Ludwigshafener Geschichte(n)
Ein vergessener Gründungsvater der Stadt
„Wrede“? Für Stadthistoriker ist die Antwort einfach: Eugen Fürst von Wrede (1806-1845) war schon vor der Stadtgründung für Ludwigshafen aktiv – als sechster Regierungspräsident des „Rheinkreises“ seit 1816, der späteren Pfalz, mit Sitz in Speyer. Der Fürst, der am 4. März 1806 in Heidelberg als Sohn des Generalfeldmarschalls Carl Philipp von Wrede (1767-1838) geboren wurde, hatte in seiner nur knapp fünfjährigen Tätigkeit als Regierungspräsident von 1841 bis 1845 maßgeblichen Anteil daran, dass aus dem militärischen Mannheimer Vorwerk Rheinschanze die spätere Großstadt Ludwigshafen wurde.
Mit anderen Worten: Fürst Eugen von Wrede gehörte neben den aus Speyer stammenden Kaufleuten Johann Heinrich Scharpff (1754-1828) und Philipp Markus Lichtenberger (1783-1842) zu den Gründungsvätern von Ludwigshafen. Von Wrede war ein echter Kurpfälzer: Sein Großvater war kurpfälzischer Regierungsrat und Landschreiber des Oberamtes Heidelberg und hieß eigentlich „Wreden“. Als er wegen seiner Verdienste 1790 von Kurfürst Karl Theodor (1724-1799) in den erblichen Adels- und Freiherrenstand erhoben wurde, wurde sein Familienname auf „von Wrede“ verkürzt. Sein Vater hatte eine erfolgreiche Karriere als Soldat und wurde schließlich sogar Generalfeldmarschall. Von den Beziehungen der Familie zum bayerischen Königshaus profitierte auch Bruder Karl Theodor von Wrede (1797-1871): Er wurde am 21. November 1837 zum Regierungspräsidenten der Pfalz ernannt.
Einsatz für Infrastruktur
Und damit begann dort auch die kurze berufliche und politische Karriere von Eugen von Wrede. Als sein beliebter Bruder am 16. April 1841 auf eigenen Wunsch als Regierungspräsident in den Ruhestand trat und als Dank der Bevölkerung zum Ehrenbürger von Speyer ernannt wurde, berief ihn Bayern-König Ludwig I. zum Nachfolger. Der neue „Pfalz-Chef“ hatte Weitblick: Er sorgte sich intensiv um die Infrastruktur, unterstützte von Beginn an die Bemühungen um einen Eisenbahnbau von der Rheinschanze ins saarländische Bexbach, initiierte 1842 die „Bayerisch-Pfälzische Dampfschleppfahrt-Gesellschaft“ und erkannte die Chancen des bayerischen Staates auf einen eigenen Hafen am Rhein, als 1842 das Handelshaus von Heinrich Wilhelm Lichtenberger (1811-1872) wegen der kostspieligen Erbteilung nach dem Tod von Seniorchef Philipp Markus Lichtenberger (1783-1842) finanziell ins Trudeln kam.
Die Rheinschanze war zu diesem Zeitpunkt längst zum Knotenpunkt des regionalen und überregionalen Warenaustauschs geworden. Bahn und Rhein sollten in Zukunft die Triebfedern für eine Stadtgründung werden. Von Wrede ließ die Regierung in München wissen, dass der Hafenplatz und die Handelsniederlassung Rheinschanze wegen der Probleme von Erbe Heinrich Wilhelm Lichtenberger zum Verkauf standen – dass aber auch die badische Konkurrenz in Mannheim davon wusste und Kaufinteresse zeigte. Eine Eilentscheidung bis zum 15. März 1843 sei notwendig, um am Ball zu bleiben. Den Wert des Lichtenberger-Areals schätzte man auf zunächst 300.000 Gulden. Doch nach zähen und weitgehend geheimen Verhandlungen einigte man sich am 14. März 1843 schließlich auf einen Kaufpreis von 190.000 Gulden. Und Lichtenberger sollte mindestens zwei weitere Jahre sein Geschäft betreiben, um so für problemfreie Übergänge für die neuen Besitzer zu sorgen, die schon in den Startblöcken standen.
Neuer Name für die Stadt
König Ludwig I. konnte vor allem von einer von ihm verlangten Kommission mit Eugen von Wrede, Oberzollinspektor Karl Schneider, dem späteren Regierungspräsidenten Franz Alwens und Landkommissär Carl Friedrich Koch davon überzeugt werden, dass sich ein finanzielles Engagement des Staates lohnen würden. So wurde dabei auch ins Feld geführt, dass es mehrere zukunftsorientierte Interessenten für die Anlagen in der ehemaligen Rheinschanze gebe, deren militärischer Charakter am 16. Februar 1843 aufgehoben worden war. Außerdem seien bereits jetzt jährliche Mieteinnahmen vom Krämer Friedrich Wilhelm Corcilius und Gastwirt Wilhelm Saam in Höhe von 6000 Gulden zu erwarten. Der König war von den Ergebnissen der Kommission überzeugt, die Mannheimer Konkurrenz damit aus dem Rennen – und die Rheinschanze erhielt am 25. April 1843 den Namen Ludwigshafen.
Für Fürst Eugen von Wrede hätte nun alles positiv weiter laufen können. Doch er fiel plötzlich bei Ludwig I. in Ungnade. Der Grund: Er warnte davor, in der überwiegend protestantisch orientierten Pfalz mit der Wiedergründung des Klosters Oggersheim durch die Franziskaner-Minoriten einen „Brennpunkt“ zu schaffen und riet dem König davon ab, Oggersheim bei einem Pfalzbesuch 1843 ins Programm zu nehmen. Die Münchener reagierten sauer und von Wrede musste klein beigeben. 1844 bat der studierte Jurist um Rückversetzung in den bayerischen Justizdienst und spekulierte darauf, Leiter einer großen Behörde zu werden. Stattdessen schickte man ihn am 1. März 1845 zum untergeordneten Appellationsgericht in Bamberg: eine klare Rückstufung des ehrgeizigen Politikers und Juristen. Zwei Monate später starb Fürst Eugen von Wrede „nach kurzer Krankheit“, so hieß es damals lapidar. Der plötzliche und tiefe Fall war für den 39-jährigen Vater von zwei Söhnen und einer Tochter wohl auch die Ursache für den frühen Tod.