Mannheim / Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Eine Amokfahrt und ihre Folgen: Wie Kliniken, Geschäftsleute und andere Helfer reagierten

Nach getaner Arbeit: Einsatzkräfte auf dem Weg zur Andacht in der Konkordienkirche.
Nach getaner Arbeit: Einsatzkräfte auf dem Weg zur Andacht in der Konkordienkirche.

Im Job alles geben oder einfach nur menschlich sein: Mannheim hat in der Krise großen Zusammenhalt bewiesen.

Eine 83-jährige Frau und ein 54 Jahre alter Mann sind bei der Amokfahrt eines Ludwigshafeners durch die Mannheimer Fußgängerzone ums Leben gekommen. 14 Menschen haben Verletzungen davongetragen. Hinzu kommen viele, die zwar körperlich unversehrt geblieben sind, aber das grauenvolle Ereignis hautnah miterlebt haben. Nicht wenige von ihnen haben sich voller Panik in Geschäfte geflüchtet, andere bekommen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Das ist die eine Seite. Die andere: Es gibt viele Beispiele für den engagierten Einsatz von Menschen, die in einer Extremsituation ihren Job gemacht haben oder einfach nur helfen wollten.

Auf einen Ausnahmezustand hat sich zum Beispiel das Mannheimer Universitätsklinikum vorbereitet. Am Montag um 12.20 Uhr, also wenige Minuten nachdem der Mann seinen Kleinwagen in mehrere Menschengruppen auf den Planken gesteuert hat, ging dort der Alarm der Integrierten Leitstelle ein. Die Nachricht: eine mögliche Masse von Verletzten nach „einer Schadenslage in der Mannheimer Innenstadt“. Für solche Fälle greift ein Katastrophen- und Einsatzplan, um die Versorgung der Opfer vorzubereiten. Das Krankenhaus bildete acht sogenannte Traumateams. Operationen, die noch nicht begonnen hatten und verschoben werden konnten, wurden vom OP-Plan genommen, um zusätzliche Kapazitäten zu schaffen, wie das Klinikum mitteilte. Weitere Vorbereitungen seien auf den Intensivstationen getroffen worden. In der Cafeteria wurde laut Klinikum eine Notfallbetreuung eingerichtet – unter anderem durch die Klinikseelsorge.

Kind aus Klinikum entlassen
Im Klinikum wurden drei Verletzte behandelt.
Im Klinikum wurden drei Verletzte behandelt.

„Zum Glück ist die befürchtete Masse von Verletzten ausgeblieben“, sagt ein Klinikum-Sprecher. Drei Patienten, zwei Erwachsene und ein Kind, seien am Montagnachmittag „akutmedizinisch“ versorgt worden. Die beiden Erwachsenen seien immer noch im Krankenhaus, das zweijährige Kind dagegen sei am Mittwoch entlassen worden.

Im Theresienkrankenhaus auf der anderen Seite des Neckars sind sieben Menschen behandelt worden, die auf den Planken Verletzungen erlitten. Wie die Klinik weiter mitteilte, gibt es auch dort einen Katastrophen- und Einsatzplan für solche Fälle. Die Zentrale Notaufnahme sei in kürzester Zeit mit über 40 Ärzten und Pflegekräften vorbereitet worden. Drei Schockraum- und viele weitere Behandlungsteams seien bereit gestanden. Mehrere OP-Säle seien freigehalten worden. Ein Saal, der sonst für Veranstaltungen genutzt werde, sei in ein Notfallzentrum umgewandelt worden. „Neben körperlichen Folgen hatten viele der sieben Patienten auch erheblichen Gesprächsbedarf, um das Erlebte einzuordnen“, hieß es weiter. Operationssäle seien Schritt für Schritt freigemacht worden. Alle sieben Patienten seien mittlerweile nach Hause entlassen worden.

Eine weitere Verletzte wurde in der BG Unfallklinik aufgenommen. Laut einer Sprecherin schwebt die Frau nicht in Lebensgefahr, wird aber noch ein paar Tage in dem Ludwigshafener Krankenhaus bleiben müssen. Weitere Angaben zur Art der Verletzungen machte sie nicht.

Geschäfte als Schutzräume

Viele, die das Unglück unverletzt miterlebt haben, suchten in umliegenden Geschäften Schutz. „Ich hatte Pause und war draußen. Dann bin ich selber gerannt“, erzählt Kamps-Mitarbeiterin Emmanuella Ulus. Wovor sie wegrannte, wusste sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht. „Ich bin einfach mitgerannt.“ In der Bäckerei kümmerten sie und ihre Kollegen sich um eine aufgelöste Passantin. „Sie hat alles gesehen“, erzählt Ulus.

Ayleen Mazzero arbeitet seit drei Wochen in einem Tabakladen auf den Planken. „Wer weiß, was passiert wäre, wenn ich rüber zum Bäcker gegangen wäre“, sagt sie und will sich das Szenario gar nicht ausmalen. Ein Kollege sei mit einer jungen Frau in den Laden gekommen, erzählt die 23-Jährige weiter. Die Frau habe unter Schock gestanden, sie habe die Katastrophe direkt mitangesehen. „Mein Kollege hat mir ihr gesprochen, sie war ungefähr 15 Minuten hier, hat etwas getrunken“, sagt Ayleen Mazzero.

„Mann konnte Familie nicht finden“

Ute Hanf arbeitet in dem Schokoladen-Geschäft Hussel, war aber selbst am Montag nicht da. Eine Kollegin habe aber alles mitbekommen. Sie sagte, es sei furchtbar gewesen. Das Erlebte habe sie so mitgenommen, dass sie sich krankmelden musste. Hanf wisse nur, dass ihre Kollegin junge Mädchen mit in den Laden genommen habe und später Hilfe bei der Notfallseelsorge gesucht habe.

Auch die Buchhandlung Bender war „eine Art Schutzraum“, wie es Geschäftsführer Stefan Haag formuliert. Zunächst seien zwei Jungen in die Buchhandlung geflüchtet. „Sie waren gefasst, aber sehr geschockt“, erzählt er. Die Jugendlichen hätten zu Hause angerufen und Bescheid gesagt, dass sie in Sicherheit seien. Nach Anweisung der Polizei habe man schließlich den Laden abgeschlossen. „Der Täter war ja noch flüchtig“, sagt Haag. Er habe aber noch einen Familienvater hereingelassen: „Der Mann war komplett aufgelöst, er konnte seine Familie nicht finden.“ Wie sich herausstellte, hatte die in einem Modegeschäft Schutz gefunden. In der Buchhandlung spreche man seitdem oft mit Kunden über die Ereignisse. „Ich glaube, das bleibt noch ein bisschen so“, sagt Haag, „aber wir müssen versuchen, zum normalen Leben zurückzukehren.“

Seelsorger bis Freitagabend im Einsatz
Passanten zünden an dem Gedenkort am Paradeplatz Kerzen an.
Passanten zünden an dem Gedenkort am Paradeplatz Kerzen an.

Nicht nur nach hinten blicken, sondern nach vorne – das rät auch ein Mitarbeiter der Notfallseelsorge. Die hat ihren Stand noch bis Freitagabend, immer ab 11 Uhr, am Plankenkopf gegenüber vom Wasserturm. Augenzeugen, Passanten und alle, die sich nicht mehr sicher fühlen – jeder kann sich mit seinen Sorgen an die ehrenamtlichen Helfer wenden. „Wir als Notfallseelsorge sind vor allem für die Betroffenen zuständig“, erklärt Ulrich Nellen, einer der Koordinatoren der Notfallseelsorge Mannheim. Unter denen, die sich am Stand Hilfe gesucht hatten, waren am Dienstag auch Menschen, die zwar während der Amokfahrt in der Innenstadt, aber nicht Augenzeugen waren. Die Feuerwehr hat Bierbänke aufgestellt, an denen man zusammen sitzen kann. Wer sich zurückziehen will, findet im Container ein Plätzchen.

„Normalerweise sind die Leute nach den Gesprächen entlastet“, sagt der 69-Jährige. Der Pfarrer im Ruhestand ist seit 15 Jahren bei der Notfallseelsorge und kennt die wichtigsten Tipps: „Wenn einen die Bilder nicht loslassen – abends in einen mentalen Safe sperren.“ Am nächsten Tag könne man sie wieder herausholen. Wichtig sei, dass man die Macht darüber habe. „Das A und O ist zu wissen, mit wem ich reden kann“, ergänzt Nellen. Die Seelsorge biete einen Schutzraum für Gespräche.

Für diese Beratung ist Mannheim dankbar. „Nach der Andacht in der Konkordienkirche waren wir etwas essen. Da kam die Kellnerin und meinte, die erste Runde Getränke sei schon bezahlt“, sagt einer der Seelsorger. Eine Mannheimerin hat die Ehrenamtlichen im Restaurant erkannt und so ihren Dank ausgedrückt. Manche könnten noch nicht wieder auf die Planken gehen, erzählt ein Kollege. Andere hingegen suchten bewusst die Gedenkorte am Strohmarkt und am Paradeplatz auf, um dort zu trauern, wo die beiden Menschen ihr Leben verloren haben.

Mehr zur Amokfahrt lesen Sie hier.

x