollen die Geflüchteten dahingehend beraten, dass sie auf die Angebote in der Nachbarschaft verweisen. Es gibt zum Beispiel im Umfeld drei Kleiderkammern. Es wurden viele verschiedene Ideen und bestehende Angebote gesammelt – diese werden im nächsten Schritt geprüft und weitergedacht.

Wie viele Menschen werden denn zunächst in das neue Containerdorf einziehen?
80 bis 100 Menschen ziehen Ende August von der Notunterkunft in der Walzmühle nach West um. Inklusive Sozialarbeiter und Büro. Welche Menschen danach in die Unterkunft eingewiesen werden, das ist derzeit noch offen.

Wie weit geht in Ludwigshafen die Schere zwischen Arm und Reich auseinander?
Die Schere geht immer weiter auseinander. Es gibt zum Beispiel eine Familie, die lebt in den Büschen der Bayreuther Siedlung, weil ihre Wohnung voller Schimmel ist. Es wird immer schwieriger, sich mit der Sozialhilfe über Wasser zu halten. Und je ärmer ich bin in Deutschland, je schlechter geht es mir gesundheitlich. Es gibt Menschen in den Obdachlosenwohnungen, die wegen Beeinträchtigungen seit Jahren nicht mehr draußen waren und sehr einsam sind. Das sind Situationen, die wir uns nicht vorstellen können. Das Gesundheitssystem entlässt Menschen etwa nach Amputationen schon nach wenigen Tagen in die Notunterkünfte. Es gibt keinen Pflegedienst, der in die Einweisungsgebiete fährt.

Was wünschen Sie sich für die kommenden Monate, um die neuen Aufgaben gut bewältigen zu können?
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Teams, die schon lange zusammenarbeiten, den Menschen in den Einweisungsgebieten am besten helfen können. Die leere Stadtkasse, der Fachkräftemangel und die stets befristeten Projektgelder machen mir große Sorgen. Daher wünsche ich mir, dass Projektgelder über deutlich längere Zeiträume vergeben werden. Denn nur so können wir die soziale Arbeit vor Ort langfristig sichern. Langjährige, gewachsene Teams machen eine wahnsinnig hohe Qualität aus. Das zeichnet die Arbeit der Fördergemeinschaft in vielen Projekten aus. Dafür brauchen wir eine auskömmliche Finanzierung.

Was machen Sie, um auch an heißen Tagen einen kühlen Kopf zu bewahren?
(Lacht) Zitronenwasser trinken, zweimal die Woche frühschwimmen im Willersinnfreibad, und dreimal die Woche renne ich durch den Wald. Dann geht das.

Zur Person

Die 53-jährige Diplompädagogin ist seit Sommer 2022 Geschäftsführerin der Ökumenischen Fördergemeinschaft Ludwigshafen (ÖFG). In ihrer Heimatstadt Koblenz hat sie sich schon als Jugendliche in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit engagiert. In Trier studierte sie dann zunächst Mathematik, sattelte jedoch schnell auf Pädagogik um. In ihrer Diplomarbeit widmete sie sich Fragen der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Ludwigshafen. Denn in der Chemiestadt hatte die Diplompädagogin ihre erste Stelle bei der Verwaltung angetreten. Während ihrer beruflichen Laufbahn bildete sie sich weiter in Systemischer Organisationsentwicklung und studierte Betriebswirtschaft für Sozialunternehmen.

Zur Sache: Sommer-Interview

In den Sommermonaten sprechen wir mit Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen über Gott und die Welt, über Sehnsuchtsorte, Urlaubspläne, Berufliches und ihren Bezug zur Region und zur Stadt.

Bis zu 450 Menschen sollen in das Containerdorf für Flüchtlinge in der Bayreuther Straße einziehen.
Bis zu 450 Menschen sollen in das Containerdorf für Flüchtlinge in der Bayreuther Straße einziehen.
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