Mannheim
Eine Bombe für den Frieden im Mannheimer Zeughausgarten
„Stell dir vor, alle Bomben wären aus Papier…“ Diesen Ansatz verfolgt die Künstlerin Nessi Nezilla mit ihren Paperbombs. Die Skulptur ist friedlich weiß, wirkt monumental und doch zerbrechlich. Ganz fragil, als wäre sie tatsächlich aus Papier. Dabei sind die von der Sinsheimer Künstlerin geschaffenen Papierbomben aus festem Metall. Und verkörpern auch die Brutalität des Krieges. An Orten in Frankreich, die während des Ersten und Zweiten Weltkriegs Schauplatz von Massakern und Verbrechen waren, sind ihre symbolischen Plastiken bereits dauerhaft installiert. Und nun auch erstmals auf deutschem Boden.
Anlässlich des Europatags wurde im Zeughausgarten der Reiss-Engelhorn-Museen zur Enthüllung ein kleines Fest des Friedens und der Freundschaft gefeiert. Zwar hat der ehemalige französische Präsident François Hollande zehn Tage zuvor seine Teilnahme abgesagt. Dafür hat der veranstaltende Salon Diplomatique mit Pierre Lévy einen adäquaten Ersatz gefunden. Der französische Spitzendiplomat war Botschafter in Tschechien, Polen und von 2020 bis 2024 in Russland. In Anerkennung seiner außergewöhnlichen Verdienste wurde er zum „Ambassadeur de France“ ernannt – die höchste persönliche Auszeichnung im französischen Diplomatendienst.
Geste der Versöhnung
Vor der Enthüllung trug er sich ins Goldene Buch der Stadt ein, besuchte die Ausstellung „Gegen das Vergessen“ am Wasserturm und sprach mit über 300 Schülern über Politik, die Lage der Welt, die deutsch-französischen Beziehungen – und natürlich auch über Russland. „Ich komme von einem anderen Planeten. In Moskau werden Geschichte und Erinnerung manipuliert“, sagt er nun auf Deutsch. Nezillas Skulpturen jedoch seien ein Symbol für das kollektive Erinnern und somit ein Weg in die Zukunft.
Marion Gentges (CDU), Ministerin für Justiz und Migration Baden-Württemberg, blickte zunächst in die Vergangenheit. Am Hartmannswillerkopf in den Südvogesen erinnert eine Paperbomb an die grausamen Kämpfe zwischen deutschen und französischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. „Er wurde für beide Seiten zum Berg des Todes. Die Plastik gibt der Erinnerung eine Form, die in die Zukunft wirkt, sie ermöglicht ein Gedenken ohne Ländergrenzen. Friede und Freundschaft sind ein Segen, aber nicht selbstverständlich. Sondern so zerbrechlich, wie das Papier, aus denen die Paperbombs zu seien scheinen“, betonte Gentges.
Angehöriger kommt
Auch in Tulle, wo bei einem Massaker am 9. Juni 1944 vermutlich 99 Menschen von der deutschen Waffen-SS erhängt wurden, erinnert eine Paperbomb an die Gräuel. „Sie steht an Standorten, wo die deutsch-französische Geschichte schwarze Flecken hat“, sagte Oberbürgermeister Christian Specht (CDU). Das Kunstwerk zwinge einen fast schon dazu, sich mit der Historie zu beschäftigen. „Wer vor der Vergangenheit die Augen schließt, wird blind für die Gegenwart“, zitierte Specht den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (CDU).
Roland Gonieau dagegen hat nie weggeschaut. Als Präsident des Comité des Martyrs gehört er einer kleinen Delegation aus Tulle an. Sein Vater war einer der Überlebenden des Massakers und habe seinen Sohn dazu aufgefordert, die deutsche Sprache zu lernen. 81 Jahre später kommt er als Freund, mit ausgestreckter Hand. In Frankreich, Polen und Italien sollen weitere Paperbombs als Mahnmal für den Frieden entstehen. Die Skulptur in Mannheim im Zeughausgarten im C5 wurde aus privaten Spenden des Mannheimer Salon Diplomatique finanziert.
Zur Sache
Die deutsch-italienische Künstlerin Nessi Nezilla nimmt mit ihren gefaltet wirkenden Paperbombs auf Sadako Sasaki Bezug. Die Japanerin war eine Hibakusha, eine Überlebende der Atombombenabwürfe auf Hiroshima. Zehn Jahre nach den Bombenangriffen der USA erkrankte sie als Zwölfjährige an Leukämie. Getragen von der Legende, für das Falten von 1000 Origami-Kranichen einen Wunsch erfüllt zu bekommen, soll sie in einem Krankenhaus in wenigen Monaten 1600 Papiervögel gefaltet haben. Und doch wurde ihr Wunsch nicht erfüllt, sie starb als Zwölfjährige.