Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Die Macht der Natur: „Universe“ von Wayne McGregor im Pfalzbau

Das Leben auf der Erde begann im Wasser, und das Dunkel verschlingt die Tänzer in ihren Tarnanzügen.
Das Leben auf der Erde begann im Wasser, und das Dunkel verschlingt die Tänzer in ihren Tarnanzügen.

Die überwältigende Optik und Musik in „Universe – A Dark Crystal Odyssey“ des britischen Choreografen Wayne McGregor bei den Festspielen im Ludwigshafener Pfalzbau erzeugt starke Gefühle und lässt den Menschen winzig erscheinen.

Der britsche Choreograf Wayne McGregor gehört zu den derzeit ganz Großen. Die Festspiele im Theater im Pfalzbau in Ludwigshafen präsentierten gleich zwei der jüngsten Tanzschöpfungen: „Deepstaria“ über die Geheimnisse der Tiefsee in deutscher Erstaufführung (wir berichteten) und die nur wenig ältere „Universe – A Dark Crystal Odyssey“ über die Geheimnisse von Mensch und Umwelt.

Es beginnt gewaltig und laut wie ein Paukenschlag. Hochdramatische Musik von Joel Cadbury; kein Sound-Design, sondern durchkomponierte elektronische Musik, die bis zum Ende durchlaufen wird. Ein Bühnendesign, das mit gigantischer Vergrößerung des eigentlich Kleinen und mit einer Dynamik, die den Zuschauer geradezu erschlägt (Video: Ravi Deepres, Licht: Lucy Carter). Wo eben noch ein knallig orange-gelber Fisch im sanften Blau schwebte, wehen alles verschlingende Seegräser wie Tentakel gespenstisch bis zur Bühnenhöhe. Daraus tauchen ganz unten, ganz klein die neun Tänzer und Tänzerinnen der Company Wayne McGregor auf. Ihre wie Tarnanzüge gefleckten Kostüme machen sie in dem Lichtdesign, das der Dunkelheit verpflichtet ist, noch unscheinbarer.

Mitreißende Musik-Bild-Show

Das Leben auf der Erde begann im Wasser. Wie es begann, weiß man nicht genau. Das Dunkel, in das sich der Tanz über weite Strecken hin hüllt, ist Programm. Im Zusammenwirken mit der Musik und der überwältigenden Optik erzeugt es starke Gefühle. So weit, so gut. Schließlich geht es um ein Thema, das solcher Gefühle bedarf. Aber: Gefühle, besonders die intensiven, nutzen sich schnell ab. Und dann langweilt es den Zuschauer vielleicht, dass er vom Tanz nicht genügend sieht.

„Universe“ ist eine mitreißende Musik-Bild-Show mit Live-Tanz. Wayne McGregor wurde durch seine Tanzkreationen für den Film „Harry Potter und der Feuerkelch“ und ein KI-generiertes Abba-Konzert populär. Die Tanzszene mischt er mit einer eigenwilligen Verbindung von avantgardistischer Technik und neoklassischem Bewegungsvokabular auf. Er ist seit 18 Jahren Haus-Choreograf des Royal Ballet in London und Gast-Choreograf an großen Häusern rund um den Globus. Seine Tanzsprache ist geprägt von noblen Port-de-Bras, schnellen elastischen Schwüngen der ausgestreckten Arme und Beine, sich biegenden Körpern, fließenden Drehungen in der Horizontalen und Vertikalen. In „Universe“ dominieren Trios und Duos die Formationen. Sie bringen angenehm ästhetische Ordnung in einen als aufwühlend chaotisch empfundenen Fluss der Bilder.

Wandeln durch Wälder

Einige der eindrucksvollsten Szenen gibt es gleich zu Beginn. Es geht darin wohl um die Vergangenheit und eine Herrscherfigur. Eine mythisch raunende, doch schwer verständliche Stimme aus dem Lautsprecher ist inhaltlich wenig hilfreich; sie ist mehr Teil der Musik als eigenständig. In einer Art Höhle aus wolkigem Gespinst knien die Tänzer mit vorgestreckten Armen und Händen in einer Reihe. Einer löst sich, geht ein Stück und sinkt zu Boden. Er wird weggetragen, sein vogelähnlicher Kopfputz bleibt am Boden zurück, ein anderer wird ihn später aufsetzen.

In wechselnder Kostümierung quälen sich die kleinen Menschen durch das Geflecht einer Bioröhre, deren riesige Öffnung auf den Zuschauerraum zurast. Sie wandeln durch schöne Wälder, vermeiden riesige hereinschießende Steinbrocken, verweilen vor einem Observatorium, das sich auf einem dunklen Bergrücken gegen den bestirnten Himmel abzeichnet.

Es wird bedeutungsvoll

Die Videos versinnlichen Größe und Macht der Natur. Die Menschen fügen sich ein. Sie setzen ihre eigenen symbolhaften Zeichen wie blumenartige Sonne, flirrender Erdball, Planet, Lichtfeld in der Form einer Galaxie. Vor diesen wird der Tanz in vollem Licht sichtbar, die Musik wird leiser und lyrischer und verstummt vorübergehend. Das heißt also: Es wird bedeutungsvoll. Zwei Beziehungspaare entwickeln sich. Die Bewegungen sind heftig, das Outfit ist dunkel. Zuletzt steht ein helles Bäumchen auf grüner Wiese und darunter ein weißes glückliches Paar.

Zum Weiterlesen

Warum Sir Wayne McGregor der Professor und Technologie-Nerd unter Choreografen ist und wie er Künstliche Intelligenz in „Deepstaria“ einsetzt, lesen Sie hier in der Rezension/Kritik von „Deepstaria“ bei der Deutschlandpremiere im Ludwigshafener Pfalzbau .

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