Mannheim
Nach der Amokfahrt in Mannheim: „Es war wie ein Schlachtfeld“
Die letzten Überreste von buntem Konfetti kleben hartnäckig zwischen den Pflastersteinen der Mannheimer Innenstadt. Sie sind stille Zeugen dessen, was am Sonntag noch war und was am Faschingsdienstag hätte sein sollen: Fröhliche Menschen, die ausgelassen Fasching feiern. Statt Tausender Menschen, die sich in Kostümen durch die Planken drängen, herrscht am Dienstagmorgen Stille. Trauer, Angst und Fassungslosigkeit haben sich in die Gesichter der wenigen Passanten eingeschrieben, die es am Morgen nach der Amokfahrt hierher verschlagen hat. Sie eilen zum Arzt, zur Bank oder zur Arbeit – zum Flanieren ist heute niemand gekommen. Die Geschäfte bleiben leer, manche sind „aufgrund aktueller Ereignisse“ geschlossen. Nur an einigen Stellen flattern noch Reste von Absperrband im Wind, ein leises Echo der großflächigen Sperrung vom Vortag.
„Warum macht man so etwas?“, fragt Kamps-Mitarbeiterin Emmanuella Ulus. Die Verzweiflung darüber, dass sie vermutlich niemals eine Antwort auf ihre Frage bekommen wird, klingt in jedem Wort mit. Während des Vorfalls arbeitete sie in einer Bäckereifiliale, die direkt an der Strecke liegt, auf der das Auto Menschen erfasste. „Wenn ich jetzt rausschaue, habe ich Bilder im Kopf von dem, was passiert ist. Ich bekomme Gänsehaut – es ist einfach so schrecklich und unfassbar.“ Szenen wie aus dem Fernsehen seien plötzlich Realität geworden – mitten in ihrer Stadt, an ihrem Arbeitsplatz im Herzen Mannheims.
Amokfahrt erschüttert Sicherheitsgefühl
Auch Oliver Gauglitz vom Tabakladen Wolsdorff gegenüber kann den Schrecken des Vortags nicht abschütteln. Während der Amokfahrer durch die Einkaufsstraße raste, war er im Laden. „Als ich die Schreie gehört habe, dachte ich zuerst, es sei ein Unfall am Paradeplatz“, erzählt er. Kurz darauf sei eine zitternde Studentin nach Schutz suchend in den Laden geflüchtet. Gauglitz wird klar: Es war kein Unfall. Es ist eine Katastrophe. Neben der Trauer um die Opfer beschäftigt ihn am Tag danach vor allem eine Frage: „Wie sicher sind wir in der Mannheimer Innenstadt noch?“
Wenige Meter entfernt hat ein Passant diese Frage bereits für sich beantwortet: „Ich werde in Zukunft zweimal überlegen, ob ich wirklich in die Stadt muss.“ Dass er am Tag nach derTat hier ist, hat einen Grund: Er will den Opfern gedenken.
Gedenken an Opfer der Amokfahrt in Mannheim
Damit ist er am Dienstag nicht allein. Auf dem Paradeplatz zeugen Blumen, Karten und Kerzen von der Anteilnahme der Menschen. Bereits am Vorabend hatten Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), Mannheims Oberbürgermeister Christian Specht (CDU), Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Innenminister Thomas Strobl (CDU) dort weiße Rosen niedergelegt. Es ist ein Ort des Innehaltens. Ein Ort, an dem Menschen in ihrer Trauer und Fassungslosigkeit vereint sind. Auch Einsatzkräfte, die am Vortag noch Opfer versorgt haben, sind unter ihnen. „Es war wie ein Schlachtfeld. Es sah aus, als hätte man einfach ein Auto in eine Menschenmenge fallen lassen“, beschreibt ein Notfallsanitäter seine Eindrücke. Mental habe er den Tag gut überstanden – dank eines standhaften Kollegen und eines stabilen Umfelds. Gespräche über das Erlebte helfen ihm bei der Verarbeitung: „Wir versuchen, den Kopf hochzuhalten und uns von so etwas nicht unterkriegen zu lassen.“
Am anderen Ende der Planken, wo die Todesfahrt begann, hat die Notfallseelsorge Mannheim am Dienstag einen Anlaufpunkt eingerichtet. „Viele Augenzeugen tragen verstörende Bilder mit sich. Unsere Aufgabe ist es, sie bei der Verarbeitung dieser Eindrücke zu unterstützen“, erklärt Isabell Gürel von der Notfallseelsorge Mannheim. Besondere Aufmerksamkeit widmen die Seelsorger am Dienstag den Angestellten der umliegenden Geschäfte, die am Vortag spontan zu Ersthelfern wurden, als verängstigte Menschen in ihren Läden Schutz suchten. „Wir helfen dabei, das Erlebte einzuordnen und den ersten Schock zu verarbeiten, sodass später keine posttraumatische Belastungen entstehen“, sagt Gürel.
Mannheim unter Schock
Einordnen, verstehen, verarbeiten – diese Aufgabe stellt sich nun nicht nur für die unmittelbar Betroffenen, sondern für die gesamte Mannheimer Bürgerschaft. Weniger als ein Jahr nachdem ein Polizist nur wenige Meter entfernt Opfer einer tödlichen Messerattacke wurde, sitzt der Schock tief.
Info
Für weitere Unterstützung hat die Landesregierung Baden-Württemberg unter 0800 0007556 eine Hotline eingerichtet.