Ludwigshafen
„Lieber unter der Brücke“: So schlimm ist die Lage in Ludwigshafens Problemvierteln
In der Bayreuther Straße bekommt man schnell eine Ahnung davon, wie belastend das Leben in den städtischen Einweisungsgebieten sein kann. Die Zimmer sind klein, schlecht isoliert, Rollläden fehlen, es gibt Ungeziefer wie Bettwanzen und Kakerlaken. Die Bewohner kämpfen mit Stigmatisierung und Armut. Wenn man einmal drin ist, ist es schwer, wieder herauszukommen. Unter solchen Bedingungen entstehen psychische Belastungen nicht nur leicht – sie bleiben oft auch unbehandelt.
Genau an diesem Punkt setzt seit fünf Jahren das Projekt Street Doc Mental an. Die beiden Fachkräfte Anja Schlößer und Daniel Eisenhut vom Krankenhaus zum Guten Hirten bieten gemeinsam mit der Gemeinwesenarbeit (GWA) niedrigschwellige sozialpsychiatrische Beratung direkt in den Quartieren an, wo Menschen von der Stadt einquartiert werden, die ansonsten auf der Straße landen würden. Die Beratung ergänzt das bekannte ehrenamtliche medizinische Projekt der Streetdocs, das bereits seit 13 Jahren kostenlose Versorgung für Menschen ohne Krankenversicherung in Ludwigshafen anbietet. Ärzte, Zahnärzte und Helfer behandeln dort, wo die Not am größten ist – direkt in den Einweisungsgebieten. Tausende Behandlungen wurden so bereits ermöglicht.
Über psychische Probleme zu sprechen, fällt vielen schwer
Doch vor allem am Anfang war der Zugang zu den Menschen schwer, sagen die beiden Fachkräfte. „Wenn wir wie die anderen eine Sprechstunde eröffnet hätten, wäre niemand gekommen“, weiß Schlößer. Über psychische Probleme zu sprechen, fällt vielen schwer. Gerade auch bei Themen wie Alkoholmissbrauch. Deshalb dockten die beiden zunächst an die bestehende Essensausgabe an. Auch hier mussten sie klein anfangen, sagt Schlößer. Sie grüßten, waren präsent, kamen auch über ungewöhnliche Wege wie eine Zigarette ins Gespräch. Langsam wuchs Vertrauen – und damit die Möglichkeit, über seelische Belastungen zu sprechen. Doch damit endet es nicht. „In Kontakt kommen ist schwierig, in Kontakt bleiben aber auch“, beschreibt die Ärztin die Herausforderung.
Das Projekt, das mit Hilfe einer Förderung der BASF entstanden ist, schließt eine Versorgungslücke. Menschen mit schweren psychischen Problemen, die sich keine Therapie leisten können oder den Zugang zum Gesundheitssystem verloren haben, erhalten hier professionelle Hilfe – ohne Terminzwang, ohne Bürokratie, ohne Schwellenangst.
516 Menschen leben in den Einweisungsgebieten
Im Sozialausschuss stellten Schlößer und Eisenhut ihr Projekt vor – und machten dabei auch deutlich, wie dringend sich die Wohnsituation für die Betroffenen ändern muss. Denn die Verhältnisse sind schlimm. „Manche haben mir schon gesagt, sie schlafen lieber unter der Brücke als in die Bayreuther zu kommen“, sagt Schlößer.
516 Menschen leben derzeit in den Einweisungsgebieten, sagte Sozialdezernent David Guthier (SPD) während der Ausschusssitzung. In der Kropsburgstraße in Mundenheim West sollen 31 Wohnungen saniert werden, in der Bayreuther Straße stehen noch größere Arbeiten an. Bis Ende des Jahres sollen Ausweichquartiere fertig sein, dann werden die Bewohner umziehen, ein Teil der alten Blöcke wird abgerissen und komplett neu errichtet. Das Projekt ist schon mehrfach verschoben worden. Nun soll es aber Fahrt aufnehmen. Bis Ende 2029 soll alles abgeschlossen sein. Guthier betonte aber angesichts der Vorgeschichte, dass die Zuständigkeit beim Bauausschuss liege.
Das Bauprojekt in dem sozialen Brennpunkt besteht aus drei Teilen: Zunächst sollen im Umfeld der Blöcke Ausweichquartiere für die Bewohner errichtet, dann die alten roten Häuser abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Wenn die neuen Quartiere bezogen werden können, sollen die Weißen Blöcke saniert werden – dafür werden die Ausweichquartiere ebenfalls benötigt, die in Containerbauweise auf zwei Flächen entstehen: zwischen den Roten und Weißen Blöcken und auf einem Bolzplatz.