MannheimMannheim nach der Amokfahrt: Zuerst Panik, dann gespenstische Stille
Die Mannheimer Planken kurz nach der Amokfahrt: Überall ist Polizei im Einsatz.
Zwei Tote und mehrere Schwerverletzte: Eine Stadt steht unter Schock. Wie Menschen in den Quadraten die Bluttat am Montagmittag erlebt haben.
Fassungslosigkeit, Entsetzen, Angst, Trauer – Mannheim ist erneut in Schockstarre. Kein Jahr ist vergangen seit dem tödlichen Messerangriff auf einen Polizisten auf dem Marktplatz. Ein Auto rast am Montag zur Mittagszeit in eine Menschenmenge auf den Planken. Der Paradeplatz ist nur wenige Meter entfernt. Die Buden des Fasnachtsmarkts sind seit einigen Tagen offen. Der Dienstag hätte nach dem großen Umzug am Sonntag ein weiterer Höhepunkt werden sollen. Doch jetzt ist alles anders. Die Fasnacht endet abrupt. An Feiern denkt in Mannheim niemand mehr. Zwei Menschen werden getötet, mehrere schwer verletzt. Wenige Minuten später ist der Tatort weiträumig abgesperrt. Überall sind Polizisten, viele von ihnen sind mit Maschinenpistolen unterwegs. Ein Hubschrauber kreist über der Stadt. Feuerwehr und Rettungskräfte sind im Einsatz. Auf den Rheinbrücken kontrollieren Beamte. Später wird ein 40-jähriger Ludwigshafener gefasst, der am Steuer des Kleinwagens gesessen haben soll. Der verletzte Mann wird in ein Krankenhaus gebracht.
„Ich habe gesehen, wie ein Auto schnell die Planken Richtung Paradeplatz hochgefahren ist. Zuerst realisiert man das gar nicht richtig. Wir hatten unseren Laden voller Gäste. Irgendwann ist dann bei den Leuten Panik ausgebrochen. Eine Frau hat geschrien wie verrückt. Da war mir klar, dass etwas Schlimmes passiert ist“, berichtet Walter Calandi. Er ist Inhaber der Vinothek „Perché No“ im Quadrat P3. Gegen 15 Uhr ist sein Laden längst geschlossen, die Stühle, die am Mittag noch voll besetzt waren, sind leer. Die Kunden, die mit bester Laune bei einem Gläschen Wein die zarte Frühlingssonne genossen haben, sind mittlerweile zu Hause. Die Läden hätten auf Anweisung der Polizei schließen sollen, sagt Calandi. Ob er am Dienstag seine Vinothek wieder öffnet? Der Geschäftsmann kann es nicht sagen. Was er aber weiß: Musik – wie für den Fasnachtsdienstag geplant – werde es mit Sicherheit keine geben. „Mannheim geht kaputt. Wer kommt denn noch hierher?“, fragt der Italiener. Er sei so froh gewesen, als seine Tochter ihn angerufen und gesagt habe, dass bei ihr alles in Ordnung sei. Seine Frau wollte am Abend eigentlich ihren Geburtstag groß feiern.
Viele mit Tränen in den Augen
Die Spuren werden bis in den Abend gesichert.
Am Nachmittag hat sich eine beklemmende Stille über die Mannheimer Innenstadt gelegt. In den Gesichtern der meisten Menschen ist abzulesen, dass etwas ganz Furchtbares geschehen ist. Viele haben Tränen in den Augen. Dann gibt es aber auch diejenigen, die die Absperrbänder ignorieren, um so nahe wie möglich an den Tatort vorzudringen. Natürlich mit gezückten Handys.
Wenige Stunden vorher ist die Mannheimer Innenstadt für einen Montag sehr belebt gewesen. Stefan Heeg, Geschäftsführer der Buchhandlung Bender im Quadrat O4, ist der Schock ebenfalls anzusehen. Er steht vor seinem Laden, schaut fassungslos Richtung Planken. „Ich selbst habe das nur indirekt mitbekommen. Leute haben sich in Panik in einen dm-Markt geflüchtet. Auch wir hatten zwei Kunden, die das direkt mitbekommen haben. Wir haben sie mit Wasser versorgt“, erzählt er. Er bestätigt, dass die Stadt voll gewesen sei. Auch viele Touristen seien unterwegs – unter anderem wegen einer hochkarätigen Ausstellung in der Kunsthalle, die in wenigen Tagen zu Ende geht. „Wir müssen weitermachen. Die Leute, die so was machen, wollen doch, dass aus Angst niemand mehr rausgeht“, sagt Stefan Heeg.
Der Schuh eines Opfers liegt auf dem Pflaster.
Zwei dieser Touristen stehen am Rande des Paradeplatzes. Von der amerikanischen Ostküste stammt das Ehepaar. Mannheim und Heidelberg liegen auf ihrer Reiseroute. „Wir sind hier einfach rumgelaufen und plötzlich war alles voller Polizei. Ich habe von mehreren Toten gehört“, erzählt die Frau. Die Gerüchte erzählen sich in einem atemberaubenden Tempo weiter. Von mehreren Toten und abgetrennten Gliedmaßen ist da die Rede. Zwei junge Frauen sagen, dass das Auto bestimmt mit Tempo 100 unterwegs gewesen sei. Dann zückt sie ihr Handy und zeigt ein Bild, das angeblich ihre Mutter in der Rheinstraße gemacht hat. Es zeigt einen Mann, der gerade von der Polizei festgenommen wird.
„Schreiende Menschen“
Direkt am Paradeplatz ist eine Akademie für soziale Berufe. Der Unterricht ist zur Zeit der Bluttat in vollem Gang. Die Schüler hören die Sirenen, die nicht aufhören wollen, schauen aus den Fenstern. Miriam Schmitt ist die Schulleiterin. „Die Polizei hat uns mitgeteilt, dass niemand das Gebäude verlassen soll. Um 13.30 Uhr hieß es dann, dass keine Gefahr mehr besteht“, erzählt sie. Wenige hundert Meter entfernt steht ein junger Mann vor einem Handy-Laden in der Fressgasse. Auch er ist zum Zeitpunkt der Amokfahrt nur einen Steinwurf vom Geschehen entfernt. „Mindestens hundert Leute sind schreiend und weinend Richtung Wasserturm gerannt. Dann hat es sich schnell verbreitet, was geschehen ist“, berichtet der 26-Jährige. Seine Eltern stammen aus der Türkei. Er selbst ist in Mannheim geboren. Die Stadt mit den Quadraten ist seine Heimat. „Ich liebe Mannheim, Aber was das mit der Stadt macht? Ich kann es nicht sagen.“
Rettungsdienste betreuen die Passanten.
Was das mit Mannheim macht, kann wahrscheinlich unter dem unmittelbaren Eindruck dieses Montags noch niemand sagen. Die Atmosphäre am späten Nachmittag in der Mannheimer Innenstadt ist gespenstisch. Immer wieder suchen Passanten und Anwohner das Gespräch mit der Polizei. „Hat man den Täter gefasst, was ist genau passiert?“ Die Beamten beruhigen, halten sich aber bedeckt. Ein Mann will wissen, wie er zu Fuß nach Ludwigshafen kommt. Einige Orte sind auch Stunden nach der Amokfahrt noch gesperrt. Ein Beamter erklärt ihm den Fußweg über die Schumacher-Brücke. In Ludwigshafen gibt es auch nur ein Thema. Fassungslosigkeit, Entsetzen, Angst, Trauer – auch hier sind die Menschen bedrückt. Eine Frau unterhält sich in der Nähe des Rathauses mit einer Freundin: „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Es ist einfach nur schlimm.“
Das beschädigte Fahrzeug wurde vor einer Zufahrt zur Rheinbrücke entdeckt.
Auch Beamte des Entschärfungsdienstes der Polizei waren an dem beschädigten Fahrzeug im Einsatz.