Ludwigshafen
Auf der Flucht vor dem Ex-Mann: Eine Frau in Todesangst
Samira ist immer besonders vorsichtig. Die Mittdreißigerin trägt tatsächlich einen anderen Namen, sie will nicht erkannt werden. Dass sie ihre Geschichte, in der der Begriff Ehre eine Hauptrolle spielt, in die Öffentlichkeit trägt, würde ihr ihre Familie, allen voran ihr früherer Ehemann, nicht verzeihen. Und es würde ihre schwierige Lebenssituation noch schlimmer machen, als sie schon jetzt ist, glaubt die junge Frau. Sie lebt in Todesangst.
Samiras Geschichte beginnt im Norden, in einer kleinen Stadt am Meer. Sie ist drei Jahre alt, als ihre Familie aus dem Libanon nach Deutschland kommt. Und obwohl sie in Deutschland aufwächst, die Schule besucht, Freunde findet, gelten in der Familie weiterhin die gleichen Regeln wie in der arabischen Welt. Die Familienehre ist wichtiger als alles andere. Dass Samira niemals einen Deutschen heiraten kann, steht fest. Dass Ehen unauflöslich sind, ist ebenfalls ein Gesetz. Männer arbeiten und haben das Geld, Frauen kümmern sich um das Haus und die Kinder, so beschreibt sie die Atmosphäre ihrer Kindheit und Jugend.
Mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus
Als Teenager lernt sie ihren späteren Ehemann kennen. Viel Zeit hat sie dazu nicht, denn das gehört sich ja nicht in der Welt ihrer Familie. Also wird das junge Paar schnell verheiratet. Samiras ältester Sohn ist mittlerweile 17 Jahre alt, danach brachte sie noch vier weitere Kinder auf die Welt. „Am besten in jedem Jahr ein Kind“, so die Erwartung der Familie und des Ehemannes. Heute wählt sie dafür das Wort „Unterdrückung“. Daraus hat sich sie sich befreit – und bezahlt dafür einen hohen Preis.
Von jungem Glück hat sie in ihrer Partnerschaft nicht viel gespürt. Samiras Ehemann verliert schnell und oft die Kontrolle. „Dann hat er alles kurz und klein geschlagen.“ Anfangs zerlegt er die Möbel, dann zertrümmert er die Gläser und das Porzellan, und schließlich trifft die Gewalt des Familienoberhaupts auch die junge Mutter. Sogar vor den Augen der Kinder habe er sie geschlagen und schwer verletzt, schildert sie ihren Leidensweg. Ihre Kopfverletzungen mussten im Krankenhaus behandelt werden. Eines Tages habe sie den Entschluss gefasst, dass sie so nicht mehr leben möchte.
Kampf um die Töchter
Weder ihre eigene Familie noch die Familie des Ehemannes und am allerwenigstens ihr Mann selbst haben Verständnis für den Wunsch der Frau, sich zu trennen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Denn das verletze die Familienehre. Sogar der älteste Sohn erhebt die Hand gegen die Mutter, weil der Vater ihn dazu beauftragt habe. Die Familie und ihr Mann hätten sie am Ende mit dem Tod bedroht. Daher entschließt sich Samira zur Flucht, die sie zunächst mit wenigen Habseligkeiten nach Ludwigshafen führt – ohne ihre Kinder.
Aus der Entfernung kämpft sie nun darum, sich ein neues Leben aufzubauen – und um ihre Töchter. Samira befürchtet, dass ihre Söhne durch den Einfluss des Vaters und der Familie schon bald ihre eigenen Frauen ebenso behandeln werden, wie sie es in ihrer Familie alltäglich erleben. Ihr ältester Sohn sei gerade erst von der Schule geflogen, weil er den deutschen Freund seiner Cousine verprügelt habe.
Als schlechte Mutter abgestempelt
Im Umgang mit Familiengerichten und Jugendämtern hat Samira es nach ihren Angaben schwer. Denn nicht wenige Mitarbeiter werfen ihr vor, nicht nur ihren Mann, sondern auch ihre Kinder verlassen zu haben. Sie werde als schlechte Mutter abgestempelt. Dabei gebe es Zeugen, die bestätigten, dass es den Mädchen nicht gut geht, dass der Vater nicht gut für sie sorge.
Ein Happy End ist in Samiras Geschichte noch nicht in Sicht.
Aber die junge Frau hat in Ludwigshafen Helferinnen gefunden. Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle Solwodi unterstützen Samira bei ihrem Kampf um die Töchter. Außerdem haben sie in ihren ersten Wochen in der Pfalz finanzielle Unterstützung organisiert und Samira kurzzeitig sogar in einem Hotel untergebracht und bei der Wohnungssuche geholfen.
Solwodi: Solidarität mit Frauen in Not
Solwodi steht für „Solidarity with Women in Distress“ (Solidarität mit Frauen in Not) und setzt sich für die Rechte von vor allem ausländischen Frauen in Deutschland ein, die Not und Gewalt erfahren haben: Seien es Opfer von Menschenhandel, sexueller Ausbeutung und Prostitution, Zwangsheirat oder sonstiger Gewalt. Die betroffenen Frauen werden von erfahrenen Sozialarbeiterinnen begleitet. Diese bieten psychosoziale Betreuung, organisieren medizinische oder juristische Unterstützung, helfen bei der Wohnungs- und Arbeitssuche oder vermitteln Deutschkurse und berufsqualifizierende Maßnahmen. Die Betreuung ist immer auf die spezifischen Bedürfnisse und individuelle Situation der jeweiligen Klientin und ihrer Kinder ausgerichtet.
Die Beratungsstelle in der Ludwigshafener Innenstadt hat ein großes Einzugsgebiet: Sie ist für Frauen von Worms über die gesamte Vorderpfalz bis nach Kaiserslautern und in den Rhein-Neckar-Kreis zuständig. 104 Anfragen von Frauen in Not haben die Mitarbeiterinnen in diesem Jahr bereits bearbeitet. In vielen Fällen spielt Gewalt im Namen der Ehre eine wichtige Rolle. Weitere Beratungsstellen gibt es in Koblenz und Mainz. Deutschlandweit bietet Solwodi sechs Schutzeinrichtungen für bedrohte Frauen an.
Gewalt gegen Frauen nimmt zu
Gewalt in Partnerschaften ist in Deutschland nach Angaben des Zonta-Clubs zuletzt wieder deutlich gestiegen: Pro Stunde übten im vergangenen Jahr mehr als 13 Männer Gewalt gegen ihre Partnerin aus. Jeden zweiten bis dritten Tag tötet ein Ehemann oder (Ex-) Lebenspartner seine Frau. Laut Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) hatte die Gewalt gegen Frauen im privaten Umfeld bereits zwischen 2014 und 2019 um 11,2 Prozent zugenommen. Der BKA-Bericht 2020 verzeichnet einen erneuten Anstieg der zur Strafanzeige gebrachten Partnerschaftsgewaltdelikte gegen Frauen um 3,7 Prozent. Im Jahr 2020 wurden 139 Frauen Opfer von partnerschaftlicher Gewalt mit tödlichem Ausgang. 2019 waren es 117. 119.164 Fälle von Partnerschaftsgewalt gegen Frauen zählt die BKA-Statistik für 2020, gegenüber 114.903 Fällen im Jahr 2019. 51,5 Prozent der von Partnerschaftsgewalt Betroffenen lebten mit dem Partner in einem Haushalt.
Bei diesen Zahlen handelt es sich nur um das sogenannte Hellfeld. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher, denn noch immer lassen die Kontrolle durch den Partner und die Angst davor, etwa ihre Kinder zu verlieren, die Betroffenen davor zurückschrecken, sich die notwendige Hilfe zu holen.
Noch Fragen?
Nähere Informationen über die Beratungsstelle Solwodi in Ludwigshafen gibt es im Netz: www.solwodi.de.