Ludwigshafen
Experte zum Tod eines Vierjährigen im Freibad: „Kinder niemals aus den Augen lassen“
Herr Nagel, die DLRG Ludwigshafen-Oggersheim war am besagten Sonntag im Freibad im Einsatz. Waren Ihre Kräfte in den Vorfall involviert?
Ja. Über die Sommermonate sind unsere Rettungsschwimmer am See des Freibads stationiert. Je nach Wetter und Besucheraufkommen, stellen wir den Sanitätsdienst und unterstützen gegebenenfalls auch mit weiterem Personal in der Beckenlandschaft. Am 24. Mai waren vier Kräfte von uns vor Ort, ein Kollege war direkt in den Einsatz eingebunden.
Wie haben Ihre Helfer den Vorfall erlebt?
Natürlich belastet so etwas die Kollegen. Der Sanitäter, der Dienst hatte, ist auch Einsatztaucher und kennt solche Situationen grundsätzlich. Aber wenn ein kleines Kind betroffen ist, macht das die Sache noch einmal schwieriger.
Warum passieren solche Unglücke immer wieder?
Bei Jugendlichen oder Erwachsenen ist es oft Leichtsinn: Selbstüberschätzung, Alkohol, Sprünge ins Wasser, ohne zu wissen, wie tief es dort ist. Bei kleinen Kindern kommt die Unachtsamkeit der Erwachsenen hinzu. Kinder werden vom Wasser magisch angezogen.
Viele stellen sich Ertrinken laut und dramatisch vor. Ist das ein Irrtum?
Ja. 80 Prozent ertrinken tatsächlich sehr still, ohne einen Ton zu sagen. Das, was man aus Filmen kennt – Schreien und wildes Armrudern – ist eher selten. Wer wirklich keine Kraft mehr hat oder Kreislaufprobleme bekommt, geht oft leise unter. Genau das macht es auch für das Aufsichtspersonal so schwierig.
Können mehr Rettungsschwimmer solche Unfälle verhindern?
Man kann Risiken minimieren, aber nie komplett ausschließen. Die Städte suchen schon heute händeringend nach Rettungsschwimmern. Aber man kann nicht für jeden Badegast jemanden danebenstellen. Die Aufsichtspflicht liegt nicht bei der Wasserrettung, sondern bei den Eltern beziehungsweise den Begleitpersonen.
Wird die Gefahr von vielen Eltern unterschätzt?
Definitiv ja. Viele verlassen sich darauf, dass sich schon jemand kümmern wird. Aber wenn Eltern zwar mit im Freibad sind, ihre Kinder dort aber nicht im Blick behalten, hilft das am Ende auch nichts.
Welche Regeln sollten Familien unbedingt beachten?
Kinder niemals aus den Augen lassen. Auf Alkohol verzichten. Und die Baderegeln auch als Erwachsener einhalten. Damit lässt sich das Risiko deutlich reduzieren.
Viele Menschen zieht es bei Hitze auch an Seen. Was ist gefährlicher – Freibäder oder Badeseen?
Pauschal gesagt: unbewachte Gewässer. In Freibädern oder bewachten Seen gibt es Personal, das im Notfall eingreifen kann. An unbewachten Seen muss man hoffen, dass überhaupt jemand helfen kann und weiß, wie das geht.
Welche Risiken werden an Seen unterschätzt?
Viele Seen in der Region sind ehemalige Kiesgruben. Dort liegen teilweise noch Beton- oder Stahlteile im Wasser. Wer hineinspringt, riskiert schwere Verletzungen. Dazu kommen kaltes Wasser, Kreislaufprobleme, Alkohol oder Pflanzenbewuchs.
Beobachtet die DLRG Veränderungen bei Kindern und Jugendlichen?
Ja. Kinder brauchen heute deutlich länger, bis sie schwimmen lernen. Früher haben wir vielleicht 15 Abende gebraucht, bis Kinder das Seepferdchen geschafft haben, heute oft 25 oder mehr.
Woran liegt das nach Ihrer Einschätzung?
Viele Kinder müssen erst an Wasser gewöhnt werden. Manche trauen sich nicht einmal, das Gesicht unter Wasser zu nehmen. Das kostet enorm viel Zeit. Früher haben Eltern solche Dinge häufiger selbst mit ihren Kindern geübt.
Wie viele Kinder können überhaupt sicher schwimmen?
Laut DLRG können nur knapp 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen sicher schwimmen. Als „sicherer Schwimmer“ gilt dabei mindestens das Bronze-Abzeichen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Rund 40 Prozent können es nicht.
In sozialen Netzwerken wird nach dem Vorfall im Ludwigshafener Freibad viel diskutiert. Es gibt Spekulationen und Gerüchte. Was möchten Sie klarstellen?
Dass man Risiken nie komplett ausschließen kann, weder im Straßenverkehr noch im Wasser. Wichtig ist mir aber auch: Nach allem, was wir wissen, hat das Aufsichtspersonal im Freibad professionell gehandelt. Die Polizei hat uns bestätigt: Es lief alles so, wie es sein muss.
Zur Sache: Der Fall vom 24. Mai
Der Tod eines vierjährigen Jungen am Pfingstsonntag im Freibad am Willersinnweiher hat in Ludwigshafen große Betroffenheit ausgelöst. Die Obduktion ergab laut Staatsanwaltschaft und Polizei als Todesursache ein „zentrales Regulationsversagen, vermutlich durch Ertrinken“. Die Ermittlungen sind aber noch nicht abgeschlossen. Vor allem in den sozialen Netzwerken wird wild spekuliert und gemutmaßt. Noch ist allerdings unklar, in wessen Begleitung der Junge im Freibad war, ob es eine Verletzung der Aufsichtspflicht gab und unter welchen genauen Umständen das Unglück passiert ist. Entsprechende Anfragen der RHEINPFALZ hat die Staatsanwaltschaft bisher mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen noch nicht beantwortet. Der zuständige Dezernent Lars Pletscher (CDU) sprach gegenüber der RHEINPFALZ von einem „tragischen Unfalltod“.