Ludwigshafen
Europa-Union Ludwigshafen: Ein kleiner Kreis mit großen Zielen
Alles begann mit einer dramatischen Lovestory: Göttervater Zeus verliebte sich in eine phönizische Königstochter mit Namen Europa, entführte sie in Gestalt eines weißen Stieres in seine Heimat Kreta und machte sie zur Urmutter eines ganzen Kontinents. Die mythische Gestalt der griechischen Sagenwelt wurde damit Namensgeberin eines modernen Staatenbundes aus mittlerweile 27 Ländern.
Begleitet wurde in der Bundesrepublik das Entstehen dieses Staatenbundes durch die größte Bürgerinitiative, die sich unabhängig von Partei, Alter oder Beruf für die europäische Einigung einsetzt: Die am 9. Dezember 1946 in Syke/Niedersachsen gegründete Europa-Union (EU), die von prominenten Präsidenten geleitet wurde – unter anderem von dem Publizisten Eugen Kogon (1903-1987), Bundespräsident Walter Scheel (1919-2016) und dem CDU-Politiker Egon Klepsch (1930-2010).
Mehr als 250 Kreis- und Ortsgruppen der Europa-Union mit rund 17.000 Mitgliedern gibt es heute in Deutschland – eine von ihnen führt in Ludwigshafen seit Jahrzehnten eine Art Schattendasein: „Wir haben etwa 30 bis 35 Mitglieder“, beschreibt der 67-jährige SPD-Stadtrat Holger Scharff die bescheidene Ludwigshafener Zweigstelle dieser bundesweit größten demokratisch organisierten und lokal verwurzelten Organisation. Seit 1982 gehört Scharff der Europa-Union an – seit 1986, und damit ununterbrochen seit 38 Jahren, ist er EU-Kreisvorsitzender. Außerdem gehört er seit 1996 als Schatzmeister des EU-Landesverbandes dem rheinland-pfälzischen EU-Vorstand an. Viel Geld muss er nicht verwalten: Die rund 1200 Mitglieder in Rheinland-Pfalz zahlen monatlich einen Beitrag von nur fünf Euro, von denen etwa zwei Drittel an die Bundesorganisation abgegeben werden müssen.
EU hat wenig lokale Bezüge
Aber warum hört und sieht man so wenig von der Europa-Union und ihrem Ludwigshafener Kreisverband „vor Ort“? Für Scharff ist das kein großes Geheimnis: „Für die EU gibt es keine lokalen Bezüge. Wir veranstalten – angestoßen von oben – allenfalls einmal einen europäischen Wettbewerb in den Schulen.“ So wurden gelegentlich EU-Repräsentanten an 30 bis 50 Schulen im Land pro Jahr entsandt, um dort über das Geschehen und die Probleme von Europa zu berichten. „Es ist auf lokaler Ebene sehr schwer, die EU ins Rampenlicht zu rücken. Dabei gäbe es sehr viele wichtige Themen, die man ansprechen müsste, um Verständnis für viele auch umstrittene Entscheidungen in den EU-Gremien in Brüssel oder Straßburg zu wecken.“ Hinzu kommt eine gewisse Abgeordneten-Ferne zur Wählerschaft: „Unsere pfälzische EU-Abgeordnete Christine Schneider aus Neustadt ist ungemein fleißig – aber überwiegend eher für Themen der Landwirte und Winzer. Damit können wir in Ludwigshafen kaum punkten.“
Scharff möchte die EU in Ludwigshafen besser in den Blickpunkt rücken, „aber das ist kompliziert: Wir können eigentlich nur über den Landesverband und von dort über den Bundesverband sichtbar in Erscheinung treten.“ Sein Wunsch für die Ludwigshafener EU: Mehr Mitglieder, um nicht quasi in einem familiären Kreis zu argumentieren, sondern auch breit gestreut in sozialen Fragen mehr Gewicht zu bekommen. Man wolle auch in Ludwigshafen „die EU im Gespräch halten“ und vor allem ihre Gefährdung durch den Rechtsruck in Ländern wie Ungarn und Italien und Polen zum Thema machen.
Fast unbemerkt kam kürzlich in die Mitgliederentwicklung des Ludwigshafener EU-Kreisverbandes etwas Bewegung. So ist Scharff stolz darauf, dass mit Daniel Schneider-Geyer, dem Kreisgeschäftsführer des VdK, ein weiterer Mitstreiter für das „Ziel Vereinigte Staaten von Europa“ gewonnen wurde. Scharff betont: „Es könnten aber durchaus mehr sein – schließlich ist die Schaffung eines geeinten Europa ein historischer Vorgang, der uns alle angeht.“